Ein Sturm wehte vom Paradiese her von Johannes Anyuru

Oktober 03, 2015



(Original: "En storm kom från paradiset") von Johannes Anyuru,  Luchterhand [klick]| 288 Seiten, gebunden, Einzelband,  ★★★(☆)☆ bis 4 Sternen
"Ein junger Mann wird in einem unterirdischen Raum irgendwo in Ostafrika vernommen. Noch vor Kurzem sollte er Kampfpilot in der ugandischen Luftwaffe werden. Er studierte an der entsprechenden Akademie in Athen, er marschierte in einer weißen Uniform, er entfernte sich von einer Kindheit voller Gewalt und war auf dem Weg in eine Zukunft in den Wolken. Doch dann, wenige Monate vor seinem Examen, kommt es in Uganda zum Staatsstreich. Idi Amin ergreift die Macht. Sein Regime wird zu einem der blutigsten des afrikanischen Kontinents werden. Und genau in diesem Moment trifft der junge Mann eine folgenschwere Entscheidung: Er wird nicht zurückkehren ins mörderische Uganda, obwohl es ihm befohlen wird. Seine Sehnsucht zu fliegen führt ihn später dennoch nach Afrika zurück und damit geradewegs auf eine Wanderung durch die Hölle. Er wird zu einem Vertriebenen, einem Flüchtling, dessen Leben auch in Schweden, wohin es ihn zum Schluß verschlägt, durch Einsamkeit und Heimatlosigkeit gezeichnet ist.

Johannes Anyuru hat einen fesselnden, berührenden Roman über seinen Vater geschrieben - und darüber, wie ein Mensch von den Stürmen der Geschichte erfasst und gezwungen werden kann, alles zu riskieren, um dem Tod zu entfliehen. Es ist ein Buch über persönlichen Mut, das zeigt, wie eine einzige Entscheidung ein ganzes Leben verändern kann. Es erzählt von der Tragik eines Menschenlebens, das exemplarisch für das Leben so vieler Getriebener und Vertriebener im 20. Jahrhundert steht."
 

MEINE MEINUNG | FAZIT

"Ein Sturm wehte vom Paradiese her. Dieser Sturm war das Leben." S. 283

Diese Geschichte skizziert das Leben. Das Leben vom Vater des Autors. Es ist aufbrausend wie ein Sturm, wenn auch eher in Hinblick auf die erlebten Stationen des Lebens. Der Schreibstil hat hingegen etwas Beruhigendes, als Ausgleich zu den chaotischen, hektischen und fortwährenden Erlebnissen. Dadurch fällt es mir auch persönlich schwer, eine wirkliche Bewertung für dieses Buch zu finden. Während des lesens hatte ich zwar nie das Gefühl gelangweilt zu sein, denn die Dinge die man liest, lesen sich wie ein Verschwörungsroman, der aber sehr real ist. Jedoch kann ich auch nicht sagen, dass ich es unfassbar packend fand. Das könnte daran liegen, dass ich keine wirkliche Bindung zu den Charakteren aufbauen konnte. Der Protagonist wird nämlich schlichtweg P genannt. Dies hat zwar eine bestimmte Bedeutung, die auch später kurz erwähnt wird, jedoch fiel es mich auf diese Person als Leitfigur einzulassen. Zwischendurch gab es einige Kapitel, die der Autor aus seiner Perspektive verfasst, sprich, er redet über die Erfahrung der Sohn des Protagonisten zu sein und was es für ihn selbst bedeutet Teil dieser Geschichte zu sein.

