Der Flüsterer im Dunkeln von H.P. Lovecraft

Oktober 31, 2016







(Original: "The Whisperer in Darkness" / 1931) Suhrkamp, Übersetzer/in: Rudolf Hermstein, 123 Seiten, Taschenbuch,  Einzelband, ★★★★ 4 Sterne
"Der Flüsterer im Dunkeln ist eine Art schauerlicher Science-fiction; Wesen aus dem interstellaren Raum bemächtigen sich der Gehirne von Forschern zu dunklen Zwecken."

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Man erzählte sich von sonderbaren Klauenabdrücken, die am Morgen unter den Fenstern von Bauernhäusern gesehen worden waren, und gelegentlich auch von dem Verschwinden einer Person in einer Gegend außerhalb der bekanntermaßen heimgesuchten Gebiete.S.12f.

Natürlich haben sich Horrorgeschichten im Laufe der Zeit etwas verändert. Sie werden meist gruseliger, vielleicht auch sogar blutiger. Die Anfänge solcher Geschichten bildet aber zum Beispiel der sehr bekannte Schriftsteller H.P. Lovecraft. Seine Horrorerzählungen sind noch deutlich subtiler, bewegen sich dennoch in recht Gänsehaut-erzeugenden Äußerungen. In "Der Flüsterer im Dunkeln" erfährt der Leser was vor sich geht, aber vieles bleibt trotzdem im Verborgenen. Es gibt Hinweise darauf, was genau passiert sein könnte, Einiges bleibt aber unausgesprochen. Das macht zugegebenermaßen auch den Reiz der Geschichte aus. Der Leser wird mit einem Erzähler konfrontiert, welcher übernatürliche Ereignissen und auch Gestalten auf der Spur ist, obwohl er den ganzen Mythen recht skeptisch gegenübersteht. Als Leser ist man demnach in der Situation, dass man sich fragen muss, ob man ihm vertrauen kann und ob sich alles nicht doch als "Traum" oder ähnliches erweisen könnte. Durch die gezielten Äußerungen und Hinweisen in gewissen Briefen wird der Leser aber auch auf Entwicklungen in der Geschichte vorbereitet. Die Spannung der Geschichte liegt aber zudem auch an der Kommunikation zwischen dem Protagonisten und gleichzeitigen Erzähler und einem weiteren Mann, der sich für die eigenartigen Geschehnisse und Erzählungen interessiert, die besagen, dass etwas Merkwürdiges vor sich geht. Sie kommunizieren nämlich vorerst ausschließlich über den Briefverkehr. Alles, was an dem Ort geschieht, basiert allein auf den Aussagen seines "Freundes". Auch hier muss man sich fragen, in wie weit die unheimlichen Wesen, die beschrieben werden und deren Verhaltensweisen zutreffend sind.

"Daß er tödliche Angst vor den dichtgedrängten grünen Bergen und dem endlosen Gluckern der Bäche gehabt hatte, inmitten derer er geboren und aufgewachsen war, besagte auch nichts, denn Tausende leiden unter solchen krankhaften Angstzuständen.S.7

Ich muss dazu sagen, dass ich mir die Geschichte zwar deutlich "gruseliger" vorgestellt habe, aber ich kann nicht leugnen, dass sie durchaus ihren Reiz und ihre Spannungsmomente hat. Mir gefiel die Gestaltung der neuen Erkenntnisse rund um den mystischen Ort und die Abdrücke, die gefunden werden und auch die spielerische Taktik, den Leser zu verunsichern. Dennoch kann man natürlich vieles erahnen und man befindet sich nicht zwingend in der Situation, dass man auf eine ganz außergewöhnliche Wendung stößt. Dennoch hält die Geschichte einige Überraschungen bereit, die sich zum Beispiel zum Verbleib einiger Personen äußern oder auch die Absichten der fremdartigen Wesen aufgreifen. Es ist sicherlich eine gute, literarisch unterhaltsame Lektüre, die ihren ganz eigenen Charme hat und wirklich zum weiterlesen animiert. Am Ende war ich mir etwas unschlüssig, ob man dieses Buch lesen sollte, bevor man nicht die anderen berühmten Werke Lovecrafts gelesen hat, denn es tauchten Namen auf, die man aus anderen Geschichten von ihm kennt und zu denen ich dann noch keine Verbindung aufbauen konnte. Eine stetige Entwicklung und gewisse Spannungsmomente sind aber definitiv beinhaltet.

"Was der Flüsterer behauptete, war für einen Menschen völlig unglaublich - aber schienen nicht die anderen Dinge nur deshalb noch weiter hergeholt und noch absurder, weil sie noch weiter von der Möglichkeit sichtbarer, konkreter Beweisführung entfernt waren?“ S.101f.


