Terror von Ferdinand von Schirach

Dezember 22, 2015




(Original: "-" ), Piper Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite»,  176 Seiten,  Hardcover ,  Einzelband,  ★★★★★  5 Sterne

"Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt die Piloten, Kurs auf ein voll besetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Theaterbesucher, sie müssen über Schuld oder Unschuld urteilen. Ferdinand von Schirachs »Terror« ist ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder für die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terroranschläge noch gilt?
Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem Band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde.“


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Menschen sind keine Gegenstände. Das Leben kann nicht in Zahlen gemessen werden, es ist kein Markt.“ S. 121

Ferdinand von Schirachs neues Werk, welches nicht als Roman, sondern als Theaterstück inszeniert wurde ist hochaktuell und sicherlich auch für den zukünftigen Blick der Gesellschaft sehr wichtig. Wie gewohnt nimmt sich der Autor ein Thema zu Herzen, welches polarisiert und über welches man sich kaum einig werden kann. Schuld und Unschuld stehen stets im Wechsel und eine eindeutige Antwort zu finden ist beinahe unmöglich. So liest man das Stück mit ständigen Abwägungen und der ständigen Frage: „Wie steht man selbst dem möglichen Urteil des Angeklagten gegenüber?“. Gekonnt lässt der Autor den Leser immer wieder jegliche Szenarien durchspielen und bringt einen dazu, dankbar zu sein, nicht in solch einer Situation festzustecken. Dennoch denke ich ist es sehr wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass das Szenario kein unmögliches ist und man sich fragen sollte, wie und ob überhaupt ein Abwägen von Leben gerechtfertigt sein kann. Mir gefiel an Schirachs Stück vor allem die Präzision, mit welcher er sein Anliegen darlegt. Es gibt keine unnötigen Ausflüchte in andere Themengebiete. Das Stück ist nicht sehr lang und beinhaltet dennoch die wichtigsten Komponenten um den Leser komplett in einem Gedankenkarussel gefangen zu nehmen.

"Auch wenn es schwer zu ertragen ist,  müssen wir doch akzeptieren, dass unser Recht offenbar nicht in der Lage ist, jedes moralische Problem widerspruchsfrei zu lösen." S. 144

Das Stück spitzt sich zum Ende hin immer weiter zu, sodass man gespannt ist, wie das "Problem" überhaupt gelöst wird. Ich finde die Alternativmöglichkeit von beiden Urteilen, sprich, "Unschuldig" gegen "Schuldig" in das Buch aufzunehmen ebenfalls sehr gelungen. So wie ich das verstanden habe, ist es ursprünglich darauf ausgelegt, dass das Publikum, welches das Theaterstück sieht, ein Urteil fällen muss. Beim Leser ist dies natürlich nicht eins zu eins umsetzbar. Dennoch eignet sich das Stück mit den beiden Enden ebenso gut als Buch. Ich persönlich hatte natürlich auch eine Tendenz, welchem Uretil ich zugestimmt hätte, wobei mich eine Frage immer wieder am meisten interessiert hat. Diese Frage wird in dem Buch ebenfalls thematisiert undzwar: "Warum wurde der Befehl für die Räumung des Stadions nicht erteilt?". Genau diese Frage war es dann schließlich auch, die dem Leser das Gefühl gibt einen diplomatischen Ausweg zu finden ohne die Frage der Schuld selbst beantworten zu müssen. Natürlich ist dies sehr vereinfacht gedacht. Aber Schirachs Werke sind für mich stets so "knifflig" und können sehr strittig ausgelegt werden, dass man erleichtert ist, dass man selbst keine solch große Verantwortung treffen muss. Die vorkommenden Charaktere sind demnach sehr speziell und genau auf deren "Rolle" zugeschnitten. Sie haben ihre charakteristischen Züge und unterstützen somit die Direktheit und die Zugespitztheit, die das Stück benötigt.

"[…] [U]nd die Warnung Benjamin Franklins gilt heute mehr als zu seiner Zeit: ´Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren." S. 164


Ein sehr gelungenes Stück, welches als Buch ebenso tauglich ist. Das Thema ist keineswegs ein einfaches, bei dem klare Grenzen gezogen werden könnnen. Der Leser wird beinahe durchgehend dazu aufgefordert jegliche Szenarien selbst durchzuspielen und aktiv an der Urteilsfindung teilzunehmen. Ein Buch das ich jedem ans Herz lege. Ein weiterer Pluspunkt: Die kurze Rede, die zur Verleihung des M100- Sanssouci Medien Preises an Charlie Hebdo gehalten wurde. 

 Vielen lieben Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Kommentare:

  1. Hallöchen Karin,
    eine sehr schöne Rezension hast du geschrieben. ich habe mich vorher noch nicht mit diesem Buch beschäftigt, aber ich habe es im Laden schon öfter verkauft und wusste gar nicht so richtig worum es eigentlich geht. Daher war es gut auch mal etwas über das Buch zu erfahren. :) Vielen Dank dafür.

    Liebst, Lotta

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  2. Ich habe von Schirach noch nie etwas gelesen bzw. gesehen, aber das hier klingt wirklich gut und ganz besonders aktuell. Ich glaube aber, mich würde noch mehr interessieren, das tatsächlich zu sehen. Weißt du, wo das als Theater aufgeführt wurde/wird?

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    1. Soweit ich weiß sogar im Düsseldorfer Schauspielhaus, schau mal hier: http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de/index/spielplan/alle-stuecke/stueck.php?SID=1702 : ) Ganz interessant, da sieht man zum Beispiel auch wieviele für schuldig / unschuldig gestimmt haben, je nach Aufführung. Hab beim Lesen auch Lust bekommen, das Stück zu sehen! : )


      Liebe Grüße,
      Karin

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  3. Hallo Karin :)
    Ich hatte das Buch erst letztens in der Hand, aber da ich mitten in der Schlange an der Kasse stand hatte ich nicht die Zeit, es mir genauer anzusehen. Danke für die tolle Rezension! So richtig wollte mir das Buch mit seinem einschlägigen Titel nämlich nicht aus dem Kopf gehen. Ich denke, ich werde es mir doch zulegen.

    Liebste Grüße
    Ellen

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