Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

September 09, 2017



(Original: "-"/ 2017) Knaus Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in:-, 344 Seiten, zahlreiche Illustrationen von Lydia Rode, gebunden★★ 4 Sterne
"Prinzessin Dylia, die sich selbst „Prinzessin Insomnia“ nennt, ist die schlafloseste Prinzessin von ganz Zamonien. Eines Nachts erhält sie Besuch von einem alptraumfarbenen Nachtmahr. Havarius Opal, wie sich der ebenso beängstigende wie sympathische Gnom vorstellt, kündigt an, die Prinzessin in den Wahnsinn treiben zu wollen. Vorher nimmt er die Prinzessin aber noch mit auf eine abenteuerliche Reise durch die Welt des Denkens und Träumens, die für beide immer neue und überraschende Wendungen bereit hält, bis sie schließlich zum dunklen Herz der Nacht gelangen. Walter Moers erzählt dieses Märchen aus der zamonischen Spätromantik voller skurriler Charaktere mit der ihm eigenen Komik: spannend und anrührend zugleich."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"'Es gibt genügend praktische Erfindungen, die uns keinerlei Trost spenden', hatte Dylia einmal ihren Brüdern mitgeteilt. 'Aber viel zu wenig trostspendende, die überhaupt keinen praktischen Nutzen haben.'“  S.45
  
Schlaflose Nächte kennen die meisten von uns, aber nicht in dem Ausmaß, in welchem sie Dylia begegnen. Wochenlang plagt sie sich damit herum, dass sie nicht zur Ruhe kommt und sich nicht erholsamen Träumen zuwenden kann.
Genau mit diesem Aspekt beschäftigt sich der neue "Zamonien-Roman" von Walter Moers, mit der Vielfalt der Träume und deren scheinbar schier unbegrenzten fantastischen Möglichkeiten. Und doch stellt man sich als Leser ständig die Frage, ob die Protagonistin nun doch träumt oder wacht, wobei sich die Relevanz, diese Frage zu beantworten, zum Ende hin verschiebt und keine allzu große Rolle mehr zu haben scheint.
Wer Walter Moers´ Geschichten bereits kennt, wird wissen, dass der Leser sich auf viele und sehr eigene "Kreativschöpfungen" einlassen muss und vieles einer eigenen Logik folgt. In diesem Abenteuer geht es rasant zu, verschiedene "Phasen" und "Etappen" des Bewusst- und Unterbewusstseins werden bewältigt und dabei treten wieder schauderhafte, aber auch sehr liebevolle Figuren auf, welche die Geschichte stets unterhaltsam, amüsant und um es mit Dylias Lieblingswort zu sagen "interessant" machen. Die Protagonistin ist nicht immer einfach, sie schwankt in ihren Ansichten selbst noch hin und her, weiß sich allerdings zu zügeln. Ihre Gedanken sind bunt, genauso wie ihre Freude an der Vielfalt und den Möglichkeiten, die die Welt ihr bieten können. Dadurch ist man als Leser natürlich immer gern an ihrer Seite und folgt ihr gerne auf dem Weg, den ihr der Nachtmahr aufzeigt.
Den Nachtmahr selbst kann man meiner Meinung nach gut in einen "stimmigen" Kontext einordnen, denn für mich stellte der Gnom sehr viele Eigenschaften und metaphorische Figuren dar, die sich mit der Zeit wunderbar entfalten. Ich persönlich hatte mir, zeitweise, in etwa der Mitte, eine vielleicht etwas "spannendere" Offenbarung des Nachtmahrs erhofft, beziehungsweise hatte ich die Hoffnung, dass es ein etwas tieferes Geheimnis geben würde, allerdings hat sich die Nichterfüllung des Verdachts nicht negativ auf den Gesamteindruck ausgeübt, denn letztlich werden ganz andere "Geheimnisse" sichtbar. Das Ende überzeugt nämlich wirklich durch eine schlichte, gefühlvolle Stimmung, die den Leser dazu auffordert oder dazu ermutigen möchte, das Abenteuer vielleicht nicht nur als wortwörtlich zu betrachten, sondern sich zu fragen, was der Nachtmahr während solch einer Reise vielleicht auch bei einem selbst zum Vorschein gebracht hätte.