Eine ausgesprochen gute, frühe "Horrorgeschichte", die den Leser gebannt einfängt und mit den selbst einzuschätzenden Wahrheitsgehalten der Protagonisten spielt. Spitzt sich in der Dramatik zu und offenbart die Absicht unheimlichen Wesen. Mit spielerischem Erzählstil und einer gekonnten Kreativität sorgt das Buch für Suchtgefahr.


Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig

Oktober 28, 2016








(Original: "-" / 1929) Topalian & Milani, Übersetzer/in: -, 150 Seiten mit zahlreichen Illustrationen von Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold, gebunden,  Einzelband, ★★★★★ 5 Sterne
Das Buch beinhaltet zwei Novellen des bekannten Schriftstellers Stefan Zweig: „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“.

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Ja, ich kann mir´s schon denken, warum Sie mich aufsuchen… Die Geschäfte gehen jetzt schlecht in unserem armen, heruntergekommenen Deutschland, es gibt keine Käufer mehr, und da besinnen sich die großen Herren wieder einmal auf ihre alten Kunden und suchen ihr Schäflein auf…“ S.23

Was bei diesem Buch natürlich sofort ins Auge fällt, ist die außerordentlich schöne Gestaltung und die zahlreichen Illustrationen, welche genügend Tiefgang besitzen und sich so geschickt mit den beiden Novellen verbinden. Die Intentionen der Illustrationen werden nach jeder Erzählung durch einen kurzen Text erläutert, was mir persönlich gut gefallen hat, da die künstlerische Arbeit ebenfalls genügend gewürdigt wird. Die Novellen „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“ von Stefan Zweig werden sicherlich viele kennen, ich muss zu meinem Bedauern sagen, dass ich erst mit diesem Buch den Einstieg in die wunderbare Erzählwelt Zweigs gefunden habe. Umso begeisterter war ich, als mir die Novellen mit einer solch liebevollen Aufarbeitung in die Hände fielen. Das Buch ist sehr modern gestaltet und vereint dadurch zusätzlich ganz geschickt, die klassischen Geschichten mit den zeitgemäßen Ansichten. Beide Texte beziehen sich auf die sich verändernde Gesellschaft, die durchaus negativ wahrgenommen wird. Als Leser spürt man Zweigs Interesse oder Wunsch nach einem sinnvollen Lebensstil und einem bedachteren Umgang miteinander. Es sind zwei Erzählungen die sehr gut miteinander harmonieren und das Buch dementsprechend zu einer wunderbaren Lektüre entstehen lässt.

"Ich ärgerte mich, wie man sich immer ärgert, wenn der eigene Leib dem Willen nicht gehorcht, wenn irgendein Versagen einen die Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit unserer geistigen Kräfte gewahr werden läßt.“ S.70

Inhaltlich möchte ich von den Erzählungen nicht zu viel vorweg nehmen, zudem gehe ich auch davon aus, dass viele die Werke Zweigs vielleicht bereits kennen. Was für mich allerdings ganz erwähnenswert ist, ist die Liebe zum Detail in dem Buch. Das Buch endet zum Beispiel nicht einfach nur mit der Erzählung „Buchmendel“, sondern weist noch einige Lebensverläufe von Stefan Zweig auf, welche seine Lebensphilosophie aufgreift. Zudem ist sein „Abschiedsbrief“ abgedruckt, welcher den Leser auf eine ganz besondere Art berührt und dafür sorgt, dass man die Novellen mit einem etwas erweiterten Blickwinkel wahrnimmt. Ich bin wirklich begeistert wie viel man aus diesen knapp hundertfünfzig Seiten mitnimmt. Für mich gleicht das Buch definitiv den Defizit aus, den der deutsche Buchmarkt noch hinsichtlich der Gestaltung von besonderen Literaturausgaben hat.

"Ein bitterer Geschmack kam mir auf die Lippen, Geschmack von Vergänglichkeit: Wozu lebt man, wenn der Wind hinter unserm Schuh schon die letzten Spuren von uns wegträgt?“ S.97


Zwei Novellen Stefan Zweigs, vereint in einem Band, welche das Bücherherz höher schlagen lassen. Thematisch wird man hier auf Gedanken bezüglich der Entwicklung der Gesellschaft und dessen negativen Folgen, wie aber auch den vereinzelt guten Menschen und Ansichten gebracht, die einen deutlich größeren Platz einnehmen sollten. Die kurzen Erzählungen an sich sind schon lesenswert und hinterlassen einen leicht melancholischen Hauch, aber die Illustrationen, die mit viel Liebe zum Detail gestalteten, zusätzlichen Seiten, lassen das Buch zu einem wirklichen Hingucker werden, welches man als literaturverliebter Mensch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.





























