Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher von Pehnt, Holder, Staiger

Januar 28, 2017







(Original: "-" / 2013) Piper Verlag, Übersetzer/in: - , 224 Seiten, gebunden, Einzelband, ★★★★★ 5 Sterne

"Warum die bedeutendsten Bücher in Wahrheit nie erschienen sind.
Wer weiß, vielleicht wäre der Roman »Feuerwanzen« das bedeutendste Buch unserer Zeit geworden. Leider ist er nie geschrieben worden. Vielleicht vergilben ja die besten Geschichten in den Schubladen der Schriftsteller. Keiner kann es sagen. Sicher ist nur, dass längst nicht alles, was sich ein Dichter ausdenkt, auch das Licht der Welt erblickt. Wer dafür verantwortlich zu machen ist, auf welch kuriose Abwege literarische Werke geraten können, davon erzählen leidgeprüfte Autorinnen und Autoren in dieser einzigartigen »Bibliothek der ungeschriebenen Bücher«. In pointierten, knappen Beiträgen lesen wir darin von der rätselhaften Magie ungenutzter Titelformulierungen sowie der schamlosen Wiederverwertung verworfener Romanstoffe."


MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Titel öffnen Türen für noch nicht betretene Räume, aber nur einen Spaltbreit; sie sind das wortgewordene ´noch nicht, aber gleich´.“  S.9

Obwohl ich lange um das Buch herumgeschlichen bin, ist mir davor nie aufgefallen, dass nur deutsche Autoren darin enthalten sind. Ich bin irgendwie fälschlicherweise davon ausgegangen, dass sich internationale Schriftsteller darüber „auslassen“, welche Werke sie nicht geschrieben haben und welchen Grund dies hatte. Oder sogar, dass Bücher genannt werden, die durch zufällige Manuskriptfunde aufgespürt wurden. Tatsächlich finden sich in diesem Buch also viele ausschließlich deutsche unveröffentlichte Bücher wieder. Und nach einiger Zeit verstand ich auch warum. Es geht nicht nur um unveröffentlichte Bücher, die aus irgendeinem Grund, vielleicht aus der Laune heraus, nicht verlegt wurden, sondern alles bezieht sich tatsächlich auf den Titel der Bücher. Daraus folgt natürlich, dass man erkennt, dass englische Titel in der Übersetzung schwer in den nötigen Kontext gesetzt werden hätten können. Aber nun gut, wir wissen jetzt: das Buch beinhaltet Kommentare deutschsprachiger Autoren, zum Thema nicht erschienener Bücher in Bezug auf die mutmaßlich unpassenden Titel. Insgesamt fünfundsiebzig sind es an der Zahl, recht erstaunlich für ein relativ dünnes Buch. Dennoch bietet es unfassbar viele, interessante Aspekte, in denen man sich nach und nach immer weiter verliert. Anfangs stand ich noch etwas skeptisch vor einigen Kapitel und habe mich gefragt, in wie weit das als Aussage dient. Denn einige „Erklärungen“ der Autoren, warum ein Titel nicht verwendet wurde oder wo er vielleicht doch zu finden sein könnte (in einem anderen Werk, als Nebensatz etc.), besteht nur aus einem Textauszug. Das schien mir anfangs etwas wenig, mit der Zeit aber passt es ganz gut in das Gesamtkonzept, da jeder Autor seinen eigenen Stil hat, den „Verlust“ eines Titels auszudrücken. 

"Im Verlag jedoch sagten sie, der Titel sei schlecht, die Buchhändler wüssten nicht, wie man den Titel schreibe, sie würden das Buch nicht im Computer finden. Folge: schleppender Absatz. So wurde es mir mitgeteilt.  S.49 – Arno Geiger über „Angostura“

Ergänzt werden die Aussagen durch erfundene, also extra für das Buch entworfene Buchcover, welche das Ganze noch einmal in einer viel „interaktiven“ Weise darstellen. Als Leser liest man den Titel worauf sich das Kapitel bezieht, liest den dazugehörigen Text und schwelgt dann in der Darstellung des Covers. Gleichzeitig tauchen Fragen auf wie: „Könnte das Buch nicht genau so erschienen sein?“ Denn tatsächlich fand ich viele Ideen wunderbar und durchaus umsetzbar. Am liebsten hätte ich viele Titel sofort erworben. Das Buch wird also zur wahren Fundgrube; was die Inspirationen in Bezug auf andere existierende Werke betrifft und was die allgemeine Inspiration auf ganz neue Ideen anbelangt. Ich persönlich fand es vor allem wunderbar unterhaltsam, wenn auch manchmal unfassbar ungerecht und erstaunlich, wie viele Autoren mit den Verlagen um einen Titel kämpfen mussten. Man geht davon aus, dass der Autor selbst mit sich zweifelt und den Titel vielleicht verwirft, dass aber der Verlag so eingreift, dass ein Autor mit dem Endergebnis nur semi-zufrieden ist, macht einen schon etwas melancholisch. Wie sehr hätte man ihnen gewünscht, dass sie ihr Projekt zu umsetzen könnten, wie sie es gewollt hätten. Umgekehrt gibt es aber auch lustige Beispiele, bei denen die Titeländerung ganz sinnvoll gewesen ist. Man merkt aber sehr deutlich, dass dieses Thema für alle Autoren rech sensibel ist und sie sich damit so oft und stark auseinandersetzen, dass sie stetig davon träumen, die Titel aufzubewahren und vielleicht irgendwann in ferner Zukunft noch einmal verwenden zu können. Mitunter eines meiner liebsten Kapitel waren definitiv „Meine Tochter zeigt mir ein Kunststück auf dem Grab meiner Eltern“ von Heinz Janisch und „Mein Abend mit den drei vollkommen identischen Tauben“ von Clemens J. Seitz (zusammen mit einigen mehr…).

