Der Report der Magd von Margaret Atwood

April 16, 2017










(Original: "The Handmaid´s Tale" / 1985) Piper Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Helga Pfetsch (aus dem kanadischen Englisch), 416 Seiten, Taschenbuch★★ 5 Sterne 

"»Mit ›Der Report der Magd‹ hat sich Margaret Atwood in die Nachfolge von Aldous Huxley und George Orwell hineingeschrieben.« Der Spiegel
Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Dienerin Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben ... Margaret Atwoods »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation und von Volker Schlöndorff unter dem Titel »Die Geschichte der Dienerin« verfilmt."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Das Normale, sagte Tante Lydia, ist das, was ihr gewohnt seid. Was ihr jetzt erlebt, mag euch vorläufig noch nicht normal vorkommen, aber nach einiger Zeit wird sich das ändern. Es wird das Normale werden." S.52

Man kann die Tatsache wohl nicht wirklich von sich weisen, dass zur jetzigen Zeit, beängstigende Zukunftsvisionen realer denn je erscheinen. Politisch scheint alles drunter und drüber zu gehen, man weiß nicht genau, welche Konflikte folgen werden und welche fanatischen Kreise sich noch zu entwickeln drohen. Umso erstaunlicher, bizarrer und auch durchaus gruselig die Tatsache, dass Margaret Atwood ihren bekannten Roman "The Handmaid´s Tale" im Original bereits im Jahr 1985 veröffentlicht hat und sich viele Überlegungen und Entwicklungen darin wiederfinden lassen, die den Leser etwas benommen zurücklassen.
Im Mittelpunkt steht ein Staat, der es sich zu Eigen gemacht hat, Frauen zu kontrollieren. Von beinahe jetzt auf gleich vollzieht sich eine Umwandlung der gesamten gesellschaftlichen Werte, sodass Frauen gezwungen werden als "Gebärmaschine" zu dienen. Das einmal rein zum inhaltlichen Kontext, um meinen Eindrücken besser folgen zu können. Als weibliche Leserin hat es mich natürlich nicht verwundert, dass ich von den persönlichen Eindrücken der Ich-Erzählerin nicht nur von Anfang an eingenommen, sondern teilweise auch, man kann es sagen, geschockt war. Allein die bloße Vorstellung daran, wie sich Frauen in diesem Gebilde zu fügen haben und wie weit die Observation, wie auch die Bestrafung derer ausfällt, lässt einen nicht unberührt zurück. Es schwingt immer etwas ganz Verletzliches mit. Man hat das Gefühl, man ist wirklich mit der Ich-Erzählerin alleine, als sei man etwas, woran sie sich festhält, etwas, für das es sich lohnt, ihre Geschichte zu erzählen. Man verspürt so eine Art Flüsterton, den der Text an sich hat. Als würde man bei einem Geständnis anwesend sein, das aber nur man selbst hören darf. Für mich einfach umso beeindruckender, wenn man dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte folgt. Margaret Atwood erschafft hier nicht nur eine Atmosphäre, die für das Buch angemessen wäre, die erschafft wirklich die Welt, die sich mit jeder Seite realer (wenn auch beängstigender) anfühlt.
Es geschehen Dinge, die einen verletzen, berühren, die einem den Atem stocken lassen, die manchmal dazu führen, dass man gar nicht mehr weiß, welche "Gruppe" der Beteiligten nun noch gut oder schlecht ist und Dinge, über die man tatsächlich lange nachdenkt.

"Jetzt kann ich nicht umhin, die kleine Tätowierung an meinem Knöchel zu sehen. Vier Ziffern und ein Auge - das Gegenteil eines Passes: Sie soll garantieren, dass ich niemals endgültig in eine andere Landschaft entschwinden kann. Ich bin zu wichtig, zu rar dafür. Ich bin Nationalbesitz.“  S.90f.