Vielen Dank an den Topalian & Miliani Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Neuerscheinungen November

Oktober 27, 2016










In fünf Tagen startet schon der November und man beginnt langsam, sich nach gemütlichen Abenden zu sehnen, an denen man nur zu einem guten Buch greifen möchte. Daher habe ich wieder ein mal einige interessante Neuerscheinungen zusammengestellt, die uns die immer kürzeren Tage versüßen könnten. Wie immer, gelangt ihr durch Anklicken des Titels auf die jeweilige Verlagsseite und erhaltet dort ausführlichere Informationen zum Buch.

Ich gebe dir die Sonne von Jandy Nelson, cbt, gebunden, 21.November
Ein Jugendbuch, welches mich durch den Titel sofort interessiert hat. Im Englischsprachigen ist das Buch glaube ich schon etwas länger auf dem Markt und hat auch viele Leser überzeugen können. Daher habe ich mir das Buch schon einmal vorgemerkt.

Zum Glück ein Jahr von Sophia Bergmann, Diana, Taschenbuch, 14. November
Klingt nach einer süßen Liebesgeschichte. Da ich diese in letzter Zeit (unbewusst) gemieden habe, musste das Buch auf meinen Merkzettel.

Bei Anbruch der Nacht von Kazuo Ishiguro, Heyne, Taschenbuch, 14. November
Der Klappentext gibt zwar nicht allzu viel preis, aber es hört sich schön nachdenklich an. Zudem sind musikalische Einflüsse eigentlich nie verkehrt.

1933 war ein schlimmes Jahr von John Fante, Blumenbar, gebunden, 14. November
Ein wiedergefundener Roman, welcher sich ganz gut anhört: "Es ist die Geschichte eines persönlichen und eines Klassenkampfes in der Zeit der großen Wirtschaftskrise: Ein bewegender und komischer Roman über die Jugend und ihre Auflösung im Erwachsenenleben.". Also ab damit auf den Merkzettel

Libellen im Kopf von Gavin Extence, Limes, gebunden, 14. November
Gavin Extence kennt man als Autor von "Das unerhörte Leben des Alex Woods...". Ich muss zugeben, dass ich selbst diesen Bestseller noch nicht gelesen habe. Aber vielleicht klappt es dann ja mit diesem Buch.
 
Der freie Tod von Anne Waak, Blumenbar, gebunden, 14. November
Das Thema des selbstbestimmten Todes finde ich immer wieder sehr interessant, auch wenn es ein ernstes Thema ist, welches man nicht einfach so nebenbei als nette Lektüre lesen kann. Dennoch finde ich es wichtig, sich mit den Gedanken und den Wünschen der Menschen auseinanderzusetzen. Daher wird dieses Buch sicherlich vorgemerkt.

113 einseitige Geschichten von Franz Hohler (Hrsg.), btb, gebunden, 14. November
In letzter Zeit haben es mir Kurzgeschichten und Erzählungen irgendwie angetan. Daher überrascht es mich nicht, dass dieses Buch sofort auf meinem Merkzettel gelandet ist.

Realitätsgewitter von Julia Zange, Aufbau Verlag, gebunden, 14. November
Ehrlich gesagt hat mich hier vor allem das Cover erst einmal angesprochen. Ich werde hier mal einige Rezensionen abwarten und schauen, ob das Buch dann tatsächlich etwas für mich sein könnte.

Das Buch ohne Bilder von B.J. Novak, Blanvalet, gebunden, 14. November
B.J. Novaks Kurzgeschichtensammlung "Cornflakes mit Johnny Depp" hat mich wunderbar unterhalten und ich finde seinen Humor wirklich ansteckend. Daher warte ich schon sehnsüchtig auf dieses kleine Schätzchen. Es soll eine interaktive Funktion ermöglichen, sprich das Buch soll dazu animieren, sich durch das Vorlesen auf eine ganz spezielle Art des Lesens zu begeben.

What if? Was wäre wenn? von Randall Munroe, Knaus, gebunden, 14. November
Ist zwar keine Neuerscheinung in dem Sinne, aber der Knaus Verlag hat eine wunderschöne Edition des Bestsellers angekündigt, die mich sofort angesprochen hat.

