Currently Reading #7

September 25, 2019




“When we read too fast or too slowly, we understand nothing.”   - Blaise Pascal

Derzeit liegt "A Winter´s Promise" von Christelle Dabos auf meinem Nachttisch und obwohl die Zeit momentan ein Übeltäter ist, habe ich mir bereits Kirsty Logans neuen Erzählband "Thinks We Say In the Dark" bereitgelegt.
Da aber in gut zwei Wochen der Abgabetermin meiner Abschlussarbeit ist, bin ich momentan nicht einmal ansatzweise in der Lage, die Bücher zu öffnen, geschweige denn sie zu lesen.
Wie Blaise Pascal schon sagte, versucht man zu schnell zu sein, um das Gefühl zu haben, voran zu kommen, entgeht mir zu viel, die Konzentration schwindet. Nehme ich mir hingegen zu viel Zeit, verträgt sich das erst recht nicht mit der Lektüre, die ich parallel zur Arbeit lese.
Es kostet zu viel Kraft sich immer wieder auf das andere Buch einzustellen, sich aus den Verbindungen und Zusammenhängen zu lösen und sozusagen zwischen den Welten hin und herzuspringen. So bleiben meine "Currently Readings" mit Sicherheit noch bis Mitte Oktober das was sie sind, Bücher, die ich gerade lese und irgendwie doch nicht lese.

Christelle Dabos´ erster Teil ihrer vierteiligen Serie gefiel mir bisher (nach den vorerst erreichten 157 Seiten) aber recht gut. Am Anfang wird man glücklicherweise erst einmal in die Welt eingeführt und nicht direkt mit zu viel aufeinanderfolgenden Handlungssträngen erschlagen. Man tastet sich langsam voran, lernt Ophelia kennen und entdeckt kleine Besonderheiten, die sich im weiteren Verlauf, hoffentlich noch entfalten werden...

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Das langweiligste (Hör-)Buch der Welt?

September 18, 2019





Werbung ~ Rezensionsexemplare

"Alles, was Sie für einen erholsamen Schlaf niemals wissen müssen". So lautet der Untertitel des Buches von Prof. K. McCoy und Dr. Hardwick. Das Hörbuch hingegen trägt sogar den abgewandelten Titel "Na dann gute Nacht".
Ich muss natürlich gestehen, dass mich nicht unbedingt der Name neugierig gemacht hat, sondern das, an das Thema, wunderbar angelehnte Cover. Denn wer kennt nicht den Trick des Schäfchen Zählens, um besser einschlafen zu können. Im Inneren finden sich zusätzliche, kleine Illustrationen, die an das Schlafthema anlehnen oder die besonders einschläfernd wirken sollen. Aber sind die beiden Ausgabearten wirklich so langweilig, wie sie von sich selbst behaupten? Bleibt einem nichts anderes übrig als einzuschlafen?
Es folgt eine kleine Gegenüberstellung.

Das Buch
Nach einem kurzen Vorwort der Autoren soll quasi der Countdown bis zum Zeitpunkt des Einschlafens starten. So ist das zweite Kapitel eine Auflistung von Dingen, die bereits schläfrig machen, wenn man nur daran denkt. Einige dieser Dinge, wie das "Zusehen, wie Farbe trocknet" können durchaus ermüden, andere hingegen haben mich unfassbar schmunzeln lassen, wie zum Beispiel das "Schneckenwettrennen". Dadurch, dass natürlich jeder Leser / jede Leserin andere Assoziationen mit den Begriffen verbindet, kann es also doch durchaus sein, dass sie eher in die spannende, witzige, unterhaltsame Richtung gehen und man vorerst eher etwas wacher ist.
Es folgen aber gerne mal Kapitel mit dem Titel "Die Verwaltungsbürokratie des byzantinischen Reichs" oder einer Doppelseite, in der man einen "Ausreißer" finden soll, sprich eines der vielen kleinen Bilder, die sich von dem Rest abheben. Ehrlich gesagt habe ich bis heute keines der Ausreißer finden können. Da stellt man sich die Frage, ob es ihn überhaupt gibt. Da hilft wohl nur weitersuchen. das führt aber eindeutig dazu, dass man sehr schnell, sehr schläfrig wird. Ein Punkt also für das Buch.
Auch wenn einige Kapitel (wie die oben genannte Verwaltungsbürokratie) sehr langweilig scheinen, bin ich jemand, der sich dennoch für so etwas begeistern kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich in jedem solcher Kapitel viele mögliche Quizfragen entdecke, sie mich an das bereits bekannte Buch "Unnützes Wissen" erinnern oder aber ich bin jemand, den langweilige Sachen einfach nicht zu stören scheinen.
Daher fand ich das Buch an sich auch nicht einschläfernd, sondern im Gegenteil recht unterhaltsam. Man merkt auch an vielen Stellen, dass das Buch genau das auch beabsichtigt, um nicht gänzlich als "verschwendet" angesehen zu werden. Oftmals schmunzelt man also, wenn besonders absurde Dinge erklärt werden oder sie nicht wirklich auf den Punkt zu kommen scheinen (wobei es für mich einfach nach hochgestochenen Wissenschaftstexten klang, die ja ebenfalls manchmal um sich selbst kreisen ohne etwas auszusagen).
Bei dem Buch ist es zudem natürlich sehr einfach, schnell mal etwas zu mogeln. Da überspringt man hier mal einen Absatz, da mal eine Seite und liest dann nur das, was einen tatsächlich interessiert, mit der eigenen "aufgeregten" Stimme im Kopf, die einen auch hier nicht sofort schlafen lässt. Ich muss aber durchaus zugeben, dass ich nach einigen Kapiteln, die ich pflichtbewusst hintereinander ohne Hektik gelesen habe, mehrfach gähnen musste.

