Ventoux von Bert Wagendorp

Juni 29, 2016




(Original: "Ventoux"/ 2013) btb, Übersetzer/in: Andreas Ecke, 320 Seiten,  gebunden  ★★(☆)  4,5 Sterne
"Fragen, die wichtig sind. Antworten, die sich gewaschen haben. Und alles vor der Kulisse des Mont Ventoux. - Bart ist Journalist, liebt Radrennen und ist fast fünfzig, als seine Jugendfreunde André, Joost und David unerwartet wieder in seinem Leben auftauchen. Und mit ihnen der Sommer des Jahres 1982. Ein Sommer, in dem sie alle in die schöne Laura verliebt waren, ein Sommer der großen Gefühle – und eines tödlichen Unglücks auf dem Mont Ventoux. Die Freunde waren achtzehn, als sie zu fünft die legendäre Etappe der Tour de France hinauffuhren – und zu viert zurückkehrten. Als auf einen Schlag ihre Träume zerplatzten. Und Laura, die mit ihnen in der Provence war, spurlos verschwand. Dreißig Jahre später, im Sommer 2010, will Laura die vier Männer am Ventoux wiedertreffen. Sie will darüber sprechen, was damals wirklich geschah. Und die Freunde folgen ihrer Einladung: die Rennräder auf dem Autodach, ihren Krempel im Anhänger und jede Menge Fragen auf dem Rücksitz …"


MEINE MEINUNG | FAZIT

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Beständige Freundschaften ähneln in gewisser Weise einem Regenbogen. Das Rationale von Joost, das Emotionale von André, das Romantische von Peter und das Stoische von David ergänzten sich. Bei aller gebotenen Vorsicht, wenn es darum geht, sich selbst zu charakterisieren, glaube ich, dass ich von allem etwas hatte.S.65

Ein Buch, das nur vom Radrennen erzählt und das automatisch langweilig sein muss? Ganz und gar nicht. Bert Wagendorp hat, meiner Meinung nach, einen wirklich packenden Roman geschrieben, der alles beinhaltet, was man sich als Leser nur wünschen kann. Überraschenderweise war der Roman zunächst, nur als Anfrage für ein Drehbuch, im Gespräch. Umso glücklicher die Tatsache, dass die Geschichte nicht nur als Film erschien, sondern eben auch als Buch. Denn das Buch ist mit so einer Unterhaltsamkeit, wie auch Nostalgie und Zartheit geschrieben, dass man sich gar nicht von den Protagonisten losreißen möchte. Man begegnet der Truppe zunächst in der Zeit, in der sie schon erwachsen sind. Dabei ist Bart der eigentliche Erzähler, aber keineswegs der einzig wichtige Protagonist. Durch die insgesamt sechs Freunde ist, auf der einen Seite, das Chaos irgendwie vorprogrammiert, auf der anderen Seite, entsteht dadurch das Gefühl der Vielfalt des Lebens, obwohl diese Fahrt auf den Mont Ventoux, zu dem Schlüsselereignis führen soll. Ich fand es gut, dass man die Protagonisten jeweils pro Kapitel näher beleuchtet. Sprich, jede Lebenssituation der Gegenwart, wird mit der, der Vergangenheit ergänzt. Für den Leser stellen sich so schnell die typischen Eigenschaften heraus, die jeden Protagonisten kennzeichnen sollen. Von der Gruppendynamik wurde ich von Anfang an mitgerissen. Ich kann es nicht besser beschreiben, als zu sagen, dass man sich fühlt, als säße man in einer der unterhaltsamsten, chaotischsten, charmantesten und doch irgendwie "typisch Mann", sitzenden Gruppe, die immer mal wieder ihre Bewunderung für das Rennradfahren und den Mont Ventoux auflodern lässt. Die Tatsache, dass eine Frau im Mittelpunkt steht und sich wohl die Männer sehr auf sie fixieren sollen, hat mir zu Beginn kleine Sorgen bereitet. Dazu gab es aber letztendlich keinen Grund, denn dieser Aspekt der "Liebe" im Allgemeinen, wird genau angemessen angesprochen und umgesetzt. Es gibt keine typischen und nervigen Liebespassagen, die überflüssig wären.

"´Fliegen ist schwierig, Lau [Laura], aber fallen kann jeder.´S. 157

Natürlich besteht der Roman aber nicht nur aus spaßigen Komponenten. Der Leser wird zu Beginn auf ein Geheimnis hingewiesen, welches sich wohl über die gesamten dreißig Jahre, nie offenbart hat. So verschmelzen lustige Gruppengespräche, mit sehr nachdenklichen und durch den Protagonisten Peter, sehr poetische Passagen, zu einem Ganzen. Es wird stark auf die verschiedenen Sichten auf das Leben eingegangen. Es geht um Freundschaft, um Zufälle, um die eigenen Stärken und Schwächen und sicherlich auch um die Frage, ob man auch vor seinen Freunden immer der sein kann, der man auch sein möchte. Das Buch ist so vielseitig, dass ich es gar nicht richtig eingrenzen kann. Der Schreibstil war für mich aber genau richtig gewählt: Eine Mischung aus typischen Männerwitzen (die aber wirklich nicht häufiger als nötig vorkommen), nachdenklichen Stellen und interessantem Basiswissen rund um die Kultur des Radrennens. Man sollte aber dennoch darauf achten oder zumindest bedenken, dass es sich hier nicht um einen Thriller handelt, der nur auf das Geheimnis abzielt. Besonders im letzten Drittel wird dem Leser vieles schon deutlicher und man kann einige Geschehnisse, die letzten Endes passieren, erahnen. Natürlich wird der Leser aber, während der ganzen Kapitel darauf hingelenkt, erfahren zu wollen, was es nun mit dem Ereignis vor dreißig Jahren auf sich hat und was zwischen den Freunden steht. Das Hauptmerkmal liegt für mich definitiv auf den Figuren selbst und deren Eigensinnigkeit, welche sich zu einem (eigentlich zwei) Roadtrip(s) verbinden und so eine Geschichte bilden, die dem Leser tatsächlich dieses Gefühl von einem "Sommer, der das Fieber in sich trug" vermittelt. Nicht zuletzt durch eben diese sommerliche Atmosphäre und die doch recht sympathische "holländische Mentalität", die man immer mal wieder im Hinterkopf behält.