Die Kleidermacherin von Nuria Pradas, Penguin, Broschur, 14. November

Die Glücksliste von Eva Woods, Blanvalet, Taschenbuch, 21. November
Auch hier ist die Auswahl wohl am schnellsten damit begründet, dass ich wieder Lust auf einen total süße Geschichte habe, die etwas lockerer ist. Ein leichtes Buch für die Abende, an denen man sich einfach etwas ausruhen und zurücklehnen möchte.

Die zwei Seiten meines Herzens von Leigh Himes, Taschenbuch, 21. November
Auch hier, habe ich das Buch auf meine Liste gesetzt, weil es sich nach einer Liebesgeschichte anhört, die man gut zwischendurch lesen kann.

Ein anderes Wort für Glück von Deborah O´Brien, Goldmann, Broschur, 21. November

Auf Schienen um die ganze Welt von Kristian Ditley Jensen, Atlantik Verlag, gebunden,  18. November
Erlebnisbücher lese ich immer besonders gerne, da ich selbst, zeitmäßig, weniger reise. So habe ich ab und an zumindest halbwegs das Gefühl, zu wissen, was es auf der Welt so alles gibt. Hört sich wunderbar an, um es ebenfalls im Zug zu lesen.

Belgravia von Julian Fellowes, C. Bertelsmann, gebunden, 14. November

El Paso von Winston Groom (Englisch), gebunden, November
Meine einzige englische Neuerscheinung diesen Monat (bei den englischen Neuerscheinungen kommt man noch viel langsamer mit, als bei den deutschen). Winston Groom ist der Autor der weltbekannten Geschichte von "Forest Gump". Nach sehr langer Zeit erscheint nun ein neuer Roman, der mich direkt neugierig gemacht hat..

Erzählende Bilder von Richard McGuire, Dumont, gebunden, 17. November
Ein wenig Kunst ist immer gut!

Melrose von Edrwad St. Aubyn, Piper, gebunden, 02. November
Dieses Buch ist eine Gesamtausgabe der "Patrick Melrose Novels". Es gibt die Bücher bereits einzeln zu kaufen, hier bietet Piper aber nun die Möglichkeit die "Saga" in einem Band zu haben. Ich werde das Buch sicherlich im Auge behalten, allerdings umfasst das gute Stück fast 900 Seiten, die derzeit etwas schwierig zu vereinbaren sind mit meiner Lesezeit.

Monty und ich von Louisa Bennet, Heyne, Broschur, 14. November

Die steinerne Matratze von Margaret Atwood, Berlin Verlag, gebunden, 02. November
Wurde sofort von mir vorgemerkt, als ich es gesehen habe. Aus dem auch oben genannten Grund, weil mich Erzählungen in letzter Zeit sehr gut unterhalten und weil ich unbedingt etwas von Margaret Atwood lesen möchte.

The House of Ullstein von Hermann Ullstein, Ullstein Verlag, gebunden, 18. November
Natürlich interessiere ich mich nicht nur für Literatur an sich, sondern auch für die Geschichten hinter den Verlagshäusern. Mit "The House of Ullstein" bekommt man einen Einblick in die Geschichte des Hauses. Ich bin schon wahnsinnig gespannt, wie es sich liest.

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer, Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 10. November
"Wie können wir wir selbst sein, wenn unser Leben doch so eng mit allen anderen verbunden ist? Diese Fragen stehen im Zentrum von Jonathan Safran Foers erstem Roman seit elf Jahren." Foer hat mich vor allem durch sein Buch "Tiere essen" überzeugt. Daher landen seine Bücher meist automatisch auf meinem Merkzettel, wie auch dieses hier.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti, Atlantik Verlag, gebunden, 18. November
Laut Klappentext hört es sich nach einer kurzen, aber süßen Fabelgeschichte an, die ich einfach nicht ignorieren konnte. Ich liebe diese Geschichten á la "Der kleine Prinz" oder Ähnliches, daher wandert das Buch sofort auf meinem Merkzettel ganz nach oben.

Welche Neuerscheinungen erwartet ihr im November sehnlichst?




Eine letzte Liebschaft von Richard Yates

Oktober 26, 2016









(Original: "Uncollected Stories" / 2001) DVA, Übersetzer/in: Thomas Gunkel, 208 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★★ 4 Sterne
"Der Band Eine letzte Liebschaft versammelt die neun letzten noch nicht auf Deutsch veröffentlichten Erzählungen des Autors. Ganz gleich, ob er das unterdrückte Begehren einer Hausfrau in der Vorstadt thematisiert, die Verzweiflung eines Büroangestellten in Manhattan oder das gebrochene Herz einer alleinerziehenden Mutter – niemand porträtiert die Alltagshoffnungen und -enttäuschungen seiner Figuren so schonungslos, doch mitfühlend wie Richard Yates.“

