Wovon sie träumten von Fiona Davis

November 12, 2017


(Original: "The Dollhouse"/ 2016) Goldmann Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite», Übersetzer/in: Ann-Catherine Geuder (aus dem Amerikanischen), 448 Seiten, Taschenbuch★★(★) 3  bis 4 Sterne
"Das Barbizon in New York: Die junge Journalistin Rose ist erst vor Kurzem in das elegante Apartmenthaus eingezogen. Im Lift trifft sie auf eine ältere Dame, deren ungewöhnliche Erscheinung Rose fasziniert. Vom Portier erfährt sie, dass Darby schon in den 1950ern hier lebte, als das Barbizon ein Wohnheim für junge Frauen war. Noch kann Rose nicht ahnen, wie eng ihr Schicksal mit Darbys verknüpft ist. Darby, die nicht nur ihr Gesicht hinter einem Schleier, sondern in ihrem Herzen ein dunkles Geheimnis verbirgt …"


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"Wie es wohl gewesen war, als diese exklusive Adresse Hunderte von hübschen jungen Frauen beherbergte? Einige von ihnen hatten Weltruhm erlangt: Grace Kelly, Sylvia Plath, Candice Bergen..." S.15

Die Idee des Buches reizte mich sofort. Ich liebe es an alten Gebäuden oder verlassenen Geschäften vorbeizugehen und darüber nachzudenken, was vor vielen Jahren vielleicht darin beherbergt war, welche Menschen ihr Leben dort verbracht haben und welche Gründe es hatte, dass das Haus oder der Laden nun leer stehen.
Fiona Davis greift diese Überlegungen ebenfalls in ihrem Roman auf. In einem stetigen Wechsel zwischen den Jahren 1952 und 2016 lernt der Leser die Protagonistinnen Darby und Rose kennen. Beide wohnen nun im berühmt berüchtigten 'Barbizon', wobei Rose berufsbedingt Interesse an Darbys Vergangenheit in diesem Gebäude findet.
Man wird natürlich sofort in den Sog der New Yorker Stadt gezogen. Die großen Wolkenkratzer die in die Lüfte ragen und die Hektik die in der Stadt herrschen, kann man sich blendend vorstellen. Und doch bleibt das 'Barbizon' ein ganz guter Fixpunkt in der ganzen Geschichte. Das bietet dem Ganzen eine ausgewogene Festigkeit. Natürlich treten auch andere Orte auf, die eine gewisse Wichtigkeit aufweisen, aber mir gefiel, dass sich die Geschichte wirklich auf die Bedeutung und die Geschichte des 'Barbizon' stützte und man sozusagen das bekommen hat, was man sich von dem Roman auch erhofft hat.
Durch den lebendigen Wechsel in das Jahr 1952 erfährt man auch recht viel darüber, wer in diesem Haus gelebt hat, auch welche Berühmtheiten dort residiert haben. Dennoch bleibt auch hier der Fokus gezielt auf den Protagonistinnen, was die Geschichte für mich spannender und harmonischer machte.

"Esme verfügte zwar über einen forschen Ton und Selbstvertrauen, aber sie hatte ebenfalls Angst. Keine Angst vor Veränderung wie Darby, sondern Angst davor, auf der Stelle zu treten, sich nicht zu verändern.S.159

Bei den Protagonistinnen selbst musste ich dann nach einiger Zeit überlegen, ob mir die Handlungsstränge und die 'Verknüpfung der Schicksale' so gut gefallen haben. Ehrlich gesagt fand ich Darbys Geschichte deutlich interessanter und charismatischer, als Roses Auftreten. Wo die Vergangenheit etwas Geheimnisvolles und etwas schön Aufgearbeitetes bekommen hat, da hat es bei der Darstellung der Gegenwart nicht mehr ganz ausgereicht, um mich vollständig fesseln zu können.
Natürlich braucht man eine Art Verbindungsstück, um die Geschichte eines Gebäudes über mehrere Jahrzehnte hinweg zu erzählen, aber hier wirkt Rose einfach als eine Art 'Funktion' ohne wirklich das Gefühl zu vermitteln, dass sie auch einen sehr persönlichen und menschlichen Teil zu der Geschichte beitragen könnte. Sie blieb für mich deutlich hinter Darby und den 50er Jahren zurück.
Obwohl mir grundsätzlich auch viele kleine Einfälle gefallen haben und ich die Geschichte rund um Darby und ihre Freundin Esma wirklich geglückt fand, verlief zum Ende hin alles etwas zu 'Friede Freude Eierkuchen'-mäßig. Es ist vielleicht dieses klassische Ende, was man sich eigentlich mittlerweile überhaupt nicht mehr wünscht, weil es unfassbar stereotypisch wirkt. 
Zudem fand ich auch einige Formulierungen und Ausdrücke zu 'Vorlagenmäßig', was das Buch zwar zu einer guten Zwischenlektüre macht, wodurch man aber leider die Ernsthaftigkeit in Bezug auf die historischen Bezüge zu der Position der Frau in den 50ern oder ihrer Berufswahl etwas musterhaft wahrnimmt. 
Ich muss aber dennoch zugeben, dass die eigentliche Idee, zwischen den Zeiten zu wechseln durchaus gelungen ist und man sich so stets darauf gefreut hat, in die jeweils andere Zeit zurückzukehren, um dem Geheimnis der Vergangenheit auf die Spur zu kommen.

"'Wusstest du, dass das Barbizon früher >das Puppenhaus< genannt wurde? Kann man noch mehr zum Objekt degradiert werden? Als hätten diese Frauen nur Theater gespielt, bis sie durch die magischen Kräfte der Ehe zu einem lebenden, atmenden Wesen wurden.' " S. 201f.


Träumerisch und ernst zugleich, wenn mich auch die durchgängige Sprachwahl beziehungsweise die Formulierungen nicht immer überzeugt haben, da sie zu vorhersehbar und durchschnittlich wirkten. Zu der schönen Atmosphäre der 50er Jahre der New Yorker Großstadt passt aber die Idee, ein berühmtes Gebäude aus der Vergangenheit in der Gegenwart erneut aufleben zu lassen. Die Geschichte rund um Darby gefiel mir durchaus sehr, die Umsetzung von Roses Lebenssituation erschien mir allerdings leider manchmal als deutlicher Lückenbüßer. Dennoch ist es eine schöne Geschichte, die nicht nur ein Geheimnis in der fiktiven Welt aufdecken möchte, sondern auch eine, die uns daran erinnert, dass jeder Mensch eine Jugend durchlebt hat und wir deren Erfahrungen zu wenig wertschätzen. Ebenso greift der Roman die Idee auf, dass man sich gerne man die Zeit nehmen sollte, um auch alte Gebäude nach ihrer Geschichte zu 'befragen'.
























Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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