"Beim  Radfahren kam mir allmählich die Erkenntnis, dass man jederzeit die Wahl zwischen rechts und links hat. Dass man immer dieselbe Strecke fahren, aber auch eine andere ausprobieren kann." S.13


Ein Roman, der durch seine einzigartigen Charaktere und durch seine wunderbare Kulisse überzeugt. Der Leser wird zum Teil dieses Gruppengespanns und versucht hinter ein lang gehegtes Geheimnis zu kommen. Lebensfroh und dennoch nostalgisch, wenn auch nicht sogar an manchen Stellen etwas melancholisch. Das Hauptmerkmal des Radrennens wird geschickt mit den Lebenswegen der Figuren verwoben und sorgt so für eine wunderschöne Atmosphäre. Die Freundschaft und die eigenen Entscheidungen im Leben sind zudem wichtige Bestandteile der Geschichte. Man würde sich selbst gerne auf ein Fahrrad schwingen und den Mont Ventoux in Angriff nehmen.



























Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Die Liebe des letzten Tycoon von F. Scott Fitzgerald

Juni 27, 2016



(Original: "The Love of the Last Tycoon. A Western"/ 1994) Bibliografie  auf der Verlagsseite (Diogenes Verlag)» , Übersetzer/in: Renate Orth- Guttmann, 233 Seiten,  gebunden,  Einzelband,  ★★(☆)  4 bis 5 Sterne
"Er ist der letzte Hollywood-Produzent, der Mittelmaß und Klischees nicht duldet: Monroe Stahr verbringt Tag und Nacht in den Aufnahmestudios, Vorführräumen und Drehbuchschreiber-Büros, um die Arbeit an seinen Filmen zu überwachen. Als ein Gewitter nachts die Kulisse für eine Burma-Szene unter Wasser setzt, ist er sofort zur Stelle – und entdeckt dabei zwei Frauen, die sich unerlaubt auf das Gelände geschlichen haben. Eine davon ist Kathleen Moore – deren natürlicher Charme Monroe Stahr vom ersten Augenblick an in den Bann zieht."
» Unvollendeter Roman, welcher nach F. Scott Fitzgeralds Tod fertiggestellt wurde. (Offenes Ende, aber Reihenfolge ungefähr nach Fitzgerads Vorstellungen)


MEINE MEINUNG | FAZIT

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Wir nehmen in Hollywood Fremde nicht mit offenen Armen auf, es sei denn, sie trügen ein Schild um den Hals, auf dem steht, daß sie ihre Loorbeeren anderswo erworben haben und uns nicht gefährlich werden können - mit anderen Worten, daß sie bereits prominent sind. Und auch dann müssen sie sich noch vorsehen.S.21

F. Scott Fitzgeralds Geschichten sind eine Klasse für sich. Jeder kennt sie - oder zumindest eine, nämlich "Der Große Gatsby". Aber auch andere Geschichten verdienen es, näher betrachtet zu werden. Auf "Die Liebe des letzten Tycoon" war ich sehr gespannt, da es die letzte niedergeschriebene Erzählung des Autors ist, bevor er verstarb. Daher ist die Geschichte nicht "beendet", wurde aber von einigen fleißigen Helfern, so zusammengesetzt, wie der Autor sich das anhand verschiedener Aufzeichnungen, wahrscheinlich gewünscht  oder vorgestellt hätte. Man begegnet den typischen Fitzgerald Figuren. Glamour, Stars, das wilde Leben sind Hauptakteure der Geschichte. Aber meiner Meinung nach ist dieses Buch deutlich von seinem ersten Werk zu unterscheiden. Hier wirkten mir Handlung und Figuren geradliniger. Die Handlung läuft auf gewisse Absichten zu und verliert sich nicht in irgendwelchen Nebengedanken. Ich fand es sehr interessant zu sehen, dass es sozusagen zwei Erzählerinstanzen gibt. Zum einen die junge Cecilia, die aus ihrer Sicht die Geschehnisse, wie auch die Person des Monroe Stahr schildert und zum anderen eine etwas höhere Erzählerstimme, die man mit der Sicht Cecilias gleichsetzen könnte, sie aber als Figur nie direkt anwesend ist. Um in diese ganzen etwas zusammengewürfelten Sichten nähere Einblicke zu erlangen, gefiel mir daher auch der kurze Anhang, der einige Gedanken dazu offenlegt. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte an sich stimmig und die wechselnden Perspektiven sind nicht störend. So wird ab und an mit Worten wie: "An dieser Stelle nimmt Cecilia selbst die Erzählung wieder auf."(S.128) angedeutet, wann sie das Gesagte nun miterlebt hat oder nur durch andere Informanten erfahren hat. Dadurch stellt man sicherlich schnell fest, dass es drei zentrale Figuren gibt: Monroe Stahr, Kathleen Moore und Cecilia Brady.

"Im Licht des Mondes war das Außengelände ein dreißig Morgen großes Märchen - nicht weil die Sets tatsächlich aussahen wie afrikanische Urwälder und französische Schlösser und  ankernde Schoner und der Broadway bei Nacht, sondern weil sie aussahen wie die zerfledderten Bilderbücher der Kindheit, wie Schnipsel von Geschichten, die in einem offenen Feuer tanzen.S. 45