MEINE MEINUNG | FAZIT 


"Um die Wahrheit zu sagen… Um die Wahrheit zu sagen, dachte Miller, müsste ich zugeben: von wegen schlechtes Gedächtnis. Ich habe nur das vergessen, was mir nicht wichtig war, und in jener Nacht ging´s allein darum, im Dunkeln zu rennen […].“ S.11

Richard Yates ist für viele Romane bekannt, die sogar unteranderem verfilmt wurden („Zeiten des Aufruhrs“). Umso überraschender für mich, dass ich bisher noch kein Buch von ihm gelesen habe. Mit „Eine letzte Liebschaft“ hat sich dies nun glücklicherweise geändert. Das Buch bietet dem Leser neun kurze Erzählungen, welche abwechslungsreich sind, welche aber auch, deutliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Alle Protagonisten der Erzählungen spiegeln Seiten des Lebens wieder, die von einer sich einredenden „Alles ist in Ordnung“ – Stimmung zur bitteren Erkenntnis umschwenkt, dass es etwas in ihrem Leben gibt, was sie unglücklich macht. Diese Gradwanderung gelingt Yates so gut, dass viele Geschichten nicht einmal eine Traurigkeit zurücklassen, sondern einen ironischen Beigeschmack haben. Die Figuren haben alle einen ganz speziellen Charakter, der sich der jeweiligen Geschichte gut anpasst und auch in sich geschlossen ist. Es gibt keine Unklarheiten, was die Intention der Figuren angeht. Mir gefiel aber, dass keine Geschichte aufdringlich erscheint. Man liest die Erzählungen und genießt einfach die literarische Arbeit des Autors. Was zudem auffällt ist, dass die Geschichten sehr vielfältige Protagonisten beinhalten, die der Autor aber unfassbar gut aufgreift und sie auch versteht. Da wäre eben eine Hausfrau, ein Kriegsveteran oder ein kleines Mädchen, das herausfinden muss, wie sie für sich selbst einstehen kann.

"Ich hatte gar nichts. Sie glaubte, ich hätte alles. Hielt mich für ein Genie. Dachte, ich würde irgendwann ein neuer Sherwood Anderson sein. Wahrscheinlich glaubte sie das immer noch.“ S.110

Würde man mich fragen, welche meine liebste Erzählung des Buches sei, könnte ich keine eindeutige Antwort abgeben. Ich finde das Buch an sich ist in dieser Form wunderbar gelungen und ergänzt sich zudem sehr gut. Die Geschichten bilden einen roten Faden, thematisch und in Hinblick auf die Aussagen und Wendungen der verschiedenen Leben, so dass man kein Gefühl von "Trennung", zwischen den Erzählungen empfindet. Da die Kapitel aber einzeln recht kurz sind, eigenen sie sich wunderbar als Bahnlektüre oder Ähnliches. Mit Sicherheit wird dies nicht das letzte Buch von Yates gewesen sein, welches ich zur Hand genommen habe, denn seine Erzählungen sind wirklich ein kleiner Lesegenuss. Hinter ihnen verbirgt sich eine Zerbrechlichkeit, wie aber auch eine Stärke, die man nur entdecken muss. Relativ leicht erzählt, aber mit einer Wirkung, die im Gedächtnis bleibt.

"Als Mann muss man keinen Verlobungsring tragen, also hast du leicht reden. Ein Mann ist privilegiert, er kann tun, was ihm gefällt.“ S.172


Neun kurze Erzählungen, die sich thematisch gut aneinander anpassen und die Glückseligkeit beziehungsweise Unglückseligkeit des Lebens aufzeigen. Interessante Protagonisten und Umstände variieren, so dass die Ansichten aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Unterhaltsam, rührselig und perfekt, wenn man Lust auf ein gutes Stück gelungener Literatur verspürt.




























Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

The Girls von Emma Cline

Oktober 25, 2016




(Original: "The Girls" / 2016) Hanser,  Übersetzer/in: Nikolaus Stingl, 350 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★★(☆) 4 bis 5 Sterne
"Kalifornien, 1969. Evie Boyd ist vierzehn und möchte unbedingt gesehen werden – aber weder die frisch geschiedenen Eltern noch ihre einzige Freundin beachten sie. Doch dann, an einem der endlosen Sommertage, begegnet sie ihnen: den „Girls“. Das Haar, lang und unfrisiert. Die ausgefransten Kleider. Ihr lautes, freies Lachen. Unter ihnen ist auch die ältere Suzanne, der Evie verfällt. Mit ihnen zieht sie zu Russell, einem Typ wie Charles Manson, dessen Ranch tief in den Hügeln liegt. Gerüchte von Sex, wilden Partys, Einzelne, die plötzlich ausreißen. Evie gibt sich der Vision grenzenloser Liebe hin und merkt nicht, wie der Moment naht, der ihr Leben mit Gewalt für immer zerstören könnte.“
"'The Girls' ist ein brillanter und zutiefst überwältigender Roman. Ein beeindruckendes Werk, nicht nur für eine Autorin ihres Alters, sondern für jeden Autor und jede Zeit." Richard Ford 

