Zehn Wahrheiten von Miranda July

Juni 09, 2016














(Original: "No One Belongs Here More Than You"/ 2007) Übersetzer: Clara Drechsler und Harald Hellmann, 224 Seiten,  Taschenbuch,  Einzelband,   ★★★  3 Sterne

"Zugegeben: Die Menschen in Miranda Julys Geschichten sind sonderbar. Sie haben merkwürdige Obsessionen, verlieben sich möglichst hoffnungslos, wohnen gerne in Luftschlössern, sind einsam und stoßen das Glück von sich, wenn es einmal anklopft. Und doch bringen diese flüchtigen und zugleich sehr diesseitigen Geschichten etwas in uns zum Klingen, das wir zuvor vielleicht geahnt, aber noch nie so deutlich vernommen haben. Kein Wunder also, dass diese Sammlung von sechzehn Storys bei ihrem Erscheinen 2007 in den USA und ein Jahr später in Deutschland als literarische Sensation gefeiert wurde und ihre Autorin auf einen Schlag berühmt machte. Sie wurde dafür mit dem Frank-O’Connor-Preis ausgezeichnet."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Gesunder Menschenverstand und die Wahrheit lesen sich im Idealfall so, als hätten sie keinen Autor, als seien sie geschrieben von der Zeit selbst.
S.19

Die Empfindungen, die ich bei dem Buch verspürt habe, kann ich wohl kaum besser, als mit der oft verwendeten Floskel "Ich habe mir einfach mehr erhofft", beschreiben. Grundsätzlich mag ich Kurzgeschichten. Sie sind gut, um dem Leser einen Denkanstoß zu verpassen und ihm eine kleine Geschichte zu bieten, die man vielleicht auch selbst etwas weiterspinnen kann. Bei einigen Geschichten der Erzählungen von Mirandy July war dies auch der Fall. Aber eben leider bei nur ganz wenigen. Insgesamt finden sich hier sechzehn Geschichten zusammen, von denen ich, glaube ich, vier wirklich gut fand. Der Rest war für mich einfach nicht zugänglich. Das ist auch das, was bei Kurzgeschichten vielleicht "problematisch" ist. Manche Geschichten dringen zu bestimmten Lesern mehr durch, als zu anderen, da sie in der Kürze etwas ansprechen, was viele nicht so annehmen können, wie sie es vielleicht gerne hätten. Alle Geschichten beziehen sich auf Protagonisten, die in einer Lebenssituation feststecken, aus der sie gerne Ausbrechen würden. Es geht also quasi um "Neustarts". Generell sicherlich ein sehr gut gewähltes Thema für Kurzgeschichten. Ich bin aber nun einmal ein Leser, der nicht zwingend in wirklich jeder Kurzgeschichte, diese in den Vordergrund geschobene Wichtigkeit, sexueller Themen haben muss. Okay, es ist bei vielen Menschen ein wichtiges Thema. Aber irgendwann wird es einfach immer wieder dasselbe. Und irgendwann habe ich dann bei vielen Geschichten einfach abgeschaltet. Die Geschichten haben dadurch, für mich deren Potenzial etwas verspielt, da alles nur auf diese Anhaltspunkte ausgelegt wurde. Als ich eine Geschichte beendet habe und anfangen wollte eine neue zu beginnen, sprang am Anfang schon immer irgendein sexuelles Wort entgegen, das sich dann auch über einige Seiten hingezogen hat. Für mich ist das einfach unnötig und aufgesetzt. Ich dachte einfach immer an den Satz "Sex sells".

"Der Junge begann sich zu langweilen, eine Form des Erwachsenwerdens.S. 113

Ich möchte aber keineswegs abstreiten, dass einige Geschichten eine wirklich schöne Schreibweise und auch Botschaft aufweisen, auch wenn die Protagonisten und die Sachverhalte oft sehr skurril, und wie im Klappentext angedeutet, sonderbar sind. Den Preis, den diese Sammlung bekommen hat, kann ich also zum Teil verstehen, zum Teil aber auch nicht. Ich bin bei Kurzgeschichten vielleicht etwas eigen, aber ich habe schon angenehmere Kurzgeschichten gelesen. Mir fehlte zweitweise einfach dieser, nicht stärkere Bezug zum Leben, denn dieser ist sehr präsent, sondern eine etwas andere Gewichtigkeit der Themen in diesen Sequenzen. Oft wurden Lebenssituationen skizziert, die tiefsinnig waren und die einen sicherlich berührt haben. Mir gefiel aber oftmals einfach die Ausdrucksweise nicht, beziehungsweise die Art, wie es thematisiert wurde. Vielleicht wirken diese kurzen Einblicke in die Leben der Protagonisten auf andere Leser ganz anders (dessen bin ich mir sogar sehr sicher), für mich allerdings, hat es an vielen Stellen gehakt. Ich bin nicht wirklich mit der Gesamtheit zurecht gekommen und hätte eben gerne, auf viele Sachen verzichten können. Ich bleibe also bei der Aussage, dass mich die Erzählungen nicht ganz überzeugen konnten, diese aber für andere Menschen, in anderen Lebenssituationen, vielleicht genau das richtige sind.

"Das ist das Leben. Genau genommen wird mir klar, dass es nie ein Erdbeben gegeben hat. Das Leben ist einfach so, kaputt, und ich muss verrückt sein, mir etwas anderes zu erhoffen.S. 41
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Sechzehn Kurzgeschichten, die mich mal mehr, mal weniger begeistern konnten. Bei einigen Geschichten verlor sich die eigentliche Botschaft, durch unnötige Fokussierungen auf körperliche Bedürfnisse, auch wenn sie ein maßgeblicher Teil des Ganzen sein sollen. Es finden sich aber durchaus auch angenehme Erzählungen darunter, mit Aussagen, die tiefsinnig und nachdenklich sind.



1 Kommentar:

  1. Schade, dass diese Kurzgeschichtensammlung deine Erwartungen nicht erfüllen konnte. Ich lese hin und wieder wahnsinnig gerne Kurzgeschichten, aber werde von diesem Buch wohl die Finger lassen, denn bei Kurzgeschichten bin ich immer etwas anspruchsvoll und nach deiner Rezension habe ich nicht den Eindruck, dass Miranda July mich begeistern könnte.

    Liebe Grüße
    Chrisi

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