"Untypische Erbsenschoten können zwischen zwei und zwanzig Erbsen enthalten" (aus dem Kapitel: Wie viele Erbsen enthält eine Schote?)

5 Lieblingskapitel aus dem Buch: 37 Namen für Schnee, Einige Sportstatistiken, Die belanglosesten Einträge in interessanten Tagebüchern, Eine kurze Geschichte der Sehprobentafel,  (absoluter Favorit, der gerne hätte länger sein können): Ein Katalog über widriger Wetterbedingungen in dem Roman Sturmhöhe von Emily Bronte

Das Hörbuch
Etwas anders sah es da mit dem Hörbuch aus. Hier fällt natürlich das Tricksen mit dem Vorblättern eher weg und auch die eigene Stimmlage, die sich durchaus spannender Stellen kann, als der Inhalt eigentlich ist, wird eliminiert.
Stattdessen liest uns der Schauspieler Bjarne Mädel in einer Gesamtlaufzeit von sage und schreibe 2 Stunden und 45 Minuten ausgewählte Kapitel vor. Und das in einer sehr schönen, monotonen, schläfrigen Tonlage.
Den zwei CDs liegt ein kleines Booklet bei, in dem man die Kapitel nachschauen kann und welches auch einige der Suchbilder aus dem Buch beinhaltet.

Ich bin ja persönlich kein großer Fan von Hörbüchern, weil ich sowieso immer abschweife und mich dann nicht mehr sonderlich auf den Inhalt konzentriere, aber dieses Hörbuch ist wirklich perfekt, wenn man einschlafen möchte. Die ersten paar Kapitel habe ich probehalber mit meinem Freund gehört, da er meist derjenige ist, der schon längst schläft, während ich hochinteressiert (und spät in die Nacht) die Fälle von Medical Detectives weitergucke.
Überraschenderweise kamen wir aber beide sehr schnell an den Punkt, an dem wir hätten direkt einschlafen können. Das liegt bei dem Hörbuch aber wirklich an der Kombination aus den sich oftmals langgezogenen, repetitiven und verschachtelten Sätzen einiger Kapitel und der sehr gelungenen Leseart von Bjarne Mädel. Ich musste an einigen Stellen aber ebenfalls schmunzeln, da man weiß, dass der Schauspieler auch herrlich ironisch sein kann und seine Erzählweise zu vielen selbstironischen Textpassagen passt. 

"'Rydw i´n diflannu' ist Walisisch für 'Ich schlummere ein'". (Aus dem Kapitel: "Schlaf: Ein kurzer Leitfaden für Reisende)

Was ist langweiliger? Ein kurzes Fazit
Beide Ausgabearten unterscheiden sich dahingehend, dass man beim Lesen des Buches, durch eigene Betonung und Versuche des Überspringens von Absätzen dazu tendiert, sich die interessantesten Dinge der langweiligen Inhalte herauszupicken. Wobei viele Fakten durchaus interessant und unterhaltsam sind, denn einiges kann man sich sicherlich als Quizwissen abspeichern.
Wer aber wirklich etwas zum Einschlafen sucht, derjenige/ diejenige wird im Buch selbst am schnellsten bei den Suchbildern fündig, ansonsten kommt er/ sie aber doch beim Hörbuch voll auf seine/ ihre Kosten. Hier beherrscht der Sprecher Bjarne Mädel das monotone Vorlesen so gut, dass man nicht lange braucht, um sich in den Schlaf zu hören. Ein kleines Lächeln zaubern dem Zuhörer/ Zuhörerin, dank kleiner ironischer Einschübe und des unterhaltsamen Untertons, aber beide Ausgabearten ins Gesicht.


Zu welcher Edition würdet ihr greifen? Buch oder Hörbuch? Interessieren euch die scheinbar langweiligen Fakten oder würdet ihr euch tatsächlich eher darüber freuen, wenn das Buch beim Einschlafen hilft?




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Idaho von Emily Ruskovich

September 15, 2019

Emily-Ruskovich-Idaho-Roman


Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Idaho"/ 2017) Diana Verlag, Übersetzer/in: Stefanie Jacobs (aus dem Amerikanischen), ★★★★(★) 4,5 Sterne
"Ein flirrend heißer Sommertag in Idaho, USA: eine Familie im Wald, die beiden Mädchen spielen, die Eltern holen Brennholz für den Winter. Die Luft steht, die Mutter hat ein Beil in der Hand – und innerhalb eines Augenblicks ist die Idylle zerstört. Eine Tochter ist tot, die zweite flieht in den Wald und verschwindet spurlos. Ist es Gnade, dass der Vater Jahre später langsam sein Gedächtnis verliert? Während Wade immer mehr vergisst, erkundet seine zweite Frau Ann tiefer und tiefer die Tragödie jenes heißen Augusttages und nimmt schließlich Kontakt zu seiner Exfrau im Gefängnis auf. "
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"Sie fragt ihn, warum er die Handschuhe im Schrank liegen ließ, anstatt sie zu tragen. Um den Geruch zu bewahren, sagte Wade.
            Was ist das für ein Geruch?
Der eines brennenden Mäusenests.
Der letzte Geruch im Haar seiner Tochter." 
S. 10

Emily Ruskovichs "Idaho" ist kein Roman, den man mal eben in kurzer Zeit weglesen kann, nicht wirklich etwas für Zwischendurch. Die Sprache fühlt sich oftmals wuchtig und schwer an, nimmt automatisch das Tempo raus, ringt einen zu Boden, genauso wie die bedrückenden Inhalte.
Wir werden durch sehr viele Rückblicke verschiedener Personen und Jahresangaben geleitet. Manchmal muss man zurückblättern und sehen, wie sich alles verbinden lässt, wann welches Ereignis auf das nächste folgte, denn Zeitsprünge sind hier keine Seltenheit. Alles ist zwar miteinander verwoben, aber an einigen Stellen kann man dies nicht auf den ersten Blick erkennen. Bei einigen Kapiteln scheint man sich sogar zu fragen, was sie mit der eigentlichen Erzählung gemeinsam haben, letztlich offenbaren sie aber eine ganz neue, mögliche Wahrheit, die nur zwischen den Zeilen existiert.

"Aber als sie sich weiter in die Geschichte hineinlas, fiel ihr auf, dass das nicht stimmte; das Wort 'Idaho' gab es in keiner Sprache. Es bedeutete nicht 'Juwel der berge', wie so viele Quellen behaupteten." S. 374
Obwohl man bereits zu Beginn den scheinbaren Ausgang, die Tragödie der Familie Mitchell erzählt bekommt, erfährt man auf den folgenden vierhundert Seiten immer mehr von den Schattenseiten, den Nuancen der Charaktere, ihrer Stärken und Schwächen. Was mich dabei besonders irritiert und im weiteren Verlauf begeistert hat, war die Art und Weise wie man an die Figuren herangeführt wird. Alle Personen, die an dem heißen Sommertag anwesend waren und den Tod einer Tochter der Familie mitbekommen haben, kommen nie selbst zu Wort. Wir lernen sie nur durch Menschen kennen, die ihnen irgendwie Nahe stehen zum Beispiel durch Wade Mitchells neue Frau oder die Zellengenossin von Jenny Mitchell. Lediglich einige Rückblicke der verstorbenen Tochter, May, werden erzählt. Die Mutter schweigt und der Vater, der Licht ins Dunkel bringen könnte, beginnt zu Vergessen.
Die Charaktere sind unterschiedlich, verfolgen aber bestimmte Ziele, offenbaren Sehnsüchte und Wünsche, aber nichts, wirklich gar nichts ist in diesem Roman geprägt von einem leichten und einfachen Leben. Immer schwingt eine kleine Wolke über einem und man erwartet zu jeder Zeit, dass es zu Regnen beginnt. Trauer ist in dieser Geschichte ein ständiger Begleiter - auch, wenn die Hoffnung an kleine Glücksmomente, wie ein schmaler Sonnenschein, durchzukommen versucht.
Für mich war es tatsächlich so, dass ich selbst über einige Strecken hinweg, während des Lesens, im Dunkeln getappt bin. Ich wusste mit vielen Dingen nichts anzufangen, einige Einschübe schienen mir irrelevant und doch beginnt der Roman sich nach dem Lesen weiterzuentfalten. Plötzlich scheinen aber gewisse Kapitel einem mehr Informationen zu geben, als zum vorherigen Zeitpunkt und man setzt sich alles, wie bei einem Puzzlestück zusammen. Was den einen aber vielleicht deprimieren, nicht zufriedenstellen könnte, ist die Tatsache, dass man nie eine wirkliche Auflösung zu bekommen scheint. Es gibt vieles, das nie gänzlich beantwortet wird und so bleibt der Leser irgendwie gefangen, in einem Zustand, der einem sagt, man könnte mit seiner Annahme genau richtig oder daneben legen. Vertraut man auf das, was der Text explizit verrät oder liest man lieber zwischen den Zeilen und sucht nach einer anderen Wahrheit?



Investiert man die nötige Zeit und Geduld in den Roman, entfaltet er sich zu einem kleinen Meisterwerk. Es gibt sehr vieles, das zwischen den Zeilen verborgen liegt oder liegen könnte und zieht den Leser / die Leserin in einen Strudel der Vergangenheit, der auch Böses offenbart. Eine Geschichte die zwischen Vergeltung und Vergebung schwankt und sich durch viele Perspektiven- und Zeitwechsel auszeichnet. Zwar verspürt man zwischendurch ein Gefühl der Anstrengung, was aber letztlich mehr als passend zum Inhalt des Romans erscheint, denn dadurch spürt man die Last, die auf allen Figuren zu liegen scheint.


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Der Store von Rob Hart

September 09, 2019



Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Warehouse"/ 2019) Heyne Verlag, Übersetzer/in: Bernhard Kleinschmidt (aus demAmerikanischen), ★★★★(☆) 4,5 Sterne
"Der Store liefert alles. Überallhin. Der Store ist Familie. Der Store schafft Arbeit und weiß, was wir zum Leben brauchen. Aber alles hat seinen Preis.
Paxton und Zinnia lernen sich bei Cloud kennen, dem weltgrößten Onlinestore. Paxton hat dort eine Anstellung als Security-Mann gefunden, nachdem sein Unternehmen ausgerechnet von Cloud zerstört wurde. Zinnia arbeitet in den Lagerhallen und sammelt Waren für den Versand ein. Das Leben im Cloud-System ist perfekt geregelt, aber unter der Oberfläche brodelt es. Die beiden kommen sich näher, obwohl sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Bis eine schreckliche Entdeckung alles ändert."
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"Ja, Ihre Arbeit wird manchmal schwer sein oder Ihnen monoton vorkommen, dass verschweige ich nicht, aber Sie sollten nie vergessen, wie wichtig Sie für das große Ganze sind. Ohne Sie ist Cloud absolut nichts."  S. 47f.

Unfassbar, in welchen Sog mich das Buch gezogen hat. Mich faszinierte bereits zu Beginn grundsätzlich die Idee, auch wenn sie uns zum Beispiel durch Romane wie "The Circle" bekannt zu sein scheint. Nach den ersten Kapiteln gibt es vielleicht durchaus Parallelen, besonders was den Fortschritt der Technik angeht, aber der Roman schlägt doch einen etwas anderen Weg ein.
Schnell wird deutlich, dass ein sogenannter "Luxus" nur sehr wenigen zusteht. Die Städte sind heruntergekommen, Autos, Häuser, Wohnungen sind kaum bezahlbar. Einziger Lichtblick: Das Unternehmen namens "Cloud", denn er ist der weltweit größte Arbeitgeber. Gleichzeitig ist auch dort vieles aufgrund von Sparmaßnahmen (natürlich um den Profit des Unternehmens zu steigern) runtergekommen und alle Wohnungen der Mitarbeiter sind mehr als spärlich eingerichtet, Duschen und WCs gibt es nur im Flur als Sammelanlage. Dadurch entspinnt sich natürlich ein wunderbares Paradoxon, was in dem ganzen Roman hinüber aufrecht erhalten bleibt. Positive gegen negative Argumente für das Unternehmen. Mitarbeiteraussagen gegen die Aussagen des obersten Chefs. Und was ich besonders wichtig finde: Hier wird nicht nur die Schuld auf "den Store" abgewälzt, sondern es wird sich auch kritisch mit dem Konsumverhalten jedes Einzelnen auseinandergesetzt. Schließlich können solche Firmen nur wachsen, wenn sie von Kunden unterstützt und weiter gefördert werden.
Man muss zudem nicht lange darauf warten, dass sich die Verbindungen zum weltweit größten Onlinehändler unserer Zeit herstellen lassen. Rob Hart geht hier in einer gar nicht so unrealistischen Zukunftsvision noch einen Schritt weiter und skizziert einen Verlauf, der nicht nur Positives bereithält und ein besonderes Ausmaß der Abhängigkeit aufzeigt.