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Als Erwachsene wundere ich mich über die Schiere Menge an Zeit, die ich damals vergeudet habe. Was man uns an Genüssen und Entbehrungen von der Welt zu erwarten lehrte, die Countdowns in Zeitschriften, die uns drängten, uns dreißig Tage im Voraus auf den ersten Schultag vorzubereiten. S.31

An Emma Clines "The Girls" kommt man nach dem großen Hype gar nicht mehr unvoreingenommen vorbei. Die einen lieben es, die anderen eher weniger. Gleichsam musste das Buch schon viel Kritik einstecken, konnte sich aber auch über reichlich Lob freuen. Ich habe lange mit mir gehadert, ob mich das Buch letzten Endes anspricht oder nicht. Aber je größer die negativen Resonanzen wurden, desto größer wurde auch mein Interesse an dem Buch. Eines kann ich definitiv vorwegnehmen: ich bin äußerst positiv überrascht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich mich wirklich von den anderen Rezensionen loskoppeln musste, um mir ein eigenes Bild machen zu können. Einige Punkte jedoch konnte ich nachvollziehen, andere wiederum waren für mich eher unbegründet. Vielen gefällt zum Beispiel der Schreibstil nicht. Bei mir war es eine anfangs holprige Angelegenheit, weil ich dieses Kriterium stets im Kopf hatte. Auf den ersten paar Seiten war mir die Schreibweise tatsächlich etwas zu gestellt, zu poetisch, was sich aber sehr schnell verflüchtigt hat. Das wäre mein erstes kleines Kriterium, dass der Anfang irgendwie nicht zum Rest des Buches passen möchte. Es gibt drei große Teile, die in kürzere Abschnitte abgegrenzt wurden. Alles wird aus der Sicht von Evie Boyd erzählt, die nach vielen Jahren auf ihre Vergangenheit zurückblickt. Mir persönlich hat diese Art und Weise der Darstellung sehr gut gefallen. Evie Boyd erzählt zwar aus der Zeit, als sie vierzehn war, jedoch bleibt der Leser durch die Selbstreflexion von naiven Gedankengängen verschont. Ich denke, wäre die Geschichte aus der aktuellen Situation der Protagonistin geschildert worden, wäre es viel zu schnell in eine "dümmliche" und nervige Erzählweise ausgeartet. So allerdings bleibt es eine nostalgische Erinnerung dessen, was war und was hätte sein können. Man fragt sich ja immer, wie Menschen dazu kommen, solch schreckliche Dinge zu tun. Mit diesem Roman erhält man ganz gut den Eindruck, dass es eine Spirale ist, der man einfach schlecht entkommen kann. Besonders die Figur "Suzanne" ist hier ein gutes Beispiel dafür.

"Wir. Das Mädchen gehörte zu einem Wir, und ich beneidete sie um ihre Ungezwungenheit, ihre Gewissheit darüber, wohin sie vom Parkplatz aus gehen würde. Zu den beiden anderen Mädchen [...], oder mit wem sie sonst noch zusammenlebte. Menschen die ihre Abwesenheit bemerken und ihre Rückkehr freudig begrüßen würden.S.76

