Die Gabe von Naomi Alderman

Februar 28, 2018



(Original: "The Power"/ 2016) Heyne, Übersetzer/in: Sabine Thiele (aus dem Englischen), 480 Seiten, Broschur★★() 4 bis 5 Sterne
"Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird.“

MEINE MEINUNG / FAZIT

"Fernsehexperten sagen: 'Sperrt sie all ein Hochsicherheitsgefängnisse.' Soweit man das bisher sagen kann, sind alle Mädchen im Alter von etwa fünfzehn Jahren betroffen. Man kann sie nicht alle einsperren, das ist sinnlos. Dennoch fordert es die Öffentlichkeit“  S.29

Margaret Atwoods Lobeshymne auf den Roman prangt vorne auf dem Cover und auch im Nachwort wird ihr von der Autorin für ihre Hilfe gedankt. Es schien mir also kaum verwunderlich, dass man gewisse Bezüge zwischen Naomi Aldermans Roman und Margaret Atwoods Stil ziehen konnte.
Bereits beim Anfang, an dem sich herauskristallisiert auf welch spezielle Art und Weise der Roman aufgebaut ist, kam mir Der Report der Magd in den Sinn. Auch dort werden zu dem Erzählbericht, der die Handlung aufgreift, weitere Zusätze in Form von geschichtlich recherchierten Unterlagen beigefügt, die das Ganze eben wissenschaftlich wirken lassen sollen. Ich persönlich fand es schon in Atwoods Roman wahnsinnig spannend, sodass mich auch der Ansatz in Die Gabe sofort begeistern konnte.
Obwohl mich dieses Konstrukt oder diese Rekonstruktion vorrangig überzeugen konnte, empfand ich auch den Inhalt und die ganze Metaphorik sehr stark.
Denn seien wir mal ehrlich. Wie oft hat man sich (heimlich) gedacht, sobald sich politisch oder grundsätzlich zwischenmenschlich Barrikaden aufgetan haben, dass Frauen in einer Machtposition ganz anders gehandelt hätten? Dass Frauen viel weniger zu Brutalität und Kampfgeist neigen und alles diplomatischer lösen würden?
Diesen Aspekt greift der Roman zunächst scheinbar vorrangig auf, denn Die Gabe ist nur den Frauen vorbehalten. Dadurch können sie sich in der männerdominierten Welt endlich etwas Kraft verleihen, sich wehren und auch Machtworte sprechen. Schnell wird aber deutlich, dass der Roman nicht darauf abzielt, das Bild der 'guten', 'netten' Frau darzustellen, die sich für das Wohlbefinden der ganzen Welt einsetzt. Man wird nicht mit den typischen Bildern konfrontiert, die man sich ausmalt, wenn man davon ausgeht, dass Frauen regieren würden und es wird meiner Meinung nach hervorragend mit den Geschlechterrollen und auch Geschlechterpositionen gespielt.

"Männer dürfen nicht mehr wählen - die vielen Jahre voller Grausamkeit und Erniedrigung haben gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, zu regieren oder zu verwalten."  S.336

Der Roman ist brutaler und deutlich kritischer, als ich ihn mir anfangs vorgestellt hatte, aber genau das ist es auch, was das Buch ausmacht. es zeigt auf, dass dieses Bild was wir von einer friedlichen Welt unter der 'Herrschaft' der Frau vorstellen, gar nicht existieren kann. Das Gefühl der Macht und das Verlangen danach ist unabhängig vom Geschlecht entweder stark oder schwach ausgeprägt. 
Man kann Menschen nicht nach Wunsch in bestimmte Gruppen aufteilen und hoffen, dass sich die eine Hälfte der anderen unterordnet und wehrt. 
Genauso gut wird aber auch aufgezeigt, dass es problematisch ist, wenn die 'Geschlechter' beginnen, durch neu erhoffte Chancen, neu zu positionieren um die Oberhand zu erlangen. Der Roman verdeutlicht, dass es keine Frage der Geschlechter ist, wie man handelt, sondern rein eine Frage der Absichten eines jeden Menschen. Obwohl manche Ausführungen und Handlungen sehr banal erscheinen, zum Beispiel in Bezug auf die körperliche Befriedigung oder die allgemeine körperliche Macht über einen anderen Menschen, ist immer eine deutliche Botschaft dahinter zu erkennen. Dabei fand ich es immer erschreckend zu sehen, dass man, wenn man die Stellen liest, absolut weiß, dass die Verhaltensweisen grausam und vollkommen 'unmenschlich' sind (in Bezug auf die Tatsache, was man überhaupt als menschliches Handeln ansieht) und dennoch stellt man fest, dass es einfach in unserer heutigen Gesellschaft (im übertragenen Sinne) genauso abläuft. 
Frauen besitzen zwar nicht die Gabe, Elektroschocks zu verteilen, aber grundsätzlich thematisiert der Roman diese Kraft, oder auch, wie der englische Titel passend ausdrückt The Power, nach der sich die Menschen anscheinend in der Gesellschaft sehnen. Politische Machtspiele, Die ständige Diskussion darüber, ob Männer wirklich das stärkere Geschlecht sind, diese permanente Kritik an alles und jedem, der nicht der Norm entspricht. 
Zudem werden diese gesellschaftlichen Fragen, die zumeist erst einmal nur in der eigenen Nationalität angesprochen werden auch noch in die weltliche Situation ausgeweitet. Religionen werden hinzugezogen, Gottesbilder werden skizziert und wieder zertrümmert. Man kann wirklich nicht sagen, dass der Roman einem wenig Gesprächsstoff bietet. Und dennoch ist der Roman am Ende so clever konstruiert, dass man sich einerseits denkt: 'Ja, jetzt müssen doch alle aufwachen und begreifen, was für ein Irrsinn diese Macht und die Vorstellung davon eigentlich ist' und kurz darauf hat man irgendwie das Gefühl, dass die Menschen manchmal einfach nicht die Kraft haben nachzugeben und sich Schwächen einzugestehen, um voranzukommen.
Ich hoffe dennoch sehr, dass dieses Buch von vielen gelesen und reflektiert wird und dass diese Visionen einer Zukunft, die man sich nicht vorstellen möchte, nicht irgendwie doch für immer unsere jetzige Situation wiederspiegeln wird.