"Das Schlimmste ist, wir hätten es kommen sehen sollen. Jahrelang haben wir Geschichten darüber gelesen, Bücher wie Schöne neue Welt und 1984 und Fight Club. Die Geschichten darin haben wir verschlungen, aber die Botschaft ignoriert. Und jetzt kann man zwar alles auf der Welt bestellen, was schon am nächsten Tag geliefert wird, aber wenn man versucht, ein Exemplar von Fahrenheit 451 oder Der Report der Magd zu bestellen, dauert es Wochen, falls das Buch überhaupt ankommt. Das liegt daran, dass wir diese Geschichten nicht mehr lesen sollen. Man will nicht, dass wir auf bestimmte Ideen kommen. Ideen sind gefährlich." S. 415

Was ich an dem Roman zudem sehr mochte, war, der doch sehr detaillierte Prozess der Arbeitsabläufe der Protagonisten. Besonders bei den eintönigen Aufgaben konnte man sich gut vorstellen, wie schwierig, anstrengend, ermüdend und wenig erfüllend ein solches Leben sein muss. Ganz zu schweigen davon, dass man sich gleichzeitig die Verzweiflung der vielen Mitarbeiter vorstellt, die auf diese Arbeit dennoch angewiesen sind. Durch die strategische Erschöpfung der Menschen heißt das natürlich: wenig Widerstand. Auch die psychologischen Tricks mit denen das Unternehmen versucht alle in Schach zu halten, waren erschreckend. Größtmögliche Isolation von anderen, um Gruppenbildungen verhindern zu können oder wenig Freizeit sind da nur zwei Beispiele.
Insgesamt ist es wirklich (wieder ein Mal) ein deutliches Warnzeichen an uns alle. Hinterfragt euer Konsumverhalten, hinterfragt wen ihr mit euren Käufen unterstützt.
Erschreckend zu lesen waren auch einige sehr düstere Szenarien, die in Amerika wohl noch schneller stattfinden könnten, hier am Beispiel der Jagd auf Schnäppchen am "Black Friday" nahegelegt.

Grundsätzlich kam ich auch gut mit den Protagonisten und den Charakteren zurecht. Bei vielen weiß man schon worauf gewisse Anspielungen hinauslaufen werden, aber dennoch fand ich alles recht gut umgesetzt. Zinnia und Paxton bleiben zwar als Figuren immer etwas auf Distanz, weil nicht alles offen gelegt wird und wir nicht deren ganze Vergangenheit kennen lernen, aber auch hier fand ich gerade das interessant. Mir gefielen auch die vielen verschiedenen Kritikpunkte an der Gesellschaft insgesamt, die nicht nur Zukunftsdenken, sondern auch aktuelle Lage sind. Zum Beispiel wie die Machtstrukturen in Unternehmen aussehen und die "Förderung" von Diversität und Minderheiten eher wie Scheinprojekte für die reichen Weißen wirken.
Bei mir kam zudem ganz zum Schluss auch das Gefühl auf, dass das Ende so ausgelegt ist, als könnte man eventuell mit einer Fortsetzung rechnen. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so lässt das Ende sehr viel Raum für Spekulationen und weitere Überlegungen, was ich ebenfalls recht geglückt fand.
Zwar gibt es hier und da einige Enthüllungen, aber diese verbinden sich jetzt nicht zu einem riesigen Schocker. Der Fokus lag für mich wirklich auf der Thematik selbst, nämlich, dass die endlose Gier und der Profit, der immer weiter erzielt werden soll, ein Ende finden muss, um den Menschen ein würdevolles Leben ermöglichen zu können. Das beginnt aber damit, dass wir selbst diesen Konzernen nicht noch mehr Macht zukommen lassen und uns im schlimmsten Fall gänzlich von ihnen abhängig machen.