"Seit zehn Jahren habe ich eine Haftpflichtversicherung, und noch kein einziges Mal musste ich sie in Anspruch nehmen. Und dennoch bin ich sehr froh, sie abgeschlossen zu haben, denn ich verdanke ihr gleich zwei potenzielle Romantitel.“  S.141 – „Tilman Rammstedt über Hüten fremder Hunde“

Tolles Buch mit fünfundsiebzig deutschsprachigen Autoren, welche sich zum Thema der verworfenen oder aufgehobenen Titel der eigenen Romane äußern. Wunderbar unterhaltsam, nachdenklich und teilweise wirklich einfach nur schön. Die zusätzliche Ergänzung, der speziell für das Buch entworfenen Buchcover, lässt das Buch noch interessanter und vielseitiger wirken. Wunderbare Idee und ebenso wunderbare Umsetzung.





Neuerscheinungen Februar

Januar 27, 2017









Auch im Februar halten sich die Neuerscheinungen, die mich besonders interessieren, etwas bedeckt. Richtig interessant wird es für mich daher zwar erst im März, aber auch im folgenden Monat habe ich einige interessante Titel entdeckt, die es verdient haben, wenigstens erwähnt zu werden. Es sind mal wieder ganz unterschiedliche Genres zusammengekommen, so dass man eigentlich für jede Stimmung etwas lesen könnte...

Alle weiteren Informationen zum jeweiligen Buch, bekommt ihr durch anklicken des Titels. Dadurch gelangt ihr zur offiziellen Verlagsseite.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes, Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 16.Februar
Bereits beim Orginal schlich ich schon etwas länger um das Buch herum. Merkwürdigerweise passiert mir das bei allen Julian Barnes Büchern. Ich will sie eigentlich immer unbedingt lesen, zum kaufen komme ich dann aber irgendwie nie. Vielleicht kann ich es ja mit diesem Buch endlich ändern.

Schriftstellerinnen! von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi, Atlantik , gebunden, 17. Februar
Diese Serie ist ebenfalls eine, die mich immer mal wieder in der Buchhandlung anspricht. Schon die Ausgabe "Literatur!" hat mich auf diese Exemplare aufmerksam gemacht. Diesmal bin ich aber bei Schriftstellerinnen noch einmal stärker Feuer und Flamme dafür. Landet also von allen Neuerscheinungen auf Platz 1.

Wenn Nachts der Ozean erzählt von Zana Fraillon, cbt, gebunden, 27. Februar
Ein Jugendbuch, das mich von der Thematik her unfassbar interessiert. Es soll die Flüchtlingsgeschichte eines Kindes erzählen. Zurzeit ist ja alles, was man in dieser Hinsicht liest, hört, sieht, ziemlich brisant. Obwohl ich stark dazu tendiere, es zu lesen, bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob mich der "Jugendbuch-Charakter" so anspricht. Bleibt also erst einmal vorgemerkt, bis ich einige Rezensionen gelesen habe.

Das geträumte Land von Imbolo Mbue, Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 16. Februar
"Imbolo Mbues hochgelobtes Debüt erzählt die unvergessliche Geschichte zweier Familien unterschiedlicher Herkunft, die in New York kurz vor der Bankenkrise aufeinandertreffen. Die Lehman-Brothers-Pleite bringt nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Wertesystem gehörig durcheinander." Hört sich für mich ganz gut an und scheint auch wieder reichlich Potential für Gesprächsstoff zu haben. Daher landet es auf meinem Merkzettel. 

Betrunkene Bäume von Ada Dorian, Ullstein gebunden, 24. Februar
Hat mich aufgrund des Titels und des Covers sofort angesprochen. Nach lesen des Klappentextes bin ich wieder einmal in so einer 50/50 Phase, was den Willen betrifft, das Buch unbedingt lesen zu wollen.


Etwas von der Größe des Universums von Jón Kalman Stefánsson, Piper, gebunden, 01. Februar
Ab und zu zieht es mich auch wieder zu etwas ausschweifenderen Romanen, die viele Generationen vereinen. Mit vierhundert Seiten ist das Buch noch nicht so umfangreich, aber es bietet sicherlich dennoch schöne Einblicke in ein Familienleben. Daher wird es vorgemerkt.

Cowboys & Indies von Gareth Murphy, Heyne Hardcore, Paperback, 13. Februar
Der Untertitel lautet: "Eine abenteuerliche Reise ins Herz der Musikindustrie". Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Alltags und meiner Glücksempfindungen. Als ich das Buch vor einigen Monaten in den Vorschauen entdeckt habe, wollte ich es unbedingt lesen. Wie das aber mit der Musik so ist, hat man manchmal Phasen, in denen man non-stop auf Musik-Kurs ist und Phasen, in denen man sie nur sporadisch hört. Daher bin ich auch gerade in der Situation, dass mich das Buch nur zweitrangig interessiert. Da ich aber weiß, dass das Interesse sofort wieder entflammen könnte, bleibt das Buch auf dem Merkzettel.