"Ihr spendete nun einmal der Gedanke, ein Buch im vielfarbigen Licht einer spektralspektakulären Wunderkerze zu lesen, einen gewissen Trost - völlig egal, wie kitschig das aussehen mochte. Ah, wie sie es hasste, dieses Totschlagargument 'Kitsch', das meist von Leuten im Mund geführt wurde, die zu verbittert geworden waren, um die Schönheit einer Seifenblase überhaupt nur erkennen zu können."  S.45

Mich hat aber nicht nur die Geschichte an sich wunderbar unterhalten, sondern auch die farbenfrohe und moderne Illustration der verschiedenen Figuren (obwohl es in der zamonischen Spätromantik spielt). Dabei fand ich es aber ebenso geglückt, dass nicht jede Kleinigkeit illustriert wurde, sodass man seiner eigenen Fantasie durchaus noch genug Spielraum lassen konnte. Die Darstellung trägt aber sicherlich einen Großteil dazu bei, dass man sich in dieser Welt bewegt, als sei sie etwas ganz Normales und als sei man wirklich ein Teil davon.
Walter Moers gibt zudem im Nachwort noch einige Details zu der Illustratorin Lydia Rode preis, die den Leser einige Vorkommnisse in der Geschichte noch einmal mit anderen Augen sehen lassen. Wie wichtig ist der Schlaf für uns tatsächlich? Können wir uns ein Leben ohne ihn überhaupt vorstellen? Und was würde sich unser Gehirn überlegen, um uns diese Anstrengung erträglicher zu machen?
Daher ist das Buch für mich keineswegs nur ein nettes, ausgedachtes Abenteuer, was mich gut unterhalten hat, sondern auch ein Buch, das wirklich eine neue Sicht auf Dinge offenbart, die uns viel zu selbstverständlich scheinen.

"Der Gnom lachte heiser. 'Klar! Das denkt jeder! Dass er eigentlich gar keine Abgründe besitzt: Abgründe? Triebwünsche? Iiich? Niemals! Aber deswegen verdrängt man sie ja. Damit man weiter an das Märchen der eigenen Unschuld glauben kann.'" S. 220


Ein neues zamonisches Abenteuer, welches die schlaflosen Nächte einer Prinzessin aufgreift und sie auf eine spannende Reise schickt, auf der sie sich selbst und vor allem ihre Ängste besser kennenlernt. Es ist abwechslungsreich, entführt den Leser in eine sehr bunte und ironische Welt und lässt uns an dem "Beruf" eines Nachtmahres teilhaben. Grundsätzlich scheint alles stimmig, an der einen oder anderen Stelle hätte ich mir vielleicht etwas "größere" Geheimnisse gewünscht, welche die Spannung aufrecht erhalten hätten. Am Ende jedoch wird man mit einer Denkflut belohnt, die einen nicht so schnell aus dem königlichen Palast der Prinzessin entkommen lässt.





Vielen Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Kommentare:

  1. Liebe Karin,
    Ich habe vor kurzem mit dem Buch angefangen, aber ich muss gestehen, dass ich mit dem Stil noch nicht so ganz zurecht komme. Ich finde es ein bisschen schwierig, daher habe ich es erstmal pausiert. Es ist auch mein erster Walter Moers, aber ich gebe ihm auf jeden Fall noch eine Chance. Ich bin wohl nur momentan mein in Thriller Laune. 😅

    Liebst, Lotta

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    1. Ich glaube tatsächlich auch, dass ich es so mochte, weil ich "Die Stadt der träumenden Bücher" immer noch im Hinterkopf hatte und es so mochte. Dadurch bleibt bei mir manchmal automatisch schon ein "positiveres" Gefühl zurück. Ich kann durchaus verstehen, dass nicht jeder den Stil mag, weil es an manchen Stellen zum Beispiel durch die ausführlichen Wortbildungen, etwas anstrengend wirken kann, aber ich hoffe, dass du vielleicht doch noch rein findest. :)


      Liebe Grüße
      Karin

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