Fortsetzung folgt? Für mich ein Roman, der Spannung bis zum Schluss aufkommen lässt und man das Gefühl hat, dass die Geschichte eventuell noch weitererzählt werden könnte. Falls nicht, so bleibt man mit einigen Fragen zurück, die für viele Gedankenspiele sorgen. Es gibt Entwicklungen in der Handlung, die man vorausahnt, aber diese waren für mich eher zweitrangig. Ich mochte die Thematik selbst und den Appell an den Leser, es nicht zu so einer Zukunftsvision kommen zu lassen (soweit man es teilweise noch in der eigenen Hand hat). Die Protagonisten bleiben etwas distanziert, aber auch dies passte zur gesamten Stimmung des Buches, denn in vielen Teilen bestimmen gerade Monotonie und eine wenig individuelle Persönlichkeit das Unternehmen "Cloud". So war es ein ständiges Spiel zwischen Widerstand und Vereinnahmung der Figuren durch deren Arbeitgeber, immer mit der Frage im Hinterkopf: Wo würde man selbst stehen?



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Neu auf "Lesestunden": Meine schönsten Bücher

September 06, 2019




“A book, too, can be a star, a living fire to lighten the darkness, leading out into the expanding universe.”  - Madeleine L'Engle


Wie Madeleine L´Engle im obigen Zitat schon sagte, können Bücher mit ihrem Inhalt zu einem Licht werden, das die Dunkelheit entfacht und uns Dank der Botschaft für immer im Gedächtnis bleiben.
Es gibt zudem aber auch Bücher, die uns auch aufgrund ihrer äußeren oder allgemein liebevollen Gestaltung ein Funkeln in die Augen zaubern. 

Tobi von Lesestunden hat genau diese Eigenschaft von Büchern zum Anlass genommen und eine neue Beitragsreihe gestartet. Sie heißt: "Meine schönsten Bücher" und bittet Buchblogger und Buchmenschen darum, ihre schönsten Exemplare zu zeigen. Mir war es eine große Ehre ebenfalls einen Beitrag für die Reihe verfassen zu dürfen. Danke an dieser Stelle noch einmal für die Anfrage, lieber Tobi!
Wer von schönen, deutschsprachigen Ausgaben ebenfalls nicht genug bekommen kann und seine Sammlung mal wieder erweitern möchte, der sollte unbedingt mal bei Lesestunden vorbeischauen! Man findet dort auch abseits der neuen Reihe sehr viele schöne (und qualitativ hochwertige) Bücher zu entdecken, die inhaltlich und äußerlich überzeugen.

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August: Zwischen Feierlaunen und Nachtschichten

September 05, 2019



Auch diesen Monat dominiert die Abschlussarbeit alle Nächte. Da ich immer das Gefühl habe, dass ich die Tage sonst verschwende, haben sich meine Motivation und meine Schreibintensität nämlich in die Abend- und Nachtstunden verabschiedet. 
Das hieß aber gleichzeitig, dass ich den Geburtstag einigermaßen gut genießen konnte und mich nicht (ständig) das schlechte Gewissen plagte. Ende des Monats ging es dann noch auf eine Hochzeit, die ebenfalls gebührend gefeiert werden wollte. 
Überraschenderweise sammelten sich dennoch einige Bücher bei mir an, die ich im August beendet habe. Auch so ein Phänomen: Je weniger Zeit man eigentlich hat, desto mehr scheint man in anderen Bereichen zu schaffen. Ich hoffe, dass es sich nicht am Ende irgendwie rächen wird. 

Mit den Geschichten war ich grundsätzlich ganz zufrieden, auch wenn mir bei den meisten, genauso viele Dinge daran gefallen haben, wie sie mir missfallen sind. Dennoch gab es überwiegend eine Bewertung, die knapp über dem Durchschnitt lag.

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.

