Im unwahrscheinlichen Fall von Judy Blume

April 26, 2016


(Original: "In the unlikely event" / 2015) 512 Seiten,  gebunden,  Einzelband |  ★★★★☆  4 Sterne

"1952: Die 15-jährige Miri Ammermann wächst wohlbehütet im Städtchen Elizabeth, New Jersey, auf. Ihr Vater hat sich zwar früh aus dem Staub gemacht, aber ihre liebevolle und kämpferische Mutter, ihre weise Oma, ihre beste Freundin Natalie und all die anderen Menschen in ihrem Umfeld stehen ihr bei ihren Schritten ins Erwachsenenleben zur Seite. Als sie ihre erste große Liebe Mason kennenlernt, scheint das Glück perfekt zu sein. Doch dann stürzt ein Flugzeug ab, und nichts ist mehr, wie es war."



MEINE MEINUNG | FAZIT

"Doch wir gehören immer noch einem Geheimclub an - einem, dem wir nie freiwillig beigetreten wären, mit Mitgliedern, die nichts gemeinsam haben, außer eine Zeit und einen Ort.
S.10

Eins steht schon einmal fest: das Ereignis des Flugzeugabsturzes wird nicht zu kurz angeschnitten. Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass das Buch rund um dieses Ereignis rumschreiben würde, was es zwar in einer gewissen Hinsicht auch macht, aber dennoch in einer anderen Art und Weise, wie man es annehmen könnte. Der Beginn des Ganzen ist für den Leser zunächst noch etwas undurchsichtig. Erst, als ich das Buch zu Ende gelesen habe und mir die markierten Stellen noch einmal durchgelesen habe, ist mir die Verknüpfung zwischen dem Ende und dem Anfang des Buches wirklich bewusst geworden. Natürlich habe ich den Anfang ebenso aufmerksam gelesen, aber mit der Zeit, muss ich wohl zugeben, habe ich gar nicht mehr an die ersten beiden Seiten gedacht. Das kann man positiv oder auch negativ sehen. Zumindest hat mich dadurch zum Schluss, die Wucht des Buches noch einmal "mitgezogen", denn die Verknüpfung war, wie ich finde, sehr geschickt gewählt. So muss ich sagen, stand ich dem Buch zunächst sehr skeptisch gegenüber. Es ging mir lange Zeit so, dass ich einzelne, pointierte Passagen sehr stark fand und andere hingegen im Vergleich dazu als unfassbar belanglos empfand. Natürlich ist für die Autorin hinsichtlich ihrer Figuren nichts wirklich belanglos, aber meiner Meinung nach hätte man viele Sachen weglassen können. Was mir gut gefallen hat, waren hingegen die zeitlichen Verknüpfungen. Die Geschichte spielt 1952 und das merkt der Leser auch deutlich. Die Atmosphäre wird gut vermittelt und trägt auch zur der "Überzeugungskraft" der Geschichte bei. In der Danksagung erwähnt die Autorin allerdings auch, dass sich gewisse Ereignisse, die für die Geschichte unverzichtbar sind, wirklich ereignet haben, was mich persönlich noch gefühlvoller zurückgelassen hat, da man vieles mit einer anderen Wahrnehmung betrachtet.

"Nimm dich in Acht. Das war ihre Standardantwort auf alles. Nimm dich in Acht wovor? hatte Gaby immer fragen wollen, aber sie kannte die Antwort ja schon: Nimm dich in Acht vor dem Leben." S. 288

Der Schreibstil ist für die Art von Roman sehr zutreffend und auch angemessen. Es werden sehr viele Perspektiven und Charaktere in den Vordergrund gestellt, die dadurch auch das Gefühl des Zusammenhalts verstärken, auch wenn die Geschichte thematisiert, dass sich ein Zusammenhalt leicht lösen kann. Das verhalten der Gesellschaft wird aber auch nicht nur positiv bewertet, sondern steht immer in einem kritischen Zusammenhang, da die Geschichte auch das "Verdrängen" gewisser Dinge thematisiert. Die Kapitel sind recht kurz und tragen immer die Überschrift des Protagonisten, über den gerade erzählt wird. "Miri" tritt dabei aber deutlich noch etwas weiter hervor, als alle anderen Figuren. Diese Form der Erzählung fand ich ebenfalls recht schlüssig, wobei man am Anfang noch deutlich länger braucht, um alle Verwandtschaftsverhältnisse überblicken, und dem Verlauf einfach folgen zu können. Die Einführung der, immer mal wieder, auftauchenden Zeitungsartikel, hat mir ebenfalls gut gefallen. Ich denke, dadurch hat sich das Gefühl verstärkt, dass man als Leser Teil dieser Gemeinschaft wird und quasi, wie die Bewohner auch, immer auf dem Laufenden gehalten wird. Man merkt deutlich, dass die Figuren einem nicht egal bleiben. Wobei ich definitiv auch mit einigen Charakteren meine Schwierigkeiten hatte. Sie waren mir vielleicht einfach zu unsympathisch oder haben sich für mich nicht vollkommen authentisch angefühlt, aber wie dem auch sei, insgesamt, hat das "Stadtbild" gut gepasst. Obwohl das Buch scheinbar alles aufzudecken scheint, bleiben beim Leser noch einige Fragen im Hinterkopf. So hat mich vor allem "Natalies" Charakter mitunter am meisten interessiert, weil man nie wirklich erfährt, was gewisse Anspielungen nun beabsichtigen sollten beziehungsweise, wie man sie selbst am liebsten deuten würde.

"Für den unwahrscheinlichen Fall... Aber das ganze Leben ist ja nichts als eine Abfolge von unwahrscheinlichen Fällen, oder? Ihres jedenfalls. Ein unwahrscheinlicher Fall nach dem anderen, die sich zu einem vielschichtigen Ganzen verbinden." S. 501


Eine Geschichte, die aufzeigt, wie sehr Menschen zusammenhalten (wollen), wenn sie das gleiche Schicksal getroffen hat. Viele Passagen sind sehr gefühlvoll und hinterlassen einen bleibenden Eindruck bei dem Leser. An mancher Stelle hätte ich zwar auf gewisse Handlungsstränge verzichten können, dennoch wird eine ganz besondere Atmosphäre aufgebaut, die besonders am Ende, die manchmal langatmigen Kapitel "wiedergutmacht". Viele Figuren werden erwähnt, aber vor allem "Miri" steht im Vordergrund. Auch hier muss ich sagen, hat das einen positiven Effekt, da die Fünfzehnjährige nicht nur die Geschichte der Stadt, in Hinblick auf das Ereignis, sondern auch ihre eigene Geschichte vom erwachsen werden, erzählt.



Vielen lieben Dank an den Heyne Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Shylock von Howard Jacobson

April 15, 2016




(Original: "Shylock is my name" / 2016) 288 Seiten,  gebunden, Einzelband |  ★★★★☆  4 Sterne

"Der reiche Kunstsammler Simon Strulovitch aus Manchester hat Sorgen: Seine aufmüpfige Tochter Beatrice ist in die Kreise der leichtlebigen Erbin Plurabelle und ihres persönlichen Assistenten D’Anton geraten. Nicht der richtige Umgang für ein jüdisches Mädchen, klagt Strulovitch seinem Zufallsbekannten Shylock. Dieser rät zur Zurückhaltung. Doch als Beatrice sich auch noch mit dem Fußball-Beau und Unterwäsche-Modell Howsome einlässt, sieht ihr Vater rot. Er verlangt, dass der junge Mann zum Judentum konvertiert. Mit Hilfe einer kleinen Operation ließe sich heute manches arrangieren. Aber das Leben hält nicht nur für Strulovitch ein paar Lektionen bereit."



MEINE MEINUNG | FAZIT

"Shylock ist kein Gelegenheitstrauernder wie Strulovitch. Er kann an nichts anderes denken. Weil er weder vergessen noch vergeben kann, gab es nie etwas anderes und wird es nie etwas anderes geben.
S. 11

"Shylock" ist ein Roman, der sich als neue Version von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" vorstellt. Die Verbindungspunkte werden schnell offensichtlich. Zum einen durch die Hinweisaufkleber, welche der Verlag selbst auf den Covern der Reihe anbringt (abziehbar ohne Spuren zu hinterlassen!), zum anderen durch die anfängliche Gestaltung, sprich die einleitende Szene aus dem Original. So stellt die Figur Shylock natürlich den ersten, elementaren Fokus der Geschichte dar. Ich muss gestehen, ich habe das Original nie ganz gelesen. Ich habe mich dennoch parallel zu der Geschichte etwas schlau gemacht, um vielleicht noch genauer, die Bezüge zu verstehen und die daraus resultierende Weiterentwicklung der Geschichte. Denn eine bloße Nacherzählung wäre eigentlich unnötig. Soweit ich das beurteilen kann, ist es Jacobson allerdings sehr gut gelungen, eine sinnvolle und auch interessante Geschichte zu erschaffen, die zwar stark an Shakespeares Werk anschließt, aber dennoch seine eigenen Eigenschaften aufweist. Ich bin mit dem Roman als solchen sehr gut zurechtgekommen. Der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen und hatte auch etwas sehr philosophisches an sich. Gepaart mit sehr außergewöhnlichen Handlungen und einer guten Konstellation der Protagonisten, konnte ich an keinem Zeitpunkt feststellen, dass ich mich gelangweilt habe. Howard Jacobson vermischt sehr moderne Aspekte der heutigen Zeit, seien es die Lebensumstände, High-Society Gesellschaften (die bei Shakespeare ja auch beschrieben werden) mit einem Hang zu alljeglichen Reality- Tv Absurditäten oder die moderne Technik, mit einer zu Shakespeare sehr passenden Ausdrucksweise. Wobei diese keineswegs veraltet ist oder durchgehend den Schreibstil imitiert. Jedoch verbindet sich die Geschichte gut mit den Eigenschaften, die man von Shakespeares Geschichten erwartet oder kennt. Ich hatte eigentlich durchgehend das Gefühl, dass ich einen modernen "Shakespeare" lese.

"[...] [U]nd einmal hat sich ein Deutscher auf einem Friedhof sogar bei mir entschuldigt. Als ich ihm daraufhin meine Hand reichen wollte, schien er jedoch Angst zu habe, sie zu ergreifen. Warum? Weil es in diesem Moment nicht mehr die Hand Shylocks war, sondern die des Juden als solchem, und als Gruppe sind wir ihnen immer noch unheimlich S.76

Jacobson bezieht sich vordergründig auf ein bestimmtes Thema und deren Veranschaulichung, hier die Eigenschaften, die dazu führen sollen, dass man ein "guter Jude" ist, statt sich einer bestimmten Gefühlswelt eines einzelnen Charakters anzunehmen. Natürlich steht die Gefühlswelt aller Protagonisten in einem geeigneten Zusammenhang, jedoch gibt es keine ellenlangen Monologe zu gewissen Gefühlen, Gedanken etc. was ich positiv fand, da dies dem Buch sicherlich einige Minuspunkte beschwert hätte. Das Hauptmerkmal, nämlich das Thema des "Judentums" ist von Jacobson sicherlich geschickt gewählt, da er dadurch nicht exakt die Absicht Shakespeares dupliziert, sondern sich die Kritiken, die das Werk erzeugt hat, als Basis gewählt hat. Der Leser wird durch die sehr unterschiedlichen Sichtweisen der Figuren ständig mit der Frage konfrontiert, was einen Juden "gut" macht, oder in wie weit sich das überhaupt zum Rest der religiösen Menschen abgrenzen sollte. Heißt es nicht einfach nur ein "guter Mensch" zu sein, statt sich in den Religionen bewegen zu wollen? Es ist also wirklich ein Buch, das zum Nachdenken anregt, auch wenn es manchmal durch die wahnwitzigen Einfälle von Strulovitch, an manchen Stellen absurd wirkt. Alle Protagonisten steigern sich in ihre persönlichen Probleme rein, was für den Leser hingegen wieder bedeutet, dass es keinen Stillstand in der Geschichte gibt und somit auch keine unnötigen "Lückenfüller". Mir gefiel die Verbindung der Figuren zueinander. Sie haben sich stets ergänzt und haben so dem Leser aufgezeigt, welche verschiedenen Ansichten es rund um das Thema gibt und wie sich Juden augenscheinlich von Christen gesehen und behandelt fühlen. Shylock stand für mich, gegenüber zu Strulovitch als Spiegelbild dar, dass er sich aber selbst nie vor Augen halten wollte. Das fand ich von Jacobson wirklich gut umgesetzt. Einen weiteren Erzählstrang bindet Jacobson noch durch die Familien beider Männer ein, im Vordergrund die jungen Töchter. Dadurch entstanden neue Möglichkeiten für den Leser, das Geschehen aus einer "jüngeren" Perspektive zu sehen und die Entwicklung der religiösen Einstellung zu betrachten. 

"Strulovitch [...] bestand darauf, dass auch er ohne Glauben war. Und vielleicht sagte er ja die Wahrheit. Was er besaß, war stärker als jeder Glaube, dem sie begegnet war. Es war ein Wahn, eine Raserei. Hätte sie unterrichten müssen, was ihn erfüllte, hätte sie es Juden-Irrsinn genannt. Juden-Irrsinn für die Sekundarstufe zwei.´" S. 147
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Eine gute Auslegung der im Buch vorkommenden Konflikte und die Ausarbeitung dieser. Die Fixierung liegt auf der Gesellschaft (Gesellschaftskritik), wie auch der Frage: Sind Christen und Juden wirklich unterschiedlich? und nicht zwangsläufig auf der bestimmten Entwicklung bestimmter Protagonisten. Dennoch findet man einen Zugang zu den Figuren, so dass durchaus eine Ebene gibt, in der man sich mit der Gefühlswelt beschäftigt. Einige wirklich irrwitzige Einfälle und Dialoge sorgen dafür, dass die philosophischen und religiösen Themen etwas aufgebrochen werden. Gelungener Auftakt dieser Reihe.





























Vielen lieben Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Wolken wegschieben von Rowan Coleman

April 11, 2016

(Original: "Lessons in Laughing out Loud" / 2012) Piper Verlag: Bibliografie  auf der Verlagsseite», 448 Seiten,  Taschenbuch,  Einzelband,   ★★★()☆  3 bis 4 Sterne
"Manchmal hat Willow Briar das Gefühl, unter einer dicken Regenwolke zu leben. Sie könnte es darauf schieben, dass sie ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringt. Oder dass sie verlernt hat zu lieben. Oder dass ihre skrupellose Chefin sie als ihre Leibeigene betrachtet. Doch der eigentliche Grund für ihre Unzufriedenheit liegt tief in ihrer Vergangenheit. Willow weiß: Sie muss etwas ändern und ihre Dämonen besiegen. Denn nur Verlierer stehen im Regen – aber wahre Gewinner schieben die Wolken einfach weg."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Und jedes Mal, wenn Willow vor der Entscheidung stand, ihr Leben zu ändern oder einfach so weiterzumachen wie bisher, wurde ihr klar, wie weit sie sich bereits von ihrem früheren Leben entfernt hatte, wie weit der Weg tatsächlich wäre - und tröstet sich mit etwas zu essen.
S. 111

Fangen wir mal ganz banal an: Ich mochte das Buch. Aber bereits am Anfang war ich sehr zwiegespalten, auf was ich mich hinsichtlich der ersten paar Seiten einlassen sollte. Es fängt wie eine typische "Frauengeschichte" an. Eine sehr eigene Chefin, Oberflächlichkeit steht im Vordergrund und Stars und Sternchen werden auch nicht außen vor gelassen. Das hat für mich im ersten Moment auch gar nicht zu den bisherigen Romanen von Rowan Coleman gepasst. Der Schreibstil war bis dahin ganz gut, hat mich aber immer wieder an einen eher durchschnittlichen Unterhaltungsroman erinnert.
Mit der Zeit lernt man aber natürlich die Charaktere immer besser kennen und findet so seine Lieblinge beziehungsweise seine Figuren, die man am liebsten verbannt hätte. So wird man in dem Buch sicherlich auf vielen Gefühlsebenen angesprochen, die den Leser nicht unbeeindruckt lassen, vor allem eben auf die verschiedenen Charaktere bezogen. Überraschenderweise war mir Willow, die Protagonistin, die gefühlten ersten zweihundert Seiten eher unsympathisch. Trotz ihrer doch lieblichen Eigenschaften, kam sie mir immer mal wieder etwas zu "gewollt" vor. Die Auslegung der Figur fand ich an manchen Stellen einfach unpassend. An anderen Stellen hingegen ist die genau die Richtige, um die Geschichte auf ihren Höhepunkt zu treiben. Sie wirkt vor allem dadurch sympathisch, dass sie nicht dem typischen Ideal entspricht. Sie isst gerne, wenn sie Stress empfindet oder verbringt ihre Zeit gerne in ihrem ruhigen Apartment. Auf der anderen Seite verkörpert sie alle Sehnsüchte, Ängste und Schicksalsschläge, die einem widerfahren können. Sie wird mit der Zeit zu einem Charakter, den man immer mehr bewundert, wenn auch die Dialoge und die Verhaltensweisen mancher Szenen eher gestellt wirkten. Willow war für mich am Ende dennoch eine positive Überraschung.
Und obwohl ich nicht damit gerechnet hätte, musste ich tatsächlich an der ein oder anderen Stelle herzhaft lachen.

"´Doch Chloe, das überrascht mich. [...] Als ich dich das letzte mal sah, wolltest du dir auf keinen Fall deine langen schwarzen Haare schneiden lassen, weil du sie länger wachsen lassen wolltest als Rapunzel, und du hattest dreiundvierzig pinkfabrene Teddys, die Pinky, Pinky Eins, Pinky Zwei, Pinky Drei, und so weiter hießen...´.“  S.87

Obwohl Willow einen sehr großen Teil der Geschichte lenkt, beziehungsweise einnimmt, fällt dem Leser die große Vielfalt an anderen Personen auf. Ich persönlich fand von Anfang an die Figur des "James" sehr sympathisch, auch wenn er ulkig daherkommt. Genau die Art von Person finde ich, ist aber ein typischer "Einschub" von Rowan Coleman. Es sind die Personen, die vielleicht nur am Nebenrand auftauchen, die den Leser plötzlich so mitfiebern lassen, dass man das Buch gerne weiter liest. Nichtsdestotrotz muss ich auch hier wieder den Einwand einfügen, dass mir Alles in Allem, der Anteil an Liebeswirrwarr und Beziehungsstatus doch zu viel war. Es ist verständlich, dass so etwas in einem Roman vorkommt, aber irgendwann wirkt es etwas zu willkürlich und zu gestellt. Da hatte ich das Gefühl, dass die Autorin einfach nur eine Zwischenhandlung einführen will, um die Zeit zu überbrücken, bis die wirklich gefühlvollen Stellen kommen. Denn ja, auch diese Stellen gab es in dem Buch! Ich habe nur leider nicht verstanden, warum man den Zwischenteil so "gezogen" hat.
Es gibt eine subtile Verbindung und subtile Anzeichen, zu Beginn, die auf ein gefühlvolles Ende hindeuten. Und ich finde Coleman ist ein sehr rührendes Werk gelungen (vor allem aber eben am Ende). Nicht nur, dass ich die Beziehung zwischen Willow und ihrer Schwester Holly wunderbar ausgearbeitet fand, ich mochte auch die Auslegung und die Überlegung dessen, wie scheinbar schöne Erinnerungen, nur ein Schein sein können, den man vor sich herschiebt, um die "Wolken" nicht sehen zu wollen. Allerdings fehlte mir auch hier wieder etwas die Konstante. Ich würde aber dennoch sagen, dass Coleman am Ende einen kleinen Zauber erschaffen hat. Denn den Aspekt der Schuhe und der symbolischen Figuren fand ