Wenn die Wale an Land gehen von Kathrin Aehnlich

Januar 13, 2016












( Original: - ) von Kathrin Aehnlich,  Kunstmann [klick] , 253 Seiten,  Hardcover,  Einzelband,   ★★★ 4 Sterne

Original-Klappentext: "Roswitha Sonntag reist nach New York. Sie ist gerade geschieden worden, und es war die Frage ihres Mannes, die den Ausschlag für die Reise gegeben hat: »Warum hast du eigentlich Mick nie besucht?« Mick war im Studium ihr bester Freund und der Mittelpunkt ihrer Clique, die damals in den 80er-Jahren in Leipzig unzertrennlich war und unbesiegbar. Gemeinsam nutzten sie die kulturellen Freiräume, die sich in einem Land öffneten, das langsam in Agonie versank. Sie fotografierten, drehten Filme mit einer russischen Super-8-Kamera, führten eine Rock-Oper auf, und die Musik aus dem Feindesland Amerika lieferte den Soundtrack dazu. Als sie am Ende des Studiums in einen Alltag zurückgeworfen werden, den sie so nie leben wollten, tauchen merkwürdige Leute bei ihnen auf. Zuerst lachen sie darüber und geben den Genossen den Namen »Die Handwerker«. Aber die Handwerker verstehen ihr Handwerk, und nicht jeder kann ihnen standhalten."

MEINE MEINUNG | FAZIT

"Sie sah durch die Gitterstäbe auf schmutzige Gehwegplatten und dachte, so viel Symbolik für ihre Unfähigkeit wäre nun auch nicht nötig gewesen." S. 26

Dieses Buch ist mir vor etwa einem Jahr in die Hände gefallen, als ich es als Mängelexemplar entdeckt habe. Viel habe ich mir von dem Buch daher vorerst nicht erhofft, es war schließlich nur dazu da, um vielleicht mal einen Engpass zu überbrücken. Aber ich muss sagen, dass ich das Buch wirklich gerne gelesen habe, auch wenn es mich nicht komplett begeistert hat. Es ist eine Mischung aus: man liest es gerne weiter, um zu erfahren, was noch kommt und aufgrund des netten Schreibstils, inklusive einiger rührender Stellen und: irgendwie fehlt mir etwas mehr Spannung. Also für mich ist es noch etwas schwer, das Buch genau einordnen zu können.
Erzählt wird die Geschichte aus zwei verschiedenen Zeitabschnitten. Zum einen finden wir die Protagonistin Roswitha (Rose, wie sie von Mick genannt wird) in der Gegenwart vor, sie ist fünfzig und schlägt sich auf eigene Faust durch, in einem fremden Land, nämlich Amerika. Dort sucht sie Mick, ihrem alten Freund. Zum anderen gibt es Rückblicke auf die Jugend Roswithas. Diese Rückblicke nehmen im Vergleich mehr Text ein, als die Gegenwartsszenen. Grundsätzlich fand ich beide Zeiten gut erzählt, wobei man deutlich spürt, dass die Autorin viel Wert auf die "Reise" legt, die der Leser zurücklegt, in dem die Vergangenheit näher beleuchtet wird. So ist dieser Teil auch deutlich gefühlvoller und was die Geschehnisse angeht etwas interessanter. Denn ihre Vergangenheit bezieht sich auf das Leben in der DDR. Natürlich wird dadurch ein ständiger Vergleich zwischen Deutschland und den USA aufgezeigt.

"Warum hingen in den meisten Hotelzimmern Bilder von Städten, in denen man sich gerade nicht befand? War es eine Methode, zum Reisen zu animieren? Oder sollte es einem das Gefühl geben, nirgendwo zu Hause zu sein?" S. 25

Was mir deutlich positiv aufgefallen und auch im Gedächtnis geblieben ist, ist die Schilderung der Gefühlswelt der Protagonistin. Man spürt vorallem dieses ungleiche Verhältnis, zwischen der "alten" Roswitha, die in Deutschland erwachsen geworden ist und der Roswitha, die nun in Amerika auf ganz neues Terrain trifft und beinahe wie ein naives, junges Mädchen wirkt, die noch nicht wirklich weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Mir gefiel zudem auch sehr der Aufbau, der beschrieb, wie Roswitha und Mick ihre Freundschaft aufgebaut haben und was sie alles durchgestanden haben. Untestützt wird diese Reise immer wieder durch die verschiedenen Leidenschaften der beiden. In Roswithas Fall ist das die Fotografie, in Micks Fall die Musik. Es gibt sehr viele Bezüge zu bekannten Songs, die deren Zeit geprägt haben, welche wirklich gut eingebunden wurden. Zudem fand ich es schön, die Eindrücke der damaligen Zeit beinahe durch Roswithas Fotokamera beschrieben zu bekommen. So wurde die Geschichte für mich auch vorallem zum Ende hin sehr gefühlvoll, da dort viele Fragen, die man sich angefangen hat zu stellen, beantwortet werden. Dazu gehört zum Beispiel auch die Frage, warum Roswitha überhaupt geschieden ist.
Was einen natürlich auch beschäftigt ist der Titel des Buches. Ich konnte mir zunächst keinen wirklichen Reim darauf machen. Es gibt aber zwei sehr schöne Passagen in diesem Buch, die den Titel erläutern, wenn auch etwas metaphorisch. Die Erläuterung wird beinahe zum Schluss wirklich offensichtlich, nimmt aber gleichzeitig Bezug auf die ersten paar Seiten. So verbindet die Autorin ganz geschickt die Eindrücke aus der DDR mit den Eindrücken, die die Protagonistin in Amerika sammelt.

"Alte Hippies hat es in Micks Vorstellungen nicht gegeben. Leider wurde niemand verschont, auch Hippies bekamen Krankheiten, brauchten Brillen, Gebisse und künstliche Hüftgelenke. Nur die Idee war unsterblich." S. 136

Mick ist in diesem Buch definitv auch ein Hauptcharakter. Jedoch ein Hauptcharakter, der vorerst nur in der Vergangenheit auftritt. Die Suche nach Mick gestaltet sich nämlich schwieriger als gedacht. Dadurch werden in der Gegenwart, in Amerika, viele Protagonisten eingeführt, die zu skurillen und lustigen Situationen beitragen, nicht zuletzt von dem ersten Menschen, den Roswitha dort kenenlernt, dem "Cowboy". Auch wenn einige Dinge etwas zu optimistisch wirken, ist die Zusammenführung der Ereignisse wirklich unterhaltsam. Micks Charakter hat mir zudem in den Rückblenden aber sehr gut gefallen. Er verkörpert die Sehnsucht nach dem "amerikanischen Traum". Er zitiert und schwärmt ständig von großen Künstlern, wie Janis Joplin. Dadurch entsteht eine sehr eigene Atmosphäre. Grundsätzlich habe ich zunächst, beim lesen gedacht, dass ich lieber etwas mehr über Roswithas aktuelle Situation lesen würde. Mit der Zeit aber, fängt man an so viele schöne (aber auch gefühlvolle) Dinge aus der Vergangenheit zu erfahren, dass ich am Ende traurig war, dass keine Rückblenden mehr kamen.
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Schöne Geschichte, die zwei Zweiten und zwei Länder miteinander verbindet. Deutschland zu zeiten der DDR und Amerika in der Gegenwart. Das Schicksal der Protagonistin wird zunehmend gefühlvoller, wird aber immer mal wieder durch auflockernde Passagen der Gegenwart durchbrochen. Schöne Hommage an die Fotografie und die Musik. Gleichzeitig hat mir an der ein oder anderen Stelle etwas gefehlt, von dem ich aber nicht genau sagen kann, was es war.





Kommentare:

  1. Du beschreibst ziemlich gut, wie es auch mir mit "Wenn die Wale an Land gehen" ergangen ist, auch wenn es bei mir einen Zeitpunkt gab, an dem ich es fast abbrechen wollte. Zwar ist es schön geschrieben, lässt sich angenehm lesen, aber kurzzeitig hat es mich mal nicht mehr richtig interessiert, was nun aus Roswitha wird. Das war ein bisschen so, als würde man auf einem Fest durch eine Glaswand von der Festgesellschaft abgetrennt sein; du sie alles, aber im Grunde gibt es keine Berührpunkte. Nach der kleinen Flaute wollte ich aber dann doch wissen, was Roswitha und ihren Freunden widerfuhr, weil mich vor allem die Rückblenden interessierten.

    Liebe Grüße,
    Bramble

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    1. Wirklich abbrechen wollte ich es nicht, aber ja, es gab das ein oder andere Mal, an dem man etwas "stockt". Zum Ende hin wird man aber doch warm mit dem Charakter der Protagonistin, da die Rückblenden recht viel Aufschluss geben und man Roswitha (der Name ist etwas befremdlich :D) gerne unterstützen würde.


      Liebe Grüße,
      Karin

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  2. Hi Karin, das hier ist aber ein interessanter Fund! Habe ich noch nie auf einem Blog gesehen. Von der Aufmachung und dem Rückentext (Musik! Poesie!) spricht mich es schon sehr an, schade, dass es dir nicht so hundertpro gefallen hat. Ich glaube, ich werde trotzdem mal reinlesen :)
    Liebe Grüße,
    Cara

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    1. Das Buch hat mich auch ganz spontan gefunden.Davor kannte ich es auch nicht. Naja, ich mochte es schon, aber der fünfte Stern bleibt noch vorbehalten, weil ich mir an einigen Stellen doch unschlüssig war. : )


      Liebe Grüße,
      Karin

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    2. Ja, das kenne ich...manchmal muss man so ein Buch ja auch zweimal lesen, um sich so richtig damit anzufreunden :)

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