Der Schatten des Todes (Sidney Chambers #1) von James Runcie

Mai 20, 2016
















(Original: "The Grantchester Mysteries. Sidney Chambers and The Shadow of Death"/ 2012) 416 Seiten,  gebunden,  Einzelband |  ★★★  3 Sterne

"Er predigt das Gute - und bringt die Schlechten hinter Gitter. England, 1953. Als Pfarrer des kleinen Städtchens Grantchester hat Sidney Chambers mit seinen Schäfchen alle Hände voll zu tun. Und als wäre das nicht genug, betätigt er sich noch als Privatdetektiv - widerwillig allerdings. Gemeinsam mit seinem Freund Inspector Keating stößt er auf eine Reihe mysteriöser Kriminalfälle: den vermeintlichen Selbstmord eines Anwalts, einen Juwelenraub und einen Kunstfälscherskandal, der Sidneys beste Freundin in Lebensgefahr bringt … Sidney ermittelt notgedrungen: mit viel Einfühlungsvermögen, Charme und großem Verständnis für das Allzumenschliche."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"´Versprechen kann ich nichts. Ich bin kein Detektiv.´ ´Aber ein Menschenkenner. Und ein Menschenversteher.´
S.20

Wenn ich mir einen Pfarrer vorstelle, dann sicherlich nicht so, wie er in James Runcies Werk vorgestellt wird. Denn Sidney Chambers liebt es, guten Sherry zu trinken und ist vor allem nicht abgeneigt romantische Gefühle zwischen jeglichen Frauen aufkommen zu lassen. Das sollte ja eigentlich ein guter Ausgangspunkt sein, um humorvolle und spannende Fälle konstruieren zu können. An der ein oder anderen Stelle ist dies auch geschehen, aber im Gesamtkonzept konnte mich das Buch noch nicht recht überzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass es noch weitere Bücher dieser Reihe gibt und man sich mit den ganzen Charakteren erst "warmlaufen" muss. Wirklich viel erfährt man nämlich nicht, was die Personen betrifft. Natürlich werden alte Vergangenheiten etwas näher beleuchtet und es werden auch Eigenschaften genannt, die sich dem jeweiligen Beruf der Person anpassen, aber mir hat zum Schluss etwas die wirkliche "Einzigartigkeit" der Figuren und der Fälle an sich gefehlt. Gefallen hat mir, dass die Geschichte in den 50-ern angesetzt wurde. Dadurch bekommt der Leser natürlich noch einen etwas anderen Einblick in die damaligen Verhaltensweisen und die durchaus anderen Strafen, die für gewisse Vergehen eingebüßt werden mussten. Ich war sehr überrascht, dass die Kapitel nicht jeweils einem Ermittlungsstand entsprechen, sondern jedes Kapitel für sich eine eigene Episode erzählt. Das fand ich auf der einen Seite ganz in Ordnung, da man sich gar nicht zu lange mit allen Einzelheiten aufhalten musste und es mich irgendwie an die kurzen Fälle von Sherlock Holmes erinnerte, auf der anderen Seite hingegen wirkte dadurch alles sehr "unabgeschlossen". Beinahe so, als wolle der Autor schnell alle Fälle erzählen um den ersten Eindruck des Pfarrers etablieren zu können. Was ich jedoch mochte, waren die festen Treffen von Sidney Chambers und seinem Freund, Inspector Keating. Sie waren zwar auch etwas "abgehackt" und sehr einfach geschrieben, aber der Leser hatte dadurch etwas, was der Geschichte eine gewisse Konstanz gab, etwas, damit zumindest ein wenig der Wiedererkennungswert sichtbar wurde.

"Von ihm wurde ein beispielhaftes Leben erwartet. Mörder aufzuspüren und sherrytrinkend auf dem Sofa einer Witwe zu sitzen, gehörte sich einfach nicht.S. 90

Geht man also einfach mal davon aus, dass man mit einigen sehr stereotypischen und auch sehr gutmütigen Straftätern zu tun hat, die sich sofort alle stellen, keinen Widerstand leisten und auch gleich ihre ganzen Intentionen preisgeben (was ja im Normalfall eher selten vorkommt), dann kann man mit den kleinen Geschichten rund um den Pfarrer Sidney Chambers durchaus einige lustige Leseminuten verbringen. Ich bin zurzeit noch kein wirklicher Fan des Schreibstils und der Auslegung der Fälle, aber ich war auch an keinem Punkt abgeneigt, noch den Rest zu erfahren. Ich hoffe das lag nicht nur daran, dass im zweiten Fall ein Hund zu Sidney Chambers stößt, der mir irgendwie sehr sympathisch war. Ich denke, das größte Problem hatte ich schlichtweg mit dem nicht vorhandenen Gefühl, dass man die Charaktere beginnt, wie zum Beispiel bei Sherlock Holmes, als unaustauschbar anzusehen. Die ständige Erwähnung des Pfarrers, dass er sich doch lieber auf seine kirchlichen Pflichten und nicht auf die Detektivfälle konzentrieren soll, von denen er sowieso nichts versteht, wurde auch irgendwann überflüssig, weil, wie man ja ahnen kann, sowieso immer darüber hinweggesehen wurde. Daher hätte ich mir vielleicht am Schluss eher gewünscht, dass es weniger Fälle gegeben hätte und dadurch mehr Input in Bezug auf die Figuren, die eigentliche Situation die im Ort herrscht und die ganzen Anfänge, die man so als Leser gerne liest, wenn man in eine neue Geschichte (und neue Reihe) eingeführt wird. Das, was ich dem Buch zu Gute halten kann, ist wie gesagt, dass es schöne, kleine Geschichten für Zwischendurch sind, wenn man nur mal etwas zum Lesen haben möchte, das unterhält. Denn die Figuren an sich sind nicht unsympathisch. Und ich denke, dass eventuell durch die folgenden Bände, der Bezug zu den Charakteren nicht auf der Strecke bleibt.

"Er hatte Cambridge noch nie so ruhig erlebt. Die Häuser, die Straßen - alles sah aus wie in einem altmodischen Märchenbuch. Der Schnee hatte den Lärm der Welt gedämpft. Es war, als hätte sich über Nacht unversehens und lautlos die Gnade Gottes auf die Stadt gesenkt.S. 172
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Ganz nette, aber kurze Episoden einiger Kriminalfälle, die überraschenderweise von einem Pfarrer begleitet werden. Die Charaktere sind sympathisch und man liest gerne weiter. Leider fehlte mir etwas, das "Besondere", trotz der Ungewöhnlichkeit und der sehr speziellen Eigenschaften des Pfarrers. Die Geschichten lesen sich manchmal zu "glatt", es gibt kaum Widerstände. Als Einstieg in eine Reihe, war es mir zu unspektakulär. Das Buch kann man aber sicherlich gut lesen, wenn man sich von "schwerer" Buchkost ablenken möchte.





Vielen lieben Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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