"Er mag dieses Vergessen. es ist wie das Rauschen der Wellen, wie eine große Gnade.[...] Er will sich dessen nicht entsinnen, er will hierbleiben außerhalb der Geschichte. Er will einfach nur in diesem Zug sitzen und ohne Vergangenheit sein. " S. 216

Ich fande es aber paradoxerweise wirklich großartig, wie Anyuru die Gefühlswelt seines Vaters beschreibt und damit die Geschehnisse verständlich darstellt. Von dem Traum einfach nur als Pilot fliegen zu können und zu dürfen bis hin zur bitteren Erkenntnis, dass sein Leben wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt nie wieder so sein wird, wie es war. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Geschichte wirklich jemandem so zugestoßen ist. Man empfindet Respekt für diese Person, weiß aber gleichzeitig auch nicht wirklich, wie man zu der ganzen Geschichte stehen soll. Zumindest erging es mir so, denn auch wenn die politischen Vorkommnisse zeitlich eingegrenzt werden, muss ich gestehen, dass ich mit der ganzen Geschichte des Staatsstreichs in Uganda nicht konfrontiert gewesen bin. Dadurch wusste ich oft nicht, welche politische Organisation ich wem zuordnen sollte. Nichtsdestrotrotz ist und bleibt es eine ergeifende Geschichte, die einem aufzeigt, wie viel politisches Chaos und wie viel Ungerechtigkeit herrscht und es so scheint, als würde sich kaum jemand dafür interessieren.Viele Passagen beschreiben gezielte Vernehmungstechniken oder den Aufenthalt in den sogenannten Flüchtlingslagern. Das Buch ist auf keinen Fall langweilig. Man sollte sich aber im Klaren sein, dass diese Erlebnisse tatsächlich jemandem zugestoßen sind und man von dem Buch keine unrealistischen "Action-Passagen" erwarten sollte.

"Er fürchtet die Menschen und hat das Gefühl, vor ihnen geflüchtet zu sein, er hat den Eindruck. dass manche Fußgänger zu lange hinter ihm stehen bleiben, wenn er abends nach Hause geht, dass Autos zu lange mit laufendem Motor vor ihrer Wohnung stehen." S. 263

Was mich letztendlich am meisten berührt hat war, die unerschöpfte Flucht aus der "Gefahrenzone" des Protagonisten und die Tatsache, dass Menschen sich von solchen Schicksalen manchmal einfach nicht erholen können und dies auch an den Nachfahren noch spürbar ist. Am Anfang hatte ich sogar einmal das kurze Gefühl, als würde der Autor seinem Vater gar keine Nähe zulassen. Als müsste er ihn auf Abstand halten, was mich persönlich verunsichert hat, da mir die Geschichte zunächst als Lob an ihn geschienen hat. Ganz zum Schluss bekommt man dieses Gefühl auch, aber zwischendurch wie gesagt, war da immer eine gewisse Distanz, die mich vielleicht etwas daran gehindert hat, ganz in die Geschichte und in die komplexe Beziehung zwischen dem Autor und seinem Vater, der als Hauptfigur des Romans dient, eintauchen zu wollen.


Ergreifend, mit einem "leisen", beruhigenden Schreibstil aber einer lauten Aussage. Politisch angehaucht, zielt aber auf die inneren Gefühlswelten des Erlebten ab. Viele Passagen zeigen die schonungslosen Gräueltaten auf, die wiederfahren. Das Buch ist definitiv lesenswert auch wenn mir etwas undeutbares gefehlt hat. 



Vielen lieben Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kommentare:

  1. Hi ;)
    Das Buch klingt wirklich nach etwas besonderem, deine Rezi hat auf jeden Fall diesen ruhigeren Flair des Buches rübergebracht! Ich werde mal reinschauen! :D

    Liebe Grüße
    Jessi

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  2. Ich muss dir mal sagen, dass ich deine Bilder bei den Rezensionen immer total speziell, toll und typisch für dich und deinen Blog finde! Wahnsinn, was für eine Arbeit du dir immer machst. Besonders das ganz erste Bild gefällt mir super ;)

    Alles Liebe,
    Sandra

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    1. Vielen lieben Dank! :)

      Liebe Grüße,
      Karin

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