  • "The Guest Cat" von Hiraide hat mich nicht vollkommen überzeugt, auch wenn mich viele Passagen und angedeutete Geschehnisse zum Nachdenken gebracht haben. Im Nachhinein habe ich die Erzählung besser in Erinnerung, als ich sie bewertet habe, kann aber auch daran liegen, dass ich unterbewusst einfach die "langweiligen" Stellen schon mal eliminiert habe.
  • "Instructions for a Heatwave" von Maggie O´Farrell: Zu Beginn des Monats gelesen. Hier ist aber noch ein separater Beitrag geplant, daher habe ich mir eine einzelne Rezension zunächst vorbehalten. Dazu also bald mehr.
  • Eines meiner Lieblingsbücher diesen Monat war "Tagebuch eines Buchhändlers" von Shaun Bythell. Hier liegt es tatsächlich stark an dem eigenen Geschmack, ob man seinen Humor, Sarkasmus und seine Ironie mag, mir hat es aber in Kombination mit den Begegnungen der Kunden gut gefallen. Vielleicht mochte ich es aber auch deshalb, weil ich die Vorstellung, eine Buchhandlung / ein Antiquariat zu besitzen und ständig (beim Ankauf der Bücher) neue Schätze entdecken zu können, wahnsinnig spannend und schön finde. Zwischen lustigen Situationen und unverschämten Konversationen ist alles dabei. 
  • Mein zweites Retelling von Gregory Maguire, namens "After Alice" habe ich durch die vielen Verbindungen zum Original gerne gelesen, aber es gab mir hier und da doch einige Kapitel die eher uninteressant wirkten und die nicht ganz ausgereift schienen. Im Sinne, dass zu viel reingebracht werden wollte und einige Aspekte auf der Strecke zu bleiben schienen.
  • "Give Me Your Heart" von Joyce Carol Oates hat mich diesen Monat vollkommen in den Bann gezogen und mir erst recht gezeigt, dass ich nun weitere Texte von ihr lesen möchte. Mal sehen, wozu ich als nächstes greifen werde...
  • Die Geschichte des Protagonisten aus Anne Griffins "Ein Leben und eine Nacht" fand ich ebenfalls geglückt und habe sie grundsätzlich gerne gelesen. Mich konnte nur leider die Umsetzung einiger Gedanken und vor allem die Umsetzung des Endes nicht überzeugen. Hier sind mir ernste Themen zu weich gespült worden und die Intensität dessen was geschieht scheint nicht problematisch genug gesehen zu werden.
  • "Lichter auf dem Meer" von Miquel Reina: Bei diesem Roman fand ich die Idee und die Botschaft wunderbar, doch leider sagte mir der Stil der Dialoge weniger zu. Es klang oftmals sehr klischeebehaften und schon oft gehört. Da hätte ich mir gewünscht, dass sich diese einzigartige Geschichte auch sprachlich etwas abhebt. Wer darauf aber nicht so viel wert legt und damit gut zurecht kommt, dem kann ich die Geschichte empfehlen. Es geht um die Trauer, die uns manchmal zu erdrücken scheint und wie man sie überwinden kann.
  • Mein letztes Buch für diesen Monat war "Nordwasser" von Ian McGuire. Blutig, brutal und sicherlich nicht beschönigend. Enthält durchaus viele gute Aspekte und auch die Spannung bleibt bis zum Schluss vorhanden, da man wissen möchte, welche Geheimnisse es noch zu lüften gilt, für mich war es manchmal doch etwas zu blutig und die zu Beginn verwendeten rassistischen Begriffe hätten wirklich überhaupt nicht sein müssen. Mir gefiel aber der Fokus auf die Abscheulichkeiten, die der Mensch im Stande ist zu begehen und die Kritik an dem Egoismus. Da wird einem nicht nur aufgrund der nordischen Umgebung eiskalt.


Habt ihr eines der Bücher gelesen? Gab es in eurem Lesemonat ein Highlight?



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Nordwasser von Ian McGuire

September 03, 2019

Nordwasser-Ian-McGuire

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The North Water"/ 2016) Goldmann Verlag, Übersetzer/in: Joachim Körber (aus dem Englischen), ★★★(★)☆ 3,5 Sterne
"Henry Drax kennt kein Gewissen. Er ist Maschinist auf der Volunteer, einem Walfangschiff, das im Jahr 1856 von England Kurs auf die arktischen Gewässer der Baffinbucht nimmt. Ebenfalls an Bord ist Patrick Sumner, ein Arzt von zweifelhaftem Ruf, der glaubt, schon alles gesehen zu haben. Er ahnt nicht, dass seine größte Prüfung noch bevorsteht, nachdem er Drax einer ungeheuerlichen Tat überführt hat. Während sich der Konflikt zwischen den beiden Männern zuspitzt, wird auch der eigentliche Sinn der verhängnisvollen Expedition zunehmend klar . . ."
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"'Schweine grunzen, Enten quaken, Menschen lügen, so läuft das für gewöhnlich." S. 161