"Die Kraft sucht ein Ventil. Diese Dinge haben sich schon zuvor ereignet, und das werden sie auch wieder. Ein endloser Kreislauf."
  S.401


Packende Geschichte, die sich als historischer Roman tarnt und den Leser in seinen Bann zieht. Greift sehr viele Punkte der Gesellschaft auf, die sich mit der geschlechtlichen Identität beschäftigen und auf die Frage eingehen, was uns Macht überhaupt bringen kann und bringt. Spielt mit vielen religiösen Bezügen und wird so zu einem genial konstruierten Leseerlebnis. Spannend und hoffentlich auch endlich mal 'Augen öffnend'.

Vielen Dank an den Heyne Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Kommentare:

  1. Huhu Karin,
    danke für deine tolle Rezension. Ich werde das Buch diesen Monat lesen und bin nun noch gespannter darauf. Es klingt richtig gut, was du dazu schreibst.
    Liebe Grüße, Petra von Papier und Tintenwelten

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bin sehr auf deine eigene Meinung gespannt! : )


      Liebe Grüße
      Karin

      Löschen
  2. Ich mochte auch sehr, wie der Roman sagt, dass es mit Frauen an der Macht eigentlich nicht anders laufen würde und das Macht an sich das Problem ist und nicht das Geschlecht. Allerdings fand ich den Einwurf bei Collection of Bookmarks auch sehr berechtigt, dass diese Herangehensweise ein wenig die Vergangenheit von uns Frauen außer Acht lässt und alle Frauen in Führungspositionen im Buch über einen Kamm schert. Es wäre bei den vielen Perspektiven doch eine deutliche Ausnahme schön gewesen, die wirklich mal anders handelt oder sich zumindest darum bemüht.
    Was das Buch wiederum wunderbar aufgezeigt hat, ist wie lächerlich es ist wenn ein Geschlecht in der Führungsrolle sitzt. Tja, nur doof, dass es andersrum in vielen Bereichen noch genauso läuft. Das hast du ja auch angesprochen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, also die Rezension von "Collection of Bookmarks" habe ich noch nicht gelesen, das sollte ich vielleicht machen, denn ich finde alle Meinungen dazu sehr interessant. Man kann hier wirklich gut und viel darüber diskutieren!
      Hmm, also auf den ersten Blick gebe ich dir rechtm dass Frauen in Führungspositionen nicht gut wegkommen, aber wenn man etwas genauer hinschaut, dann kommt für mich eher der Eindruck auf, dass es einfach die Führungsperson an sich ist, die die Probleme auslöst. Genauso werden ja auch die Männer kritisiert, die sich dann als die Opfer sehen und mit voller Macht gegen die Frauen kämpfen wollen. Ich fand aber auch, dass die Vergangenheit der Frau schon zum Ausdruck gekommen ist, vor allem aber im letzten Austausch zwischen den beiden 'Autoren'. Natürlich wurden sicherlich einige Perspektiven außer Acht gelassen, aber bei der Thematik müsste man glaube ich ein Buch schreiben, dass sehr viel länger ist, um alles unter einen Hut zu bringen. : ) Zudem finde ich es gut, dass das Buch irgendwie den Impuls sendet, dass man sich nur im Kreis dreht, wenn man sich ständig anschaut, wer nun doch im Nach- oder Vorteil ist und dass man anfangen sollte einfach "zusammenzuarbeiten".



      Liebe Grüße
      Karin

      Löschen
    2. Na ja, ich glaube das Buch hätte einfach noch vielschichtiger sein können, wenn eine der weiblichen Perspektiven noch mal ganz anders mit der Sache umgegangen wäre, halt nicht früher oder später total korrumpiert von Macht, das hätte dem ganzen noch mehr Facetten gegeben, aber zur Diskussion regt es ja so oder so an ;)

      Löschen

Mit dem Absenden deines Kommentars bestätigst du, dass du meine Datenschutzerklärung, sowie die Datenschutzerklärung von Google gelesen hast und akzeptierst.