Dunbar und seine Töchter von Edward St. Aubyn

November 23, 2017






(Original: "Dunbar"/ 2017) Knaus Verlag, Übersetzer/in: Nikolaus Hansen (aus dem Englischen), 256 Seiten, gebunden★★ 4 Sterne
"Sein ganzes Leben lang hat Henry Dunbar auf nichts und niemanden Rücksicht genommen, besessen von der Vision, seinen kleinen Zeitungsverlag zu einem Medienkonzern auszubauen. Auf dem Zenit seiner Macht hat nur noch einen einzigen, aber mächtigen Feind: das Alter. Dunbar weiß, er muss sein Reich in die Hände seiner Töchter legen. Nur zwei der Kinder hält er für geeignet. Doch das Leben erteilt ihm eine bittere Lektion."


MEINE MEINUNG / FAZIT

In diesem Shakespeare Projekt wendet sich jeder Autor seinem Text anders zu und lässt den Leser auch auf unterschiedliche Weise an der Neuinterpretation des jeweiligen Shakespeare Stücks teilhaben. Edward St. Aubyn hat sich dazu entschieden, keine Zusatzinformationen zu dem Originalstück hinzuzufügen. Das bedeutet, dass man die Geschichte als Leser natürlich ohne jegliche Vorkenntnis lesen kann und dadurch ein ganz eigener Roman entsteht oder man muss sich das Vorwissen selbst aneignen, um die Bezüge zu dem Original 'König Lear' erspüren zu können.
Hat man 'König Lear' tatsächlich vorher gelesen oder kennt man sich zumindest mit dem Grundgerüst der Geschichte aus, so fallen natürlich starke Parallelen auf, welche wunderbar diese Neuinterpretation inszenieren, andererseits findet man auch Unterschiede, die St. Aubyns Roman dadurch noch etwas interessanter machen. 
Hier finden wir uns nämlich nicht im alten England wieder, sondern in der uns bekannten modernen Welt. Macht, Ansehen, Konzerne und Firmen, wie auch der Besitz von Geld und Reichtümern nimmt immer mehr Platz im Leben der Menschen ein und ganz besonders im Leben der Protagonisten. Doch Henry Dunbar, Vater dreier Töchter unterschätzt deren Willen nach mehr Besitz. Es entspinnt sich ein Konflikt, der einerseits ins Kriminelle geht, andererseits mit den Werten des Menschseins spielt. 
Was ist uns wichtig und was sollte uns wichtig sein? Wie viel sind wir bereit zu opfern, nur um materiellen Reichtum unser Eigen nennen zu dürfen?

"'Dürfen?' , donnerte ich los, 'dürfen? Wer wagt es, Dunbar seine Wünsche abzuschlagen? Wer wagt es, Dunbar seine Marotten zu versagen?' 

    'Natürlich niemand', sagte Peter. 'Dunbar allein hat die Macht oder hatte die Macht oder hatte einstmals die Macht.' S.15

Grundsätzlich war ich von der Neuauflage St. Aubyns wirklich angetan. Er spielt geschickt mit den Elementen des Originals und weiß auch, wie er modernere Erzählstränge einbauen soll. Die Tatsache, dass ganz zu Beginn schon der Protagonist Dunbar in einer Klinik sitzt, in welche ihn seine Töchter einliefern lassen haben, bringt das Ganze auf ein interessantes Level, da hier ebenfalls der freie Wille und die Zurechnungsfähigkeit thematisiert werden.
Auch die folgenden Verwicklungen und Verstrickungen zwischen den Charakteren untereinander sind gut ausgebaut, allerdings fehlte mir an der ein oder anderen Stelle eine stärkere Tiefe und Charakterisierung der Figuren. Besonders zwei Töchter wurden nur auf das Nötigste an Eigenschaften reduziert, was einerseits natürlich eine deutliche Botschaft an den Leser ist, was aber auch dazu führt, dass man einige Verhaltensweisen kaum nachvollziehen kann. 
Deutliches Kennzeichen für mich, war hier aber auch das Spiel zwischen 'normal sein' und 'verrückt sein' und die Wirkung nach außen. Es treten Figuren auf, die der Leser ebenfalls als echt oder unecht identifizieren muss und welche der Geschichte eine erneute spannende Komponente verleihen.
Auch die 'Auflösung' des Ganzen fand ich durchaus gelungen. Leider muss ich aber sagen, dass zwischen dem Mittelteil und dem Ende für mich einige Längen aufgetreten sind, die sich beinahe wie eine Wiederholung angefühlt haben.

"'Ich fühl mich wie von der Alarmanlage aufgeschreckt' , sagte Florence, 'als wäre mein Leben mit Benjamin ein teurer Spaß gewesen, während meine Schwestern den Konzern gekapert und meinen Vater entführt haben.' 

     'Vielleicht ist es an der Zeit, dass du dich auf deine herkunft besinnst und deine Dunbar-Rüstung anlegst.'" S. 51f.


Ein würdiger 'Hogarth Shakespeare' Roman, der sich durch die klassischen Shakespeare Elemente, aber auch durch interessante und neue Einflüsse auszeichnet. Es entstehen viele Fragen, die sich mit der Familie, dem Zusammenhalt, dem wirklich wichtigen im Leben beschäftigen und der Roman thematisiert gleichzeitig die bittere Gier nach Macht und Reichtum. 
Auch wenn sich für mich einige Längen eingeschlichen haben und ich mir auch bei einigen Figuren eine etwas stärkere Charakterisierung gewünscht hätte, ist Edward St. Aubyn der Ansatz 'aus Alt mach Neu' durchaus geglückt.


Vielen Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


1 Kommentar:

  1. Die Fotos sind wirklich schön geworden =) Und auch das Cover selbst spricht mich an. Schön, dass das Buch dich überzeugen konnte =)

    Neri, Leselaunen
    www.leselaunen.net

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