Gekennzeichnet ist die Geschichte (soweit sie aber eben unvollendet ist) durch die Liebesgeschichte der Protagonisten. Erstaunlicherweise fand ich die Umsetzung dessen aber keinesfalls kitschig. Natürlich war Fitzgerald an vielen Stellen ein "Träumer" (zumindest nehme ich das in seinen Geschichten immer so wahr), aber er bezieht sich eben auch oft auf das schonungslose Leben, welches durch Konkurrenz und Macht geprägt ist. Daher ist für mich "Die Liebe des letzten Tycoon" nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch das Porträt eines Mannes, der versucht, sein Glück und seine Fähigkeiten in der Berufswelt zu finden und unter Beweis zu stellen. Obwohl man Fitzgerald selbst nach vielen Berichten, durch seine Eskapaden und Ähnliches,  als eher unsympathisch ansieht, schafft er es doch, dass man zumindest in seinen Romanen, die Figuren kennen und lieben lernt. Sie haben immer etwas Zerbrechliches, das man gerne bewahren würde. Ich habe vor allem Cecilia ganz gerne als Erzählerin wahrgenommen, da sie mir gewisse Situationen, die das Leben ausmachen, ganz gut eingefangen hat. Dadurch verlieh dies der Geschichte eine Art "wie das Schicksal so spielt" - Atmosphäre. Durch die Vielfache Überarbeitung und Neuübersetzung fällt es mir schwer nun genau zu sagen, oder einzuordnen, in wie weit die Wortwahl auch auf Fitzgerald zurückzuführen ist. Aber ich denke, man kann nicht abstreiten, dass man seinen speziellen Stil wiedererkennt. Ich habe die Geschichte schlichtweg sehr gerne gelesen und würde auch jederzeit wieder dazu greifen.

"´Was zum Teufel wollen sie verbergen?´ ´Vielleicht die Zukunft´ ,sagte sie nach einer kleinen Pause leichthin - und das konnte nun alles oder nichts bedeuten." S.131

Eine zwar unvollendete, aber dennoch in sich geschlossene Geschichte, die an viele Themen anknüpft und sie miteinander verbindet. Mit sogar sehr humorvollen Passagen und gleichzeitig "typisch romantischen" Passagen von Fitzgerald, wird dieses Buch zu einem würdigen Abschluss einer großen Schriftsteller Karriere. Ich würde es zwar nicht "das westliche Gegenstück zum Großen Gatsby" nennen, aber es liegt definitiv sehr knapp dahinter. Wahnsinnig tolle Erzählkraft, die einen wieder daran erinnert, wozu Literatur fähig ist.

Praterveilchen von Christopher Isherwood

Juni 24, 2016





(Original: "Prater Violet"/ 1945) Übersetzer/in: Brigitte Jakobeit, 128 Seiten,  gebundenEinzelband,  ★★  5 Sterne
Bibliografie  auf der Verlagsseite (Hoffmann und Campe Verlag)»
"Es ist das Jahr 1933. Europa steht am Abgrund, und in London laufen die Dreharbeiten für eine Filmschnulze namens "Praterveilchen". Der ebenso temperamentvolle wie narzisstische Regisseur Friedrich Bergmann, ein österreichischer Jude, hadert mit der Oberflächlichkeit seiner Branche und leidet an den politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Doch kaum jemand schenkt Bergmanns Mahnungen Gehör ...
Eindrucksvoll fängt Christopher Isherwood in diesem Roman - der anknüpft an sein wohl berühmtestes Werk "Leb wohl, Berlin" - die apathische Stimmung im England der frühen Hitlerjahre ein und seziert mit beißender Ironie die amoralischen Tendenzen des Filmgeschäfts."



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´Ein Film ist eine Höllenmaschine. Sobald er gezündet ist und in Bewegung gerät, dreht er sich mit einer enormen Dynamik. Er kann nicht anhalten. Er kann sich nicht beschleunigen. Er kann sich nicht zurücknehmen. Er kann nicht warten, bis Sie ihn verstehen.´“ S.33

Einige Bücher sind mehrere hundert Seiten lang und können dennoch manchmal nicht das zum Ausdruck bringen, was sie gerne würden. Andere wiederum schaffen es, genau dies zu tun und gleichzeitig noch weitaus mehr mit einzubeziehen, und das auf nur knapp hundertdreißig Seiten. Zu der zweiten Kategorie gehört für mich auch "Praterveilchen" von Christopher Isherwood. Mit recht schonungsloser Direktheit und einer angemessenen Prise Humor und Witz, zeigt der Roman dem Leser auf, welche Gedanken und welche Mentalität die Menschen zu der beschriebenen Zeit beherrschten. Die Angst um die Familien, die scheinbar ausweglose Situation des eigenen Empfindens in Hinblick auf die Frage, was man aus seinem Leben noch machen soll und das stete Gefühl, doch noch Hoffnung finden zu können. Was recht unterhaltsam beginnt, steigert sich zunehmend zu einer sehr aussagestarken Liebeserklärung an das Leben und die Kritik an den Verhältnissen und Moralvorstellungen unter den Filmemachern. Auch in diesem Buch setzt sich Isherwood als Protagonist in das Geschehen mit hinein und ist gleichzeitig der Erzähler. Obwohl das Buch als Anschluss an seinen Roman "Leb wohl, Berlin" gesehen werden kann, steht es in seinen Aussagen auch als selbständiger Handlungsstrang und Roman. Ich fand es sehr geschickt, wie Isherwood das Buch, parallel zur eigentlichen Idee des Buches, einen Film drehen zu lassen, auftreten lässt. Denn ich empfand es an vielen Stellen selbst beinahe als kleines Schauspiel, als Drama, das aber gleichzeitig unterhält.

"Im Zoo identifizierte er einen Pavian, eine Giraffe und ein Dromedar mit drei unserer führenden Politiker und tadelte sie öffentlich für ihre Verbrechen.S. 55

Die Beschreibungen der Szenerie sind ebenfalls knapp, aber so präzise, dass man sich genau vorstellen kann, wie Isherwood alles vor Augen sah. Die Wortwahl ist zudem immer so passend (in Einbezug der Tatsache, dass es eine Übersetzung ist), dass die Geschichte einerseits komische, humorvolle, wie auch beinahe träumerische Elemente enthält. Damit hätte ich persönlich ehrlich gesagt zunächst gar nicht gerechnet. Besonders die Figur des Friedrich Bergmann legt dar, wie das Denken der Menschen zu der damaligen Zeit umschwenkte, als sich ebenfalls die Konflikte zuspitzten. So wird er in das Zentrum gesetzt, er wird zum Dreh- und Wendepunkt der Geschichte und verkörpert die persönlichen Schicksale, wie auch die Einblicke in die Machenschaften der Filmindustrie. Isherwood selbst dient meist nur als Beobachter und als "Impulsgeber". Dadurch, dass das Buch also ein recht ernstes Thema anspricht, mochte ich die Verknüpfung der humorvollen Elemente. Ganz besonders traten diese zum Beispiel hervor, wenn die Eltern von Isherwood mit einbezogen werden oder wenn er sich selbst als etwas "tollpatschiger" Mann darstellt, der irgendwie gar nicht zu wissen scheint, was er denn nun machen soll. Das alles führt dazu, dass man ihn als Erzähler und als Figur sympathisch findet und ihm auch bei den ernsten Dingen gerne zuhört. Gleichzeitig wirkt das Buch dadurch aber eben nicht deprimierend. Eines meiner liebsten Spontankäufe, welches mich wirklich positiv überrascht hat.

"Es gibt eine Frage, die wir einander nur selten stellen: Sie ist brutal. Und doch ist es die einzige Frage, die es sich lohnt, unseren Weggefährten zu stellen. Was lässt euch weiterleben? Warum bringt ihr euch nicht um? Warum ist dies alles erträglich? Und was bewegt euch, es zu ertragen?" S.122
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Für mich ein sehr gelungenes, kurzes Buch, welches Isherwood perfekt inszeniert. Die Lage in London um 1933 wird gut hervorgehoben und gleichzeitig in eine unterhaltsame Geschichte verpackt, nämlich den fragwürdigen Mechanismen der Filmgesellschaft. Humorvolle Elemente, wie unterhaltsame Dialoge, lockern die Geschichte etwas auf, lassen aber nicht den eigentlichen Sinn aus den Augen. Sehr stimmungsvoll und in einer präzisen Weise zum Ausdruck gebracht. Isherwood zeigt auf, dass es nicht viele Worte braucht, um etwas Denkwürdiges auszusagen.



Red Rising: Im Haus der Feinde (Red Rising #2) von Pierce Brown

Juni 22, 2016




(Original: "Golden Son"/ 2015) Übersetzer/in: Bernhard Kempen, 576 Seiten,  BroschurBuchreihe / Trilogie,  ★★  4 Sterne
 1. Red Rising,  2. Red Rising - Im Haus der Feinde (engl. Golden Son),  3. Red Rising - Tag der Entscheidung (engl. Morning Star)
"Band 2 der New York Times-Bestsellertrilogie. Immer war Darrow stolz darauf, als Minenarbeiter auf dem Mars den Planeten zu erschließen. Bis er herausfand, dass die Oberschicht, die Goldenen, längst in Saus und Braus leben und alle anderen ausbeuten. Unter Lebensgefahr schloss er sich dem Widerstand an und ließ sich selbst zum Goldenen verwandeln. Nun lebt er mitten unter seinen Feinden und versucht die ungerechte Gesellschaft aus ihrer Mitte heraus zum Umsturz zu bringen. Doch womit Darrow nicht gerechnet hat: auch unter den Goldenen findet er Freundschaft, Respekt und sogar Liebe. Zumindest so lange ihn niemand verrät. Und der Verrat lauert überall."


MEINE MEINUNG | FAZIT

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Welcher Schrecken diese natürliche geborenen Menschen ergriffen haben muss, als sie sahen, wie die Eroberer vom Himmel fielen. Die perfekten Menschen, die jedoch Ketten statt Hoffnung brachten.S.43

Die Kämpfe rund um Darrow gehen in eine zweite, aber nicht weniger blutige Runde. Gekennzeichnet durch politische Verstrickungen, Verrat, todesmutige "Rebellen" und die Frage nach den eigenen Prinzipien, lässt Pierce Brown seine Charaktere vor einem neuen Schlachtfeld um das kämpfen, was ihnen wichtig erscheint. Man erkennt deutliche Steigerungen und Schauplatzwechsel zum vorherigen Teil (mit einigen Ausnahmen zum Ende hin, die ihre emotionale Absicht nicht verfehlt haben) und wird immer weiter in die Intrigen der politischen Anführer eingeweiht. Bevor man sich aber diesem Teil widmet und sich auf, wie sollte es auch anders sein, viele überraschende Wendungen gefasst machen muss,  würde ich jedem empfehlen sich noch einmal mit den Familienstammbäumen vertraut zu machen. Als ich begonnen habe die ersten Kapitel zu lesen, ist mir bewusst geworden, dass man über die Zeit doch die Grundlagen der Verstrickungen aus den Augen gelassen hat. So waren die ersten Kapitel für mich zunächst etwas unübersichtlich. Die wirklich vielen Namen, Familien, Häuser und dergleichen sorgen erst einmal für etwas Wirrwarr. Hat man sich damit aber wieder etwas vertraut gemacht, kann man sich auf eine sehr dichte Handlung freuen. Dabei empfand ich aber ebenso, die Ausgewogenheit zwischen dem schnellen Handeln der Figuren und der doch recht ausgebauten Beschreibung der Umgebungen und der Dialoge, sehr gut gewählt. So hat man als Leser bei jeder neuen Entwicklung ein genaues Bild vor Augen. Man wächst in diese Geschichte mit hinein und fiebert tatsächlich ständig mit.

"´Also geht es um Stolz. ´ ´Es geht immer um Stolz.´ ´Stolz ist nur ein Schrei im Wind.´S. 134

Der Schreibstil und die darin vorkommenden Beschreibungen der Kriegsgefechte ist ebenfalls angemessen, wenn auch zu bedenken ist, dass das Buch im Original in der "Young Adult" Sektion den größten Anhang findet. Natürlich. bei solch einer Geschichte kann auf gewisse Details nicht verzichtet werden, die das Morden veranschaulichen. Ab und an fand ich es aber doch recht brutal für ein "Jugendbuch". Es gibt aber wiederum Passagen, die sich durch ihre Verknüpfung zwischen den politischen Machtaussagen und den entgegengesetzten Moralvorstellungen, zu philosophischen Aussagen entwickeln und den Leser aus dieser "harten Welt" herausholen. Grundsätzlich kann ich das Buch kaum kritisieren, wenn es darum geht, die Spannung und die komplexe, erbaute Welt zu beurteilen. Pierce Brown schildert eine Welt, die sehr außergewöhnlich und voller unerwarteten Fügungen steckt. Sicherlich rechnet man irgendwie mit den "typischen Intrigen", man weiß aber tatsächlich nie, wer es nun letztendlich sein wird, der sich als dieser Intrigant entpuppt. Mir gefiel vor allem, dass Pierce Brown weiterhin die Sicht des Protagonisten Darrow beibehalten hat. Dadurch bleibt dem Leser stets präsent, dass es sich bei den meisten Figuren um sehr junge Menschen handelt (meist nicht älter als Mitte zwanzig) und dass diese dadurch eine Entwicklung durchstehen (müssen). Die Handlung bleibt dadurch aber stets fokussiert und spannend. Bei den letzten Kapiteln habe ich zunehmend versucht immer schneller zu lesen, weil man endlich wissen wollte, wie das ganze Endet. Man wird definitiv nicht enttäuscht, was den Cliffhanger angeht.

"Am Institut wurden wir im Überleben und Erobern ausgebildet. Hier an der Akademie unterrichtet man uns im Krieg." S.14

Auch der zweite Teil der Trilogie ist spannend und verzichtet nicht auf neue Wendungen und Intrigen. Stets im Vordergrund: die politischen Machtkämpfe und die in Abwechslung dazu stehenden Entwicklungen der Gefühle der Protagonisten. Nach dem etwas längeren Einstieg (Vertrautheit der Häuser, Figuren etc. ,muss erneut aufgebaut werden) bleibt es emotional und aufwühlend.



 Vielen Dank an den Heyne Verlag für die Bereitstellung eines Rezenionsexemplars!


Cornflakes mit Johnny Depp - Storys und andere Storys von B.J. Novak

Juni 20, 2016



(Original: "One More Thing"/ 2014) Übersetzer/in: Max Stadler, 330 Seiten,  gebundenEinzelband,  ★★  5 Sterne
Bibliografie  auf der Verlagsseite (Blumenbar / Aufbau Verlag)»
"Ein Junge, der in einer Kellogg‘s Frosties-Packung einen Gewinnschein über 100.000 Dollar findet und, als er ihn einlösen will, erkennen muss, dass dies seine Familie zerstören wird. Eine Frau, die bei einem Blind Date einen sympathischen Mann kennenlernt, bis sie herausfindet, dass er sein Geld als Warlord verdient. Wir treffen auf Sophia, die erste künstliche Intelligenz, die fähig ist, zu lieben, ihr Besitzer hingegen scheint damit mehr Schwierigkeiten zu haben. Wir erfahren, warum rote T-Shirts für Rendezvous besonders geeignet sind, wie Facebook uns daran hindert, das Geheimnis dunkler Materie zu ergründen, und wir erleben Johnny Depp, der sich von den Touristen im Hollywood-Doppeldecker-Tourbus zu immer gewagteren Motorradstunts hinreißen lässt. Dabei haben B.J. Novaks Storys eines gemeinsam: Im Zentrum stehen wir, die Leser, und Novak scheint immer genau zu wissen, was wir denken und warum. Mit diebischer Freude führt er uns an der Nase herum.."


MEINE MEINUNG | FAZIT

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Es reicht nicht immer mutig zu sein, erkannte ich Jahre später. Du musst mutig sein und auch etwas Positives beitragen. Mut allein ist nur eine Partynummer.S.295

Dieses Buch hat mich wirklich von der ersten bis zur letzten Seite wunderbar unterhalten! Dabei wusste ich, als ich es gekauft habe, noch nicht, dass ich den erzählerischen Stil von Woody Allen so sehr lieben würde. Denn genau daran haben mich die kurzen Geschichten, die manchmal beinahe als Witze fungieren, tatsächlich erinnert. Ich war dabei wohl nicht die einzige, denn sogar auf der Rückseite wird B.J. Novaks Stil mit dem von Woody Allen verglichen. Die Texte sind relativ kurz, so dass sich in dem Buch ganze vierundsechzig Geschichten. Manche bestehen nur aus wenigen Zeilen, die aber vollkommen ausreichen und das vermitteln, was sie eben zu beabsichtigen versuchen und andere weiten sich auf ein paar Seiten aus. Ich glaube in diesem ganzen Buch gab es keine Erzählung die ich schlecht fand oder mir gedacht habe, na das müsste nun wirklich nicht sein. Jedes Kapitel hat seine eigene kleine Wahrheit, Realität und eine gewisse Absicht, dem Leser, auf unterhaltsame Weise, gewisse Dinge vor Augen zu führen. Ich empfand dabei, dass das gesellschaftliche Verhalten im Fokus steht. Manchmal sogar so absurd und überzogen, dass es dabei manchmal verblüffend realistisch wirkte. Es werden natürlich viele "Arten von Menschen" etwas auf den Arm genommen, die die sich zu ernst nehmen, die die nach etwas Suchen, das eigentlich keinen Wert hat. Aber dennoch fühlt man sich nie vor den Kopf gestoßen. Selbst die Figuren, die manchmal merkwürdige Eigenschaften aufweisen, erscheinen einem nie unsympathisch.

"´George W. Bush ist der Vater von Miley Cyrus´ Baby!´ verkündete Wikipedia Brown. Diese Gesichte wird derzeit verifiziert.S. 232