Dem Gesagten der Erzählerin kann man demnach sehr gut folgen. Alles geschieht in rationierten Schritten. Man wagt sich immer weiter vor und dann auch wieder ein wenig zurück. Die Erzählung beginnt nämlich bereits in ihrer aktuellen Situation, in der sie sich befindet. Als Leser fragt man sich aber natürlich, wie es zu solch einem Staat kommen konnte. In weiteren Kapiteln erfahren wir dann mehr über ihre Vergangenheit und ihre Schicksalsschläge, die sie rekapituliert. Für mich persönlich war es erschreckend zu sehen, wie nah wir immer noch solch eines Szenarios sind, vielleicht näher als noch vor einigen Jahren. Es werden Dinge angedeutet, dass systematisch versucht wird, das Geld nicht mehr auszuzahlen, dass man dadurch quasi nur per Kreditkarte zahlen und auch leben kann. Wenn man sich unsere jetzigen Bank-Geschehnisse ansieht, könnte man vermuten, da tauchen gewisse Parallelen auf. Durch solche Kleinigkeiten fühlt sich das Buch plötzlich gar nicht mehr nach einer weit entfernten, dystopischen Schreckensversion an, sodass man beginnt die Schilderungen sehr extrem wahrzunehmen und sich fragt, ob ein solch drastischer Rückschritt tatsächlich möglich wäre. Haben Frauen tatsächlich Jahrzehnte dafür gekämpft unabhängig zu sein, um dann in so einem System zu landen? Aber nicht nur dieses sehr weit ausführbare Thema, steht hier allein im Vordergrund, sondern auch die wesentlichen Sehnsüchte des Menschen. Können Menschen allen Verboten widerstehen? Und wie lange widerstehen sie, wenn die Bestrafung vor ihren Augen ausgeführt wird?
Meiner Meinung nach spielt Atwood in ihrem Roman so raffiniert mit scheinbar vergessenen Werten, fanatischen Bibelsprüchen (die symbolisieren, dass keine Religion frei von falscher Interpretation ist) und Dingen, die wir als so selbstverständlich wahrnehmen. Ebenso hat mich die ganze Umsetzung dieser vielen Themengebiete sehr überrascht und auch positiv zurückgelassen. Denn obwohl die eigentliche Erzählung der "Magd" endet, fügt Atwood ein weiteres Kapitel ein, das zusätzlich gezielt, weitere Aufschlüsse über vielleicht offen gebliebene Fragen bespricht. Meiner Meinung nach, ein kleiner Geniestreich, mit dem ich nicht gerechnet hätte und der das Buch noch einmal interessanter macht.

"Man musste solche Papierfetzen mitnehmen, wenn man einkaufen ging, obwohl [...] die meisten Leute schon Plastikkarten benutzten. Allerdings nicht für Lebensmittel, das kam später.  [...] Ich muss diese Art Geld auch noch benutzt haben, eine Zeit lang, bevor alles von der Compubank eingezogen wurde. So, nur so, nehme ich an, konnten sie es überhaupt durchführen, ganz plötzlich, ohne dass irgendjemand vorher davon wusste. Hätte es noch bares Geld gegeben, wäre es schwieriger gewesen." S.232f.


Ein raffiniert konstruiertes, totalitäres Regime, welches sich gar nicht so fern anfühlt. Atwood verbindet hier die ganz persönlichen Sehnsüchte der Protagonistin, mit der knallharten Führung des Staates und sorgt dafür, dass man nicht nur einmal mit weiten Augen zurückbleibt. Packend und gleichzeitig wahnsinnig emotional. Beinhaltet gleichzeitig wahnsinnig viel Interpretations- und Gesprächsmöglichkeiten.



Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kommentare:

  1. Eine wunderbare Rezension zu einem wirklich besonderem Buch! Ich hatte es vor etwa zwei Jahren mit ein paar Freundinnen zusammen gelesen und es gab wirklich viel Gesprächs- und Diskussionsbedarf!
    Ich finde es ja richtig toll, dass die Bücher von Margaret Atwood in neue Cover gehüllt wurden, das wurde auch wirklich mal Zeit. :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen lieben Dank!

      Da bin ich ganz deiner Meinung! Ich finde die neuen Cover großartig und sie unterstützen den gelungenen Inhalt umso mehr. :) Mich hat das Buch auch sehr neugierig darauf gemacht, wie es in der Verfilung ungesetzt wurde, werde mich daran vielleicht als nächstes wagen.


      Liebe Grüße
      Karin

      Löschen