Ein Elefant für Inspector Chopra von Vaseem Khan, Ullstein, Broschur, 10. Februar
Zum Schluss ist mir noch dieser Kriminalromanaufgefallen, bei dem ich dachte, es handele sich um ein Kinderbuch. Es sieht einfach süß aus und verspricht irgendwie einen ganz besonderen Charme. Weil ich mich auch gerne mal überraschen lasse, besonders bei Büchern, bei denen man nicht genau weiß, was sich dahinter verbirgt, habe ich es direkt vorgemerkt.




Magritte: Der Verrat der Bilder von Didier Ottinger (Hrsg.)

Januar 25, 2017











(Original: "" - Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung: Magritte. La trahison des images; Der Verrat der Bilder/ 2016) Prestel Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: - , 224 Seiten mit 162 Abbildungen, gebunden,  Einzelband, ★★★ 5 Sterne 

"Im Fokus dieses wunderbar bebilderten Essaybandes stehen fünf scheinbar vertraute Motive, die sich durch Magrittes gesamtes Werk ziehen: Feuer, Schatten, Vorhänge, Wörter und der fragmentierte Körper. Anhand von ausgesuchten Abbildungen von über 100 Werken des Belgiers sowie klugen Essays werden dem Leser anschaulich und detailreich dessen ebenso realistischer wie täuschender Umgang mit diesen Motiven erläutert. Magrittes gezielt verzerrende Lesart hergebrachter Symbole der Kunst wird ebenso beleuchtet wie der Einsatz von Wort und Schrift in vielen seiner Werke – oder die Verwendung von Themen und Versatzstücken aus der Welt des Theaters. Neben der Vereinnahmung der Bilder des bekannten Surrealisten durch die moderne Konsumwelt – gegen die seine Kunst ursprünglich gerichtet war – richtet diese bemerkenswerte neue Monographie ihren Blick auf eine Künstlerpersönlichkeit, die über ein wahrhaft ungeheures Talent zur Täuschung verfügte, gepaart mit einem messerscharfen Verstand!“
Das Copyright der Abbildungen im Buch liegt beim Prestel Verlag
 

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Magritte hat sich mit dieser ´Dummheit der Maler´ nie abgefunden. Erst gegen die Dichter, dann auch gegen die Philosophen trat er unermüdlich für die Anerkennung der geistigen Würde seiner Kunst ein. S.15

Wer kennt ihn nicht - Magritte - den Künstler, der Diskussionen angeheizt hat und uns im Philosophieunterricht durch sein Bild "Der Verrat der Bilder" zu ausschweifenden Gedankenanstößen angeregt hat. Ist auf dem Gemälde nun eine Pfeife zu sehen oder, wie das Bild selbst versucht überzeugend zu vermitteln, ist dies nicht der Fall? Ein gar nicht so schnell zu beantwortendes Thema, dessen sich auch verschiedene Autoren annehmen und mit einigen Essays zum besseren Verständnis der Bilder Magrittes, in diesem Bildband, beitragen. Und ich muss ehrlich sagen, dass die Essays das Buch zusätzlich aufwerten. Die Abbildungen der Gemälde des Künstlers an sich sind sicherlich bereits eine kleine Augenweide und man kann sich kaum sattsehen, an den ganz absurd dargestellten Szenen. Die uns bekannten Verhältnisse scheinen außer Kraft gesetzt und doch verbirgt sich dahinter etwas sehr Verständliches, wenn man es eine Zeit lang betrachtet. Nichtsdestotrotz bleiben beim Betrachter einige Fragen offen. Und diese Fragen werden ganz gut durch die Essays beantwortet. Sie beziehen sich gezielt auf Beispiele, die im Buch ebenfalls abgebildet sind, sodass man den Schilderungen gut folgen kann. Es schließt sich natürlich nicht aus, dass viele Dinge philosophischer Natur sind, obwohl Magritte selbst kein Philosoph gewesen ist. Zudem finden sich interessante Informationen zu Bezügen aus der Antike und deren Wirken auf Magrittes Bilder. Auch die Künstlerszene und deren Entwicklung wird in den Anfangskapiteln gut aufgearbeitet. Mir gefiel zudem, dass Magrittes Rede, in dem er einige persönliche Einblicke preisgibt, ebenfalls abgedruckt wurde. So bekommt man ein relativ guten Überblick über die Person René Magritte und sieht die Bilder nicht als abgeschottetes Produkt eines beliebigen Malers, sondern kann sie in einen neuen Kontext bringen.

"Da meine Absicht feststand, die vertrautesten Gegenstände wenn möglich aufheulen zu lassen, mußte die Ordnung, in die man die Gegenstände im allgemeinen bringt, natürlich umgestürzt werden; Risse, die wir an unseren Häusern und auf unseren Gesichtern sehen, fand ich am Himmel vielsagender [...].“  S.32 - Vortrag von René Magritte

Ich persönlich bin ja von Magrittes Ideen vollkommen begeistert. Man merkt, dass die Bilder etwas Unkonventionelles darstellen, sich von dem Bekannten lösen und scheinbar einfach "ausbrechen", dabei steckt hinter diesen Bildern eine ganze Menge Überlegung und Vorbereitung. Und genau das macht die Bilder auch so vielseitig und auch vielseitig auslegbar. Die Essays zeigen ganz gut auf, wie man zum Beispiel das bekannte Bild mit der Pfeife auf verschiedene Weise auslegen kann und welche paradoxen, also gegensätzlichen Argumente auftauchen, die sich auszuschließen scheinen. So wird Magritte hinsichtlich seiner Idee auch an gewissen Stellen kritisiert, da sie sich in philosophischer Hinsicht zu verstricken scheinen. Es ist ganz spannend zu sehen, wie sich diese Fäden, die die Auslegungen der Ideen der Bilder, immer weiter ziehen und wie viel es ausmacht, die Hintergrundgeschichten zu kennen. Besonders die Wort-Bilder üben da eine ganz eigene Faszination auf den Betrachter aus, wie auch zum Beispiel die Serie "Der Schlüssel der Träume". Hier wird auch Saussures wichtiger Beitrag erwähnt, in wie weit die konventionelle Entwicklung der Sprache, auch hinsichtlich der Bezeichnung der Gegenstände, in Magrittes Werken zur Geltung kommt und wie man vielleicht dennoch logische Schlussfolgerungen, aus einer sonst scheinbar wahllosen Zusammensetzung von Gegenständen und deren Bezeichnung, in Magrittes Bildern wiederfindet. Obwohl das Buch "nur" 224 Seiten umfasst und davon viele Seiten Abbildungen darstellen, bietet das Buch eine wirklich ausführliche Textauslegung der Bilder. Das liegt vor allem daran, dass die Texte relativ klein abgedruckt sind, was mir an manchen Stellen nach einiger Zeit etwas schwerfiel, was man aber in der Gesamtheit wirklich nicht als Manko ansehen kann.

"In seiner Evidenz spricht das Bild gleichzeitig von dem, was präsent, weil sichtbar ist, und von dem, was sich erst nach einer eingehenderen Betrachtung zeigt. Magritte hat Vorgehensweise um das Jahr 1929 mit seinen ´Wort-Bildern´ - deren Entstehung nicht zuletzt seiner Freundschaft mit Paul Nougé geschuldet ist - methodisch entwickelt.“  S.179

Ein sehr umfangreiches, vielseitiges, informatives und vor allem interessantes Buch zu René Magrittes Meisterwerken. Nicht nur die großzügigen Abbildungen der Bilder sind positiv hervorzuheben, sondern auch die gut gewählten Essays, die sich auf verschiedene Motive des Künstlers beziehen und diese anschaulich erklären. Das Buch bietet nicht nur genügend Anschauungsmaterial, sondern ebenso viel Diskussionsbedarf. Nicht nur für bereits begeistere Magritte-Anhänger, sondern auch für "Laien", die sich für besondere Bilder interessieren und gerne die Vielfalt der Hintergründe dieser ergründen.





















Vielen Dank an den Prestel Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Charisma von James Salter

Januar 23, 2017






(Original: "Collected Stories" / 2013) Berlin Verlag, Übersetzer/in: Beatrice Howeg, Malte Friedrich und Nikolaus Hansen, 368 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★ 3 Sterne 

"Sämtliche Stories & drei literarische Essays - Dieser Band versammelt die Kurzgeschichten eines der besten Autoren unserer Zeit. »Salter schreibt mit Kenntnis, Präzision und Witz ... Die frühen Geschichten aus den sechziger bis hin zu den achtziger Jahren haben einen jazzigen Rhythmus und den aalglatten, kühlen Glanz der Welt von Mad Men. ... Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts und das World Trade Center befindet sich gerade erst in der Planung. Was kann schon schiefgehen? Und doch geht am Ende so ziemlich alles schief … Salter ist ein Zauberer und seine Wunderwerke sind fein gewirkt, und doch vermögen sie, die alltägliche Wirklichkeit des Lebens kraftvoll zu packen. Wieder und wieder gelingt ihm auf diesen Seiten, was John Updike als die Aufgabe des Schriftstellers definiert hat, nämlich dass er das ›Schöne am Gewöhnlichen‹ zu zeigen habe. Salter zeigt das Gewöhnliche als das, was es wirklich ist: das Wunderbare.« John Banville.“

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Er bereitet sich auf die Ankunft jenes großen Künstlers vor, der er eines Tages sein wird, wie er hofft, ein Künstler im wahren, modernen Sinne, das heißt ohne Fähigkeiten, aber überzeugt vom eigenen Genie. S.19

Ehrlich gesagt bin ich selbst etwas verwundert darüber, dass mir James Salters Erzählungen nicht so zugesagt haben, wie ich es mir erhofft hatte. Mittlerweile denke ich aber, dass es vielleicht der "falsche" Zeitpunkt war. Ich konnte bei einigen Geschichten einfach keinen Zugang finden, hatte aber die Vermutung, dass es oftmals daran lag, dass die Erzählungen Situationen beschreiben, die ich persönlich derzeit als "uninteressant" ansehe. Ich kann nicht abstreiten, dass die Geschichten etwas an sich haben. Einige haben mir auch gut gefallen und konnten mir die gewünschten Denkanstöße geben. Generell sind nämliche alle Kapitel, sprich alle Erzählungen recht kurz und beschreiben Lebenssituationen, die vor allem das alltägliche Leben der Erwachsenen widerspiegelt. Was mich zu Beginn besonders interessiert hat, war die Tatsache, dass viele Erzählungen aus der Sicht einer Frau geschrieben sind. Dadurch fragt man sich natürlich auch gleichzeitig, wie authentisch und wie gut James Salter diese Sicht ausgelegt hat. Gut, für einen Schriftsteller ist das Einfühlungsvermögen sicherlich ein anderes und auch die Protagonistenrolle wird nicht anhand des Autors abhängig gemacht, aber oftmals stellt man fest, dass männliche Autoren, weibliche Charaktere so überspitzt darstellen, dass sie nur noch stereotypisch wirken und man ihnen ihr "Seelenleben" nicht abnimmt. Bei James Salter trifft dies nicht zu. Ich mochte seine perspektivischen Ansichten der Frau und auch die persönlichen Gedanken haben sich für mich als sehr stimmig ergeben.

"Er blickte nur selten jemandem in die Augen. Antike Silberlöffel, hörte Ardis ihn mit leiser Stimme sagen. Als ob das niemand merken würde, dass es nicht stimmte.“  S.33

Wie das bei solchen Erzählbanden aber ist, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass man nicht alles gut findet. Ich hatte besonders zum Ende hin einfach das Gefühl, dass James Salter und ich nicht zusammenpassen - auf literarischer Ebene versteht sich. Obwohl der Schreibstil durchaus ansprechend ist und wie im Vorwort von John Banville angesprochen wird, viel zwischen den Zeilen steht, konnte ich oftmals keinen sinnvollen Zugang finden. Die Erzählungen verkörperten einfach nicht das, wonach ich mich in speziell diesen Geschichten gesehnt habe. Ich habe damit gerechnet, dass mich die Alltagssituationen mit einer subtilen Wucht treffen. Vielleicht haben sie das in gewisser Weise getan, aber eben nicht so sehr, dass ich sofort wieder zu einem Band des Autors greifen würde. Alle Protagonisten verkörpern eine Sehnsucht die sichtbar wird. Es werden größtenteils eheliche, oder körperliche Begierden geschildert, die mich in ihrer Darstellung nicht ganz überzeugen konnten. Es ist etwas da gewesen, was mich zum weiterlesen animiert hat, zum Schluss blieb aber immer eine gewisse Sehnsucht nach etwas Greifbarerem. Es ist wirklich schwer zu beschreiben (vielleicht ist es so, als müsste man niesen, wartet darauf und dann kommt es doch nicht) , weil die Geschichten alle etwas Unaussprechliches in sich tragen, was die Entwicklung der Handlung und deren Figuren angeht. Mir persönlich hat zurzeit aber dieser Funke gefehlt. Die drei Vorlesungen, die den Erzählungen noch hinzugefügt wurden und welche sich auf das Schreiben und die Kunst beziehen fand ich ganz lesenswert und auch sympathisch. Sie sind ein ganz netter Abschluss der Geschichten und lassen das Buch noch einmal persönlicher werden.

"Ihr wurde fast schlecht bei dem Gedanken, dass es so etwas wie unverdientes Glück gab, das bestimmte Menschen fanden.  S.265

Zweiundzwanzig Erzählungen, die das Leben in vollem Ausmaß thematisieren. Greifen größtenteils auf Ehen, unglückliche Beziehungen oder nicht ganz positive Zukunftsaussichten zurück. Obwohl mir der Schreibstil und viele Passagen gut gefallen haben, fehlte mir bei vielen Geschichten aber auch einfach der passende Zugang. Vielleicht brauchen die Erzählungen etwas mehr "Entfaltungszeit" oder mehr Erfahrungen des Lesers, um alles in voller Größe verstehen zu können. Dennoch mochte ich die drei Vorlesungen am Ende des Buches zum Thema Literatur und Kunst und bin mir sicher, dass die Erzählungen durchaus ihren Charme haben und viele Leser ihn auch schätzen.



 Vielen Dank an den Piper / Berlin Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Pompeji von Alberto Angela

Januar 19, 2017




(Original: "I tre giorni di Pompei" / 2013) Goldmann Verlag, Übersetzer/in: Elisabeth Liebl, 510 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★★(☆) 4 bis 5 Sterne 

"Noch nie wurde das Leben in der antiken Stadt kurz vor dem Untergang so anschaulich und unmittelbar erzählt - Am 23. Oktober 79 n. Chr. feiert die illustre Gesellschaft Pompejis ein opulentes Fest. Der bebende Vesuv wird das bunte Treiben jäh beenden. Auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse rekonstruiert der renommierte Wissenschaftsjournalist Alberto Angela in einem hochspannenden Countdown Stunde um Stunde den Untergang der Stadt, den eine Handvoll Menschen tatsächlich überlebte.
Alberto Angela führt durch belebte Gassen, in prächtige Salons, kleine Läden und an erst kürzlich versiegte Brunnen. Eine sinnliche Reise in die Welt der Antike, die tiefen Einblick gibt in das faszinierende Alltagsleben am Golf von Neapolis vor 2000 Jahren.“

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Das ist die erste Überraschung, die uns erwartet, wenn wir uns mit der Geografie jener Zeit beschäftigen: Zur Zeit Pompejis war der Vesuv tatsächlich nicht sichtbar. S.33

Pompejis Geschichte ist jedem bekannt. Es ist der tragischste Vulkanausbruch schlechthin. Aber wie viel wissen wir tatsächlich darüber und wie wahr sind in Bezug darauf die sämtlichen Darstellungen, die uns zum Beispiel die Filmindustrie bietet? Ehrlich gesagt dachte ich immer ich wüsste über Pompeji Bescheid, nicht zuletzt durch die zahlreichen Latein-Stunden in der Schule. Bisher hat sich in mir also nicht unbedingt das Bedürfnis bemerkbar gemacht, mich noch einmal mit der Geschichte zu befassen. Zudem wird das Ereignis in vielen Lehrbüchern eher "trocken" erläutert. Ganz anders verhält sich das aber mit diesem Buch. Alberto Angelo kreierte eine Geschichte, die sich zwar auf alle möglichen wissenschaftlichen Fakten bezieht, welche aber durch eine sehr lebhafte Erzählung, komplett überzeugen kann. Nicht nur ist das Geschriebene lesenswert, sondern auch die zahlreichen Abbildungen der Nachkonstruktionen sehr sehenswert. Kleines Manko hierbei: Die zwei Bildteile wurden genau zwischen die Kapitel gedruckt, sodass man sich entscheiden muss, ob man erst das Kapitel zu Ende liest, oder sich den Bildern widmet. Dennoch sind die Abbildungen an sich wirklich interessant und sehr anschaulich. Sie tragen dazu bei, dass man sich Angelas Beschreibungen noch detailgetreuer vorstellen kann. Zusätzlich wird nicht ausschließlich Pompeji erwähnt, sondern auch die Gebiete, die sich in unmittelbarer Nähe des Vulkans befanden.

"Geschäftsfrauen wie Rectina und Iulia sind keineswegs die Ausnahme, auch wenn dieses Thema von den Historikern gern vernachlässigt wird. Denn wir befinden uns in einer Zeit, in der Frauen, vielleicht zum ersten Mal in der westlichen Welt, eine bedeutende Stellung im Wirtschaftsleben innehaben.“  S.287f.

Wie der Autor hier vorgeht, ist ganz clever gelöst. Er setzt nicht plump in das Geschehen des Ausbruchs ein und positioniert dann dort herum seine Fakten, sondern er beginnt bereits etwa 53 Stunden vor dem Ausbruch. So lernt der Leser nicht nur die "zerstörte" Stadt kennen, sondern findet sich in dem pompejischen Leben wieder. Es fühlt sich tatsächlich wie ein kleiner Rundgang an, bei welchem man alle gängigen Konzepte der Stadt erforscht und sich so den Geschichten der Menschen nähert. Dabei treten das ein oder andere mal auch sehr verwunderliche Fakten auf, die ich bis dahin nicht kannte. Pompeji wird hier wirklich von allen Seiten beleuchtet, die positiven, wie auch die negativen Entwicklungen der Stadt sind ein zentraler Punkt. Auch die Beschreibungen der Menschen und deren Lebensstils werden gut und anschaulich dargelegt. Mich hat ein klein wenig verwundert, dass der Autor geschrieben hat, dass die Menschen grundsätzlich klein wären, die Männer wie auch die Frauen und kurz darauf öfters die Beschreibung bestimmter Figuren "er ist groß, schlank [...]" lautete. Grundsätzlich erschien mir aber alles sehr schlüssig und auch wissenschaftlich gut erklärt, zum Beispiel woran man das Datum des Ausbruchs festsetzt, wie die Leute versuchten zu fliehen, welche Möglichkeiten es überhaupt gab und tatsächlich auch, was das Leben in Pompeji überhaupt ausgemacht hat. Obwohl die Stadt ausgelöscht wurde, ist man erstaunt, was durch die Ausgrabungen alles offengelegt wurde und wie man das Leben rekonstruieren konnte. Besonders die traurigen Schicksale der Menschen, die nicht fliehen konnten, nehmen einen mit, auch wenn es an einigen Stellen viele hypothetische Aussagen sind. Mir gefiel zudem, dass sich "Rectina" als Protagonistin in die Handlung einbinden ließ und das Buch dadurch den leichten Hauch eines Romans angenommen hat.

"Merkwürdig ist das Ende von Fabius Rufius beziehungsweise einem seiner Sklaven. Er stirbt durch einen der pyroklastischen Ströme, während er die Treppen des Hauses hinaufläuft, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Archäologen werden ihn auf der Treppe finden und einen Abguss machen. So ist eine verzweifelte Flucht der Nachwelt erhalten geblieben.  S.150

Detailgetreue und sehr intensive Darstellung des Vulkanausbruchs in Pompeji. Überzeugt durch einen frischen und angenehmen Erzählstil und hebt sich dadurch von gängigen Texten, die nur Fakten aufzählen deutlich ab. Man lernt zudem nicht nur viel über die zerstörte Stadt Pompeji kennen, nachdem sie von dem Vulkan ausgelöscht wurde, sondern auch über das alltägliche Leben der Pompejaner und dessen Lebensgewohnheiten; Sklavenhandel und politische Streitigkeiten nicht ausgeschlossen. Wirklich lesenswert, vor allem wenn man sich für mögliche Rekonstruktionen solche Ausgrabungsstätten interessiert. Wirkt durch zwei Bildteile zusätzlich lebhaft.


 Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Verbindlichkeit von Maximilian Probst

Januar 15, 2017








(Original: "-" / 2016) Rowohlt Verlag, Übersetzer/in:-, 256 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★(★) 3 bis 4 Sterne 

"Ein Plädoyer für eine unzeitgemäße Tugend. «Die Verbindlichkeit hat als Symbol den Handschlag. Hier hast du mein Wort, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, den Bund, den wir eingehen, zu halten. Aber es steht keineswegs alles in unserer Macht! Dass die Verbindlichkeit nicht mehr sozioökonomisch gedeckt ist, sondern jeder sie aus eigener Kraft aufrecht erhalten muss, bedeutet auch: Wir können ihr Scheitern nicht ausschließen. Wir müssen darauf hoffen, dass uns gelegentlich vergeben wird.
Das ist es, was sie zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit werden lässt: Sie weist jeglichen Fundamentalismus zurück.»
Wo lebe ich, welche Partnerschaft gehe ich ein, und was mache ich eigentlich heute Abend? In der Moderne gibt es immer Optionen, nirgends Schicksal. Es besteht keine gesellschaftliche Notwendigkeit mehr, sich auf irgendwas festzulegen. Jederzeit verfügbare Menschen sind beliebter, angesehener, erfolgreicher. Verbindliche Menschen gelten dagegen schnell als langweilig. Maximilian Probst zeigt in seinem Buch: Gerade jetzt, wo zu etwas zu stehen so schwer ist wie nie, erscheint uns gerade das wertvoller denn je. Er beschreibt, wo Verbindlichkeit und Verfügbarkeit sich unvereinbar gegenüberstehen, wie dieser Widerspruch sich auflösen und aufhalten lässt. Subtil, klug und poetisch nimmt er seinen Lesern die Angst, etwas zu verpassen.“



MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Verbindlichkeit meint, das ist die These dieses Buches, den Weg vom Ich zum Wir. S.8

Dieses Buch hat in mir zum Ende hin einen vollkommenen Zwiespalt ausgelöst. Vielleicht auch, weil es auch mit dem Zwiespalt der Angelegenheit um die Verbindlichkeit spielt. Soll man sich binden? Kann man sich überhaupt noch binden? Wie äußern sich die positiven und negativen Anhaltspunkte? Man kann nicht leugnen, dass Maximilian Probst einen sehr wichtigen und wesentlichen Teil der heutigen Gesellschaft beleuchtet. Heutzutage wird scheinbar immer weniger Wert auf die Verbindlichkeit gelegt. Alles lebt schneller, Optionen stehen an jeder Ecke bereit. Sei es in Hinblick auf die beste Party, den besten Freundeskreis oder generell die Möglichkeiten, die uns dank des Internets offen stehen. Wo bleibt da noch Zeit und überhaupt die Lust jemandem gegenüber fest zuzusagen? Ja, das Thema an sich ist wirklich aktuell und auch interessant. Auch die grundlegende Art und Weise wie Probst mit vielen Elementen der Verbindlichkeit spielt, hat mir größtenteils zugesagt. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, dass durch das viele "spielen" am Ende doch einiges verloren geht oder sich zumindest so stark vermischt, dass der Leser ein wenig ratlos zurückbleibt. Man kann die einzelnen Aspekte des Autors gut nachempfinden. Dazu sind die einzelnen, übersichtlichen Kapitel hilfreich. Auch die recht vielen literarischen Verweise vieler wichtiger Passagen dienen meist zum besseren Verständnis. Allerdings war es für mich an einigen Stellen zu sprunghaft. Es wurde gezielt auf die Verbindlichkeit in allen möglichen Lebensbereichen eingegangen, sei es privat, politisch oder ökonomisch und plötzlich kommt ein Einblick in das Leben des Autors, was entfernt etwas damit zu tun hat, was einen aber ansonsten abrupt komplett aus dem eigentlichen Rahmen schmeißt. Diese Auflockerung war zu Beginn ganz erfrischend, zum Ende hin aber wie gesagt etwas zu konstruiert. Dadurch dass mir dann zeitweise einige Aussagen unsympathisch waren, hat sich mein guter Gesamteindruck ein klein wenig gedämpft.

"Es gibt demnach zwei Formen der Verbindlichkeit. Die eine beruht auf einem Vertrag, die andere auf Vertrauen. Und die Moderne ist der Prozess, in dem die Vertrauensverhältnisse zunehmend in Vertragsverhältnisse umgeschmiedet werden.“  S.87

Mir gefiel hingegen das Thematisieren der eigentlichen "Tugend" ganz gut. Ich denke in der heutigen Zeit sollte man sich im klaren sein, dass, wie der Autor auch zum Ausdruck bringt, an der Verbindlichkeit mehr hängt, als nur man selbst. Verbindlichkeit ist immer mit Verantwortung verknüpft, welche die Menschen nicht bereit sind oder bereit sein wollen, einzugehen. Folglich weiß man nicht auf wen man sich verlassen kann. Probst schafft es hier ganz gut, dieses Gefühl zu transportieren. Dass man sich darauf besinnen sollte, dass eine Welt ohne Verbindlichkeit nicht funktionieren kann. Gewisse grundlegende Gegebenheiten für ein funktionierendes Miteinander würden nicht mehr möglich sein. Es ist tatsächlich mal ganz gut, diese Überlegungen in Form eines solchen "Essays" zu lesen, denn man verspürt tatsächlich wieder das Bedürfnis zuverlässiger gegenüber seinen Freunden und Mitmenschen zu sein. Schließlich wünscht man sich dies auch von anderen. Um diese Punkte zu verdeutlichen, greift Probst auch ganz gute Alltagssituationen auf. Zeitweise war ich etwas unschlüssig, ob der Autor damit nicht nur seine eigenen Angelegenheiten aufarbeiten will, das letzte Kapitel gibt da aber etwas aufschlussreiche Informationen preis, die das Buch noch einmal in eine ganz andere Richtung lenken. Durch diesen "Trick" fand ich mich zunächst etwas überrumpelt und empfand es als schlechte Herangehensweise. Mit der Zeit aber zeigte mir das letzte Kapitel noch einmal ganz gut auf, was die "Verbindlichkeit" bewirken kann, wenn sie fehlt oder eben vorhanden ist. So gesehen, ist das Buch nicht nur ein interessanter Essay, sondern auch ein kleines Leseexperiment.

"Aber dieser Mensch, der keinerlei Willen hat, sich zu binden - womöglich gibt es ihn gar nicht. Wer könnte in einer totalen Unverbindlichkeit leben? In einer reinen Punktualität stets offener Optionen? Niemand. Eher noch bindet sich der Mensch ans Nichts, als sich nicht zu binden.  S.133

Anschauliche Darstellung der heutigen Gesellschaft hinsichtlich ihrer Einstellung zur Verbindlichkeit, sei es privat oder politisch. Sorgt für genügend Denkanstöße und regt dazu an, über seine eigenen Verbindlichkeitsvorstellungen nachzudenken. Durch gezielte "Spielereien" entpuppt sich der Essay als kleines Experiment, wodurch man das einhalten oder wegfallen einer Verbindlichkeit, die man als gegeben annimmt, zum Teil selbst auf ihre Wichtigkeit prüfen muss.



Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Briefe schreiben

Januar 13, 2017















"Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann. Der Brief ist eine Art Selbstgespräch". - Johann Wolfgang von Goethe 

Briefe zu schreiben, mit Tinte und Füller oder sei es gar nur mit Kugelschreiber, wird immer seltener. Dabei finde ich, hat es einen ganz wunderbaren und einen ganz eigenen Charme. Immer wieder schlich ich um verschiedene Kalligraphie-Stifte und das passende Zubehör und dachte mir dann doch:"Wozu? Irgendwie schreibt man doch sowieso kaum noch Briefe, es sei denn sie sind für die Versicherung etc." Und selbst da wählt man den bequemen und formellen Weg und druckt die Formulare gegebenenfalls schnell aus.

Dennoch kam ich nie ganz davon weg. Ganz zu schweigen von den vielen Büchern, die vom Briefe schreiben und Briefe bekommen erzählen. Liebesbriefe in den verschiedensten Formen und Längen, Briefe, die einen berühren und die genau dadurch, dass sie handgeschrieben sind, umso mehr Gefühl transportieren. Man nimmt jeden Schlenker wahr, der Text drückt durch die eigene Handschrift eine gewisse Identität aus. Und auch in meiner letzten Lektüre sehnte sich eine Protagonistin nach handgeschriebenen Briefen. Für mich werden solche Liebesbriefe oder seien es auch nur "normale" Briefe eine wohlwollende Faszination ausüben. Ich kann mich noch daran erinnern, als es "in" war einen Brieffreund zu haben. Das waren noch die Anfänge des Internets. Da hat man sich tatsächlich dort dazu verabredet, um sich anschließend durch Briefen auszutauschen. Man hat sich immer gefreut, wenn ein neuer Brief im Briefkasten lag und es war, ist und wird auch immer ein ganz anderes Gefühl ausstrahlen, als die E-Mails, die man in seinem Postfach findet (mal ganz abgesehen von den netten Spam-Mails).

Daher habe ich mich schließlich und endlich, doch mit einigen anfänglichen Schreibutensilien eingedeckt. Dazu gehört natürlich ein Kalligraphiestift mit zwei auswechselbaren Minen. Eine ist wunderbar auf "alt" gemacht und wurde durch Shakespeares Abbild ergänzt. Die zweite ist spielerisch aufgebaut und besteht aus einer, mit dem Zeigefinger schreibenden, Hand. Da die Tinte dadurch natürlich nicht in dem Inneren des Stiftes steckt, darf ein Fläschchen blauer Tinte nicht fehlen. Allein schon die "Schreibgeräte" zu testen löst Glücksgefühle in mir aus. Natürlich muss man sich erst wieder an diese Art gewöhnen, aber mit der Zeit macht es umso mehr Spaß (außerdem erinnert es mich sogar etwas an Harry Potter...). Man muss natürlich bedenken, dass man etwas mehr Zeit investieren muss, da man wie gesagt, den Stift immer wieder eintunken muss und die Tinte etwas länger trocknen sollte. Allerdings ist das Schreibgefühl ein ganz anderes. Mir persönlich macht es Spaß und ich denke, ich werde in Zukunft versuchen, einige Briefwechsel wieder aufleben zu lassen. 

Bücher, die Briefe thematisieren oder eine Ansammlung dieser sind:

Schreibt ihr noch Briefe? Würdet ihr wieder Briefe schreiben, wenn ihr wüsstet, dass ihr auch welche zurückbekommt? Ist euch diese Art des Schreibens zu aufwenidg geworden oder könnt ihr auch noch eine gewisse Vorliebe dafür finden?