Diese kleinen Erzählungen machen einfach gute Laune und auch ein wenig süchtig. Ich hätte am liebsten immer weiter lesen können. Das Gute an diesem Buch ist aber eben auch diese Kürze. So kann man immer mal wieder seine Lieblingsstellen nachlesen, ohne viel nachzuschlagen, oder ohne das gesamte Buch erneut lesen zu müssen. Es sind kleine Häppchen die man als Leser angereicht bekommt, die in ihrer Kürze alles Wichtige aussagen und man dennoch genügend Antrieb hat, um seine eigenen Gedanken weiterzuspinnen. In dem Zusammenhang gefiel mir vor allem das Einbauen der "Diskussionsvorschläge". Diese tauchen in zwei oder drei Kapiteln auf und werden zudem noch einmal abschließend auf der letzten Seite weitergeführt. Dort greift Novak herrlich amüsante Fragen auf, die man zunächst ganz einfach beantworten kann. Zumindest denkt man das. Je mehr und je länger man sich aber mit den Fragen beschäftig, desto schwieriger wird es, immer nur eine Antwort auf der pro oder contra Seite zu finden. Es ist also ebenfalls ein interaktives Buch, wenn man so will. Was mir ebenfalls innerhalb der Geschichten gefallen hat, war der Bezug zueinander. Einige vereinzelte Geschichten, die kleine Details aufweisen, nehmen Bezug auf eine vorherige Geschichte. Als Leser fühlt man sich gleich in eine Welt mit einbezogen, die man kennt und die einem dadurch noch vertrauter erscheint. Von dem Witz und der Gerissenheit, wie auch dem gesamten Humor des Buches könnte ich wirklich den ganzen Tag schwärmen. Es trifft einfach genau meinen Geschmack. Es hat mich unheimlich unterhalten, dass Novak die tatsächlichen Prominenten in seinen ausgedachten Geschichten, namentlich nennt und sich einen herrlichen Spaß daraus macht, gewisse Szenen ins absurde rutschen zu lassen (zum Beispiel, indem er einen Comedy Central Roast of Nelson Mandela veranstalten lässt, oder John Grisham ein Fauxpas mit seinem neuen Buchtitel geschieht). Ich finde es immer mühsam, wenn Autoren zwanghaft versuchen zu verschleiern, wenn sie über einen Prominenten reden möchten, sich aber immer an ausgedachten Namen "entlangeiern".

"Das ist wirklich lange her, dachte John Grisham. Jetzt hörte er das Ticken der Uhr. Waren einige Ticks lauter als andere? Wie kam es, dass man ab und zu eine Uhr ticken hörte? Sollte es nicht entweder immer oder nie der Fall sein? Wieso manchmal?"  S.30

Kurze, knappe, sehr unterhaltsame und wunderbar kreative Geschichten, die einen amüsieren und immer wieder schmunzeln lassen. Toller Humor und wunderbare Figuren. Meiner Meinung nach eine perfekte Lektüre für alle Lebenslagen und sicherlich für Fans des Humors und der Erzählart von Woody Allen. Spiegelt trotz seiner (öfters mal angewendeten) Absurdität, das pure Leben wieder.




Bobby von Eddie Joyce

Juni 17, 2016









(Original: "Small Mercies"/ 2015) Übersetzer/in: Hans-Ullrich Möhring und Karen Nölle, 415 Seiten,  gebunden,  Einzelband,  ★★  4 Sterne
"Der Tag, an dem sich alles veränderte – die mitreißende Geschichte einer New Yorker Familie nach 9 /11 Fast zehn Jahre ist es her, dass Bobby Amendola als Feuerwehrmann beim Einsturz der Twin Towers sein Leben lassen musste, und noch immer sind die Wunden in seiner irisch-italienischen Familie nicht verheilt. Weder bei dem Vater, der selbst Feuerwehrmann war, noch bei der Mutter, die weiterhin jeden Morgen in das unveränderte Zimmer des toten Sohnes geht. Auch beim großen Bruder, einem erfolgreichen Firmenanwalt, bricht der wohlgeordnet-sorgenfreie Alltag gerade auseinander, während das Leben seines Bruders Franky noch nie anders als zerbrochen war. Und dann will Bobbys Witwe ausgerechnet am neunten Geburtstag von Bobby Junior einen neuen Mann mitbringen in das Familienhaus auf Staten Island ..."


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´Du machst eine Schildkröte ohne Panzer aus ihm. Wenn die Welt dann hart zutritt, weiß er nicht, was er tun soll.´ Und die Welt hatte hart zugetreten.S.28

Es ist mir in letzter Zeit nie so schwer gefallen, ein Buch zu bewerten, wie dieses. Manche Bücher lässt man eigentlich lieber gern für sich stehen, ohne Bewertung. "Bobby" ist Eddie Joyces Debütroman und ist gleichzeitig mit so vielen Aspekten aus dem Leben und aus der Vergangenheit versehen, dass man am Ende erst einmal überlegt, worum es in dem Buch ganz genau ging. Denn obwohl es die Geschichte einer Familie erzählen soll, die durch den Verlust eines Familienmitglieds, ein aus den Fugen geratenes Leben führt, erzählt es meiner Meinung nach viel mehr. Vorneweg muss ich dazu aber sagen, dass mir, so sehr mich vor allem am Ende viele Passagen sehr bewegt haben, der Erzählstil über weite Strecken nicht ganz zugesagt hat. Ich mag es einfach nicht, wenn eine Geschichte, seien die Figuren auch noch so "runtergekommen", von einer ständigen obszönen Sprache lebt. Sicherlich charakterisiert dies die jeweilige Person, allerdings ist mir auch bei eher "neutralen" Stellen aufgefallen, dass mir der Ton oft einfach zu derb war (Es kann aber auch einfach schlicht daran liegen, dass ich kein Freund von unnötig oft vorkommenden Kraftausdrücken etc. bin). Wie aber bereits angedeutet, ist mir aber eben auch besonders zum Schluss, positiv aufgefallen, dass dieser Teil besonders gefühlvoll und passend geschrieben wurde. So wie den Figuren selbst, bleibt einem auch ab und an ein "Kloß im Hals" stecken. Bereits nach den ersten Kapiteln bleibt man mit den Figuren auf einer Ebene, die man schwer beschreiben kann. Ich kannte noch nicht die ganzen Eigenschaften, die Bräuche, die Kindheitserinnerungen der jeweiligen Figuren, die nach und nach erzählt werden, aber ich fühlte mich dennoch mit ihnen vertraut. Jedes Kapitel wird von einem anderen Familienteil erzählt. Jeder bringt andere Erinnerungen an Bobby, wie auch an die eigenen, mit. Man hat das Gefühl, man schlägt ein riesiges Familienalbum auf, und bekommt für jedes Foto eine Geschichte präsentiert. Mir gingen vor allem die Kapitel der Eltern sehr nahe, denn diese waren von der Gefühlswelt her, sehr komplex und doch legten sie alles offen.