Zu aller erst: Der Roman ist nichts für schwache Nerven. Die Sprache ist vulgär, brutal, ziemlich blutig und thematisiert auch Vergewaltigung. Es werden die verschiedensten Aufspießungen und Häutungen beschrieben, die an Robben oder Eisbären vorgenommen werden, sodass jemand, der damit nicht gut zurechtkommt, hier seine Schwierigkeiten haben könnte.
Für mich persönlich war die Wortwahl manchmal zu derb, auch wenn ich verstehe, dass sie natürlich der Gruppendynamik und den damaligen Umständen geschuldet ist. An einigen Stellen konnte ich darüber noch hinwegsehen, aber die rassistischen Begriffe, die besonders im ersten Kapitel gefallen sind, finde ich einfach mehr als unpassend. Sie sollten nicht verwendet werden, auch wenn man denkt, dass sie zur damaligen Zeit passen. Gerade heute finde ich es wichtig da entgegenzuwirken.

Als ich vor dem Klappentext diese Zusammenfassung gelesen habe: "Das Schicksal einer Gruppe von Walfängern zwischen Eis, Blut und den Schrecken der Finsternis", musste ich (natürlich) sofort an Moby Dick denken. Umso gelungener fand ich den ersten Satz des Romans, der wie folgt lautet: "Sehet den Menschen." Kurz und knapp, Identitätslos, verallgemeinernd und auf eine Figur bezogen, die wir erst am Ende des Kapitels namentlich kennenlernen. Ein deutlicher Unterschied zu Melvilles "Call me Ishmael". Und doch passt dieser Kontrast sehr gut, besonders wenn man ihn den ganzen Roman über im Kopf behält.
Hier geht es nämlich grundsätzlich um die dunklen Seiten der Menschen. Und man wird mit der Frage konfrontiert, ob es überhaupt irgendjemanden in dieser Geschichte gibt, der nichts zu verbergen hat, der seine Identität (namentlich) gänzlich offenlegen kann.

"Er ist ein Drecksack und Schläger, aber das gilt für die Hälfte aller Männer an Bord. Wenn sie sanftmütige und zivilisierte Menschen suchen, Sumner, ist der Walfang vor Grönland nicht der geeignete Ort dafür." S. 127

Die Spirale, in die man als Leser / Leserin gezogen wird, fand ich durchaus geglückt. Zwar beginnt der Roman schon mit einer grausamen Tat, aber die Spannung und vor allem die Anspannung, die man am Anfang hatte, bleibt bestehen. An einigen Stellen ertappte ich mich dabei, wie ich die Augen weit aufgerissen habe, weil es nie aufhört, dass man sich von der Grausamkeit nicht überrumpelt fühlt. Hier kann man durchaus diskutieren, ob es eine geglückte und ehrliche Darstellung der menschlichen Abgründe ist oder ob es schon an der Grenze zum Übertriebenen ist.
Die angedeutete Dynamik zwischen den Figuren Drax und Sumner ist aber durchaus gelungen. Sumner, der sich eher bedeckt hält und einen Hang zum Lesen der Ilias hat und Drax, der nach und nach zum Mittelpunkt allen Geschehens zu werden scheint. So bleibt es auch eher eine Geschichte, die zwar auf dem Eismeer stattfindet und Wale, Robben, Eisbären (der Eisbär wird zu einem wichtigen Motiv!) erwähnt, aber es bleibt eine Geschichte, die sich auf den Menschen und seine eigenen egoistischen Interessen konzentriert.
Während des Lesens fielen mir zudem so viele interessante Aspekte auf, die man sicherlich noch näher analysieren und einen Kontext bringen könnte, aber leider habe ich auch hier meist nur noch die ganzen blutigen Passagen im Kopf, die alles zu übertönen scheinen. Daher bleibe ich bei diesem Roman mit einem sehr gemischten Gefühl zurück.


Der Roman, rund um den Arzt Patrick Sumner auf einem Walfangschiff, hat durchaus viele Spannungs- und Enthüllungsmomente, aber er ist gleichzeitig auch sehr brutal und weist oft eine vulgäre Sprache auf. Für mich war es, trotz der Umstände / Zeit / Gruppe einfach manchmal zu viel. Ich kann aber nicht leugnen, dass ich bis zum Schluss auf die Auflösung des Ganzen gespannt war. Ebenso gefielen mir die Kritik an gewissen menschlichen Verhaltensweisen und der damit zusammenhängenden Bestechlichkeit.

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