Was den Inhalt des Buches angeht, so war ich unfassbar von der Fülle überrascht. Ich habe oftmals gelesen, dass sich viele gewünscht haben, die inneren Gefühle wären etwas rausgenommen worden und wären durch mehr Details der Ranch-Mitglieder ersetzt oder ergänzt worden. Ich habe dies ganz anders wahrgenommen. Die Erlebnisse auf der Ranch und das gesamte System, welches von "Russel" aufgebaut wurde, waren für mich durchaus genügend. Viele Passagen fand ich sogar teilweise wirklich sehr extrem, wenn man sich vorstellt, dass vor allem die erotischen Passagen, einem erst vierzehnjährigen Mädchen geschehen. Man konnte förmlich spüren, wie verzweifelt Evie versucht sich selbst zu finden, sich aber durch ihre Suche paradoxerweise komplett verliert. Die Steigerung der Machtausübung der Mädchen, die Evie kennenlernt und die sehr zwiespältige Beziehung, die sie zu Suzanne hegt, waren meiner Meinung nach sehr intensiv und auch gut ausgearbeitet. Es gibt zudem deutliche Unterschiede in Evies Darstellung der Ranch und dessen Wirkung auf sie. Der Drang dazugehören zu wollen und die Illusion, dass es eine schöne Zufluchtsstätte für Jedermann ist, werden zunehmend von der Realität verdrängt. Besonders die letzten Kapitel haben mich geschockt, obwohl man ja eigentlich ahnen kann, was passiert und wohin die Begegnungen zwischen Evie und den Menschen der Ranch führen. Vieles wird bereits ganz am Anfang angedeutet. Aber dadurch dass es eben erst zum Schluss durch präzise Schilderungen genannt wird, steigert sich die Anspannung. Zudem fand ich auch die eigentlichen Idealvorstellungen der Mädchen und Russel gut thematisiert. Es wird auf die wahnwitzigen Lebensgewohnheiten eingegangen und wie gewisse Menschen durch ihre Verrücktheit sogar andere mitreißen können, ein kompletter Realitätsverlust eben. Hinzu kommen die sich gar nicht miteinander zu vereinbarenden Ansichten, dass Geld und die allgemeine Gesellschaft falsch sei, dass man nichts für sich selbst bräuchte und man ohne Besitztümer leben kann und die Mitglieder dennoch abhängig davon sind zu stehlen, um Benzin zu haben. Obwohl Russel zwar gar nicht so oft auftaucht, kann man sich dennoch ein ziemlich gutes Bild von seiner verdorbenen Existenz machen. Ab und an war mir der "erotische Anteil" zwar etwas zu vordergründig, aber auch hier konnte man diese perfiden Machenschaften von Russel deutlich wahrnehmen.

"Wenn man aus diesem alten Vertrag ausstieg, sagte uns Russel, wenn man sich der ganzen Scheißeinschüchterungstaktik von Gemeinschaftskunde, Gebetbüchern und Rektorenzimmer verweigerte, würde man erkennen, dass es so etwas wie Recht und Unrecht nicht gab.“ S.170


Packendes Buch, welches auf ganz spezielle Art aufzeigt, wie sich Menschen gegenseitig manipulieren können und wie sehr sich jeder nach der eigenen Wichtigkeit sehnt. Spitzt sich fortlaufend zu und endet in einer sehr ergreifenden Schilderung, die beinahe träumerisch wirkt. Die Erzählperspektive der Evie Boyd, die auf die Geschehnisse zurückblickt sorgt dafür, dass es keine naive, sondern eine angemessene und reflektiere Erzählung ist. Einige Passagen zielen sehr auf das Sexuelle ab, zeigen aber ganz gut auf, wie abgründig ein Mensch sein kann. Bezieht vor allem gelungen die nach und nach entstandene Abhängigkeit der Gruppe ein und thematisiert die Schwierigkeit zu erkennen, wann man sich von jemandem lösen sollte.



Vielen Dank an den Hanser Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Die störrische Braut von Anne Tyler

Oktober 23, 2016







(Original: "Vinegar Girl" / 2016) Knaus Verlag, Übersetzer/in: Sabine Schwenk, 224 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★★☆ 4 Sterne
Dieser Roman ist Teil der Reihe: Hogarth Shakespeare bei Knaus
"Kate Battista ist frustriert. Wie kommt es eigentlich, dass sie ihrem exzentrischen Vater brav den Haushalt führt und sich um ihre jüngere Schwester Bunny kümmert, die nur Flausen im Kopf hat? Auch in ihrem Kindergartenjob gibt es immer nur Ärger. Professor Battista hat andere Sorgen. Seit Jahrzehnten widmet er sich beharrlich seiner Forschungsarbeit, nun steht er kurz vor dem Durchbruch. Wenn, ja wenn sein brillanter Assistent Pjotr nicht des Landes verwiesen wird. Die Aufenthaltsgenehmigung des Weißrussen läuft bald ab. Als Professor Battista einen Plan ausheckt, um Pjotr in Amerika zu halten, verlässt er sich wie immer auf seine ältere Tochter. Doch Kate sieht rot – und Pjotrs tollpatschiges Werben um ihre Gunst macht die Sache erst einmal auch nicht besser.“

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Diese Bemerkung ging ihr nun häufig durch den Kopf, wenn sie sich morgens zur Arbeit aufmachte. Wenn sie dort Kindern beim Schuheausziehen half, wenn sie Knete unter Fingernägeln hervorpulen oder Pflaster auf Knie klebte; wenn sie wieder beim Schuheanziehen half. Sie – hat – keinen – Plan.“ S.22