"´Erzähl mir eine Geschichte über Bobby, die ich nicht kenne.´ ´Eine Bobby-Geschichte? ´Eine Bobby Geschichte.´ Es wurde ihr kleines Ritual. Wenn eine von ihnen einen Durchhänger hatte, bat sie die andere um eine Bobby-Geschichte.S. 106

Ich fand es erstaunlich zu sehen, wie sehr man ein gewisses Bild eines Menschen vor Augen hat, obwohl dieser nicht wirklich auftaucht. Er ist ein Schatten, nimmt aber nach und nach eine deutliche Gestalt an. Bobbys Geschichten werden durch die anderen erzählt, aber man weiß am Ende dennoch mehr über ihn, als über manch anderen. Bis auf das letzte Kapitel, welches einen sehr kleinen Einblick aus Bobbys Leben aufzeigt (der ihn aber genauso charakterisiert, wie die Familie dies getan hat), sind alle Kapitel darauf ausgelegt, diesen Verlust an der Familie und deren Weiterleben aufzuzeigen. Was mir daran besonders gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass der Autor ein Ereignis in den Fokus setzt, welches jeden aus der Bahn zu werfen scheint. Obwohl neun Jahre vergangen sind, wühlt dieses eine Ereignis erneut alles auf und führt den Leser so gezielt durch die Familiengeschichte. Dabei verbindet sich das Ende des Romans sehr gut mit den Anfängen. Man kann sagen, dass der Roman kein Buch ist, welches die wunderbaren Seiten eines Lebens aufzeigt, in denen jeder das tollste und beste aus seinem Leben gemacht hat. Nein, das Buch erzählt Geschichten, die einen Schmerz aufzeigen, von dem sich einige mehr und andere weniger erholen. Immer mal wieder, tauchen Szenen auf, die sicherlich schöne Momente aufzeigen. Momente, die niemand der Figuren vergessen möchte und die auch einen zentralen Punkt darstellen. Das Thema Hoffnung leitet einen also gewiss auch durch das Buch. Es zeigt aber auch die außerordentliche Verletzlichkeit der Menschen auf und thematisiert mit einer gefühlvollen Wucht, wie sehr dieser Anschlag auf das World Trade Center viele Familien und Menschen getroffen hat.

"Wenn du ein Kind verlierst, ist die klar, dass der Schmerz übermächtig und niederschmetternd sein wird, aber du rechnest eher damit, dass er eintönig sein wird: ein einzelner, entsetzlicher Ton, den du nicht mehr aus dem Kopf bekommst. Aber das stimmt nicht. Er hat Maße, er hat Tiefe." S.108
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Unabhängig davon, dass der Anschlag von 9/11 im Vordergrund steht und verdeutlicht, was für schmerzliche Verluste erlitten wurden, thematisiert das Buch die Chronik einer sehr außergewöhnlichen Familie. Obwohl es stets ein zentraler Aspekt bleibt, nimmt man die Geschichten der Familie nach und nach immer stärker unabhängig von dem Ereignis wahr. Es geht um Reue, Zusammenhalt, Traditionen, Schuldbewusstsein, Vergebung, wie auch Liebe. Ein sehr intensives und emotionales Buch, welches einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Für meine Verhältnisse, hätte es ein wenig auf die derbe Sprache verzichten können.








Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Neuzugänge Juni #2

Juni 15, 2016







Es ist mitte Juni und es haben sich noch drei Neuzugänge dazugesellt. Realtiv unterschiedlich, aber auch relativ vielversprechend. Ich bin gerade tatsächlich in einem "Lesestadium", in dem ich die Vielfalt genießen möchte und gerne zwischen Genres wechsel. Dadurch verringert sich bei mir eindeutig das Gefühl einer bekanntlichen "Leseflaute", wobei ich auch da sagen muss, dass ich noch nie wirklich das Gefühl verspürt habe, dass ich keine Lust auf eine Lektüre habe (liegt vielleicht eben genau an der unterschiedlichen Wahl der Bücher). Hier aber vorerst ein mal die Fakten der Neuzugänge:

Red Rising: Im Haus der Feinde (Red Rising #2) von Pierce Brown, Heyne
Im Original heißt der Titel "Golden Son". Das Buch ist der zweite Teil einer Trilogie und ist auf englisch bereits seit längerem erschienen. Da ich den ersten Teil bereits (ebenfalls auf englisch) gelesen habe und ihn gut fand, wollte ich dann doch wissen, wie es weitergeht. Ich habe mal wieder unterschätzt, dass es sich um ein doch recht umfangreiches Buch handelt, aber das wird wohl kein Hindernis sein.

Bobby von Eddie Joyce, DVA
Der Anschlag des 11. September war und wird auch immer eines der am meist diskutierten und meist im Gedächtnis gebliebenen Ereignisse bleiben. Dieses Buch beschäftigt sich mit dem Leben einer Familie, die durch diesen Anschlag einen familiären Verlust zu ertragen hatte. Es spielt neun Jahre danach und ist sicherlich lesenswert. Ich bin ganz gespannt, wie der Autor dieses Schicksal umgesetzt hat.

Mord in der Mangle Street von M.R.C. Kasasian, Atlantik Verlag
Dieses Rezensionsexemplar erreichte mich ebenfalls vor einigen Tagen. Bei Geschichten, die in England spielen, fällt es mir generell schwer, zu widerstehen! Hier handelt es sich um eine Krimi / Detektivgeschichte, die sich für mich ganz vielversprechend anhört. Zwar hat mich meine letzte Detektivlektüre nicht ganz überzeugen können, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch ich einen Zugang zu diesen Geschichten finden kann (abgesehen von Sherlock Holmes, denn die mag man einfach).




Wetten, dass wir uns lieben? von Orna Landau

Juni 14, 2016













(Original: "?"/ 2016) Übersetzerin: Gaby Wurster, 304 Seiten,  Broschur,  Einzelband,  ★(★)  1 bis 2 Sterne
"Nach zwanzig Jahren Ehe haben sich so manche Wünsche und Träume dem Alltag gebeugt - eine ernüchternde Wahrheit auch für Sarah. Und doch hatte sie sich ihren Geburtstag anders vorgestellt: Ihr Mann Ben meint, sich auch um die Romantik nun nicht mehr bemühen zu müssen, denn mit 45 habe sie ohnehin keine Chancen mehr auf einen Anderen. Sarah ist verletzt und empört, und sie wettet, dass ihr "Marktwert" dem seinen in nichts nachsteht. Ben zögert nicht lange und schlägt ein. Die Regeln sind einfach: 1) Die Wette bleibt geheim. 2) One-Night-Stands sind nur mit Fremden erlaubt. 3) Liebesaffären sind tabu. Als die beiden sich auf eine dreimonatige Beziehungspause einlassen, ahnen sie noch nicht, dass sie jede der drei Regeln brechen werden."


MEINE MEINUNG | FAZIT

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Sie haben kaum etwas zu verlieren, bis auf ihre Zukunft, die noch in weiter Ferne liegt. S.5

Dieses Buch war leider nichts für mich. Das muss ich glaub ich ganz ehrlich und an erster Stelle erwähnen. An und für sich mag ich solche Liebesgeschichten für zwischendurch, ehrlich (Bei beinahe allen muss ich an irgendeiner Stelle weinen)! Aber dieses Buch hat mich irgendwie nur runtergezogen und zum Schluss wollte ich auch nicht einmal mehr wirklich erfahren, wie es ausgeht. Das fand ich doch recht überraschend, da ich anfangs sehr optimistisch an das Buch herangegangen bin. Fangen wir einmal bei der Grundidee an: an sich ist das Konzept ganz interessant und hat auch recht viel Entwicklungspotenzial. Tatsächlich passiert auch recht viel in doch recht kurzer Zeit. Aber mir war es dann irgendwann einfach zu "nervig". Man kann sicherlich argumentieren, dass es Paare gibt und Geschehnisse gibt, die vielleicht tatsächlich Ähnlichkeiten aufweisen könnten, zumindest in Bezug auf die Verhaltensweisen des Liebespaares, welches sich auf solch eine Wette einlassen würde. Soll heißen, es kann ja tatsächlich realitätsnah sein und dafür sorgen, dass man sich einige Gedanken um die eigene Beziehung macht, aber ich konnte das Buch einfach nicht ernst nehmen und fand auch irgendwie den dazugehörigen Schreibstil zu "platt". Man erwartet ja eigentlich, dass sich doch nach und nach gewisse Gefühle beim Leser einstellen, die vielleicht glücklicherweise, mit dem Ablauf der Geschichte einhergehen. Bei mir war das leider nicht der Fall. Ich fand die Figuren eher unsympathisch und hätte beide am liebsten einfach mal in einen Raum eingesperrt, damit sie sich aussprechen. Ich habe mir zeitweise auch einfach gewünscht, dass ich die Figuren hätte selbst rausschreiben und neue reinschreiben können. Das klingt zwar sehr hart und ist vielleicht gar nicht gerechtfertigt, aber ich kann mit solchen Figuren einfach schlecht umgehen, geschweige denn, dass ich der Handlung dann noch folgen möchte. Vieles hat man vorhergeahnt und einiges habe ich versucht mit einem Kopfschütteln zu ignorieren. Ich hatte am Ende einfach das Gefühl, dass sich beide tatsächlich irgendwie "verdient" haben.

"Erst war Sarah aufgeregt, dann betäubt. Nun ist sie der Ansicht, dass dieser Vormittag sie im positiven Sinn deprimiert hat.S. 56

Mir gefiel zwar, dass die Beziehung der beiden von relativ vielen Seiten beleuchtet und sie durch den Freundeskreis etwas ergänzt wurde, aber an manchen Stellen hat es auch da etwas unschlüssig gewirkt. Ich dachte zum Beispiel bei gewissen Anspielungen an den Sohn, die recht weit vorne erwähnt werden, dass sein Leben ebenfalls einen wichtigeren Einfluss haben wird. Der Handlungsstrang blieb aber irgendwie in der Luft hängen und wurde dann am Ende kurz und knapp "zum Abschluss gebracht". Letzten Endes schien mir das auch bei anderen Stellen der Punkt zu sein, der mich meinen ließ, dass sich das Buch für mich einfach nicht weiterentwickelt, auch wenn die Figuren an sich vielleicht neue Stadien im Leben erreichen. Mir fehlten ein wenig die "bedeutenden Passagen", die sich von dem doch recht schlichten Erzählton unterschieden hätten und die das Buch einfach insgesamt etwas stimmiger hätten erscheinen lassen. Als ich schon fast die Hoffnung auf ein paar gute Seiten aufgegeben hatte, hat sich dann zum Schluss doch noch ein Kapitel offenbart, welches mir etwas besser gefallen hat. Darin wird genau das, was ich mir erhofft habe, nämlich diese nachdenkliche, sympathische Stimmung, etwas ausgebaut. Aber eben doch etwas zu kurz. An dieser Stelle möchte ich wirklich noch einmal darauf hinweisen, dass es meine ganz persönliche Empfindung ist! Es kann sein, dass ich die Verhaltensweisen der Figuren und die Erzählweise dessen nicht so ansprechend fand, weil ich selbst eben noch nicht in einer Ehe stecke. Jedoch weiß ich aber nun mal auch, wenn mich ein Buch berührt und etwas in mir auslöst oder nicht. Und so sehr ich es mir gewünscht hätte, aber bei diesem Werk war es nicht der Fall.


Eine Liebesgeschichte, die mich leider nicht ganz überzeugen konnte. Der Schreibstil und auch die Auslegung vieler Aspekte war mir nicht überzeugend genug. Das Konzept an sich hatte sicherlich Potenzial. An einigen Stellen hat mir das Buch durch gewisse Einschübe besser gefallen, konnte mich aber letztendlich nicht mitreißen. Es mag für viele authentisch wirken und vielleicht liegt es an meinen fehlenden persönlichen Bezügen zur eigentlichen Geschichte, aber für mich hat es, da es nun einmal ein Liebesroman sein soll, an den Gefühlen gefehlt. Viele Handlungsstränge kamen mir etwas unnötig vor und das "Ping-Pong" Verhalten der Figuren, hat mich zum Schluss immer denken lassen: "nicht schon wieder...".




























Vielen Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!