Die „Hogarth Shakespeare“ Reihe des Knaus Verlags, bei welcher ausgewählte Shakespeare Werke neu aufgelegt werden, hat mich ja schon seit Beginn fest im Griff. Da hat es mich ehrlich gesagt nicht mehr überrascht, dass mich auch dieses Buch der Reihe überzeugen konnte. Witzig, charmant, etwas absurd und immer mit einer gewissen Skepsis, lässt Anne Tyler den Leser an einer Geschichte teilhaben, die für viel Wirbel sorgt. Mal schüttelt man mit dem Kopf, manchmal weiß man nicht, welche Figuren ihren Charakterzügen treu bleiben und ab und an schmunzelt man natürlich auch. Ich fand besonders „Bunny“, die kleine Schwester von Kate unterhaltsam und mochte die Gegensätze, die dadurch aufgezeigt wurden. Und obwohl sie immer als die „Dumme“ und „Naive“ dargestellt wird, war sie der Teil, der etwas rationales und vernünftiges Denken mit eingebracht hat. Es scheint, als sei sie tatsächlich die Einzige, die die Situation realistisch betrachtet. Alle anderen fügen sich der komödiantischen Rolle und dem Verlauf, den die Geschichte bereithält. Da ich Shakespeares Original „Der widerspenstigen Zähmung“ nicht gelesen habe und bei diesem Roman leider keine Informationen dazu eingebracht wurden, kann ich nicht beurteilen in wieweit gewisse Elemente aufgegriffen oder auf andere Weise umgesetzt wurden, aber man kann die Geschichte auch so wunderbar genießen.

"Feingefühl. Zurückhaltung, Diplomatie. Was war eigentlich der Unterschied zwischen Feingefühl und Diplomatie? Vielleicht bedeutete ´Feingefühl´, etwas höflich zu sagen, während ´Diplomatie´ bedeutete, gar nichts zu sagen. Aber umfasste ´Zurückhaltung´ das nicht auch? Umfasste ´Zurückhaltung´ nicht alle drei?“ S.33

Das wirklich Überraschende für mich war, dass sich das Buch tatsächlich locker und leicht liest. Es wird zwar auf einer Ebene zwischen den Zeilen auf ernstere Themen im Leben eingegangen und es werden auch Fragen in den Raum geworden, die dazu führen, dass man sich Gedanken über arrangierte Ehen und Ähnliches macht, aber es bleibt vom Gefühl her, eine angenehm leichte Kost. Es treten zwar viele absurde und kuriose Entwicklungen und Figuren auf, aber ich hatte nie das Gefühl von allem überrumpelt zu werden oder genug von allem zu haben. Die Einfälle der Autorin sind charmant und lassen das Buch vor allem zum Ende hin ganz herzerwärmend werden. Kate, die Protagonistin der Erzählung hält zudem durch ihr Verhalten viel Diskussionspotenzial bereit. Durch sie werden Überlegungen in Hinsicht auf Abhängigkeit, Gefügigkeit und eigenem Willen aufgegriffen. Ich persönlich mochte die Umsetzung der Leichtigkeit mit diesen Themen sehr. Man springt als Leser teilweise mit seinen Ansichten hin und her und überlegt, ob man das Verhalten der Familienmitglieder in einem angemessenen Maßstab nachvollziehen kann oder ob man es für zu absurd hält. Man weiß nie, ob das ganze Scheitern wird oder nicht. Der Epilog bringt dies noch einmal auf den Höhepunkt, da der Ausgang so ausgelegt wird, dass man die Fügung der "Braut" mit anderen Augen betrachtet.

"Wieder ließ er ihr dabei viel mehr Platz als nötig, doch jetzt kam Kate der Gedanke, dass er es vielleicht nicht nur ihretwegen, sondern auch seinetwegen tat. Aus irgendeinem Grund schienen plötzlich beide eine gewisse Scheu zu empfinden.“ S.155

Ein weiteres Buch der Reihe "Hogarth Shakespeare" welches mich überzeugen konnte. Enthält viele charmante Einfälle und nimmt den komödiantischen Teil sehr gut auf. Die Figuren ergänzen sich gut in ihrer Konstellation und bilden zudem gelungene Gegensätze, welche die Erzählung nicht langweilig werden lassen. Wirkt wie eine leichte, unterhaltsame Lektüre greift aber auch Themen wie die Abhängigkeit und die Stellung der Frau auf, die sich aber nicht so in den Vordergrund drängen, dass die Unterhaltung verloren geht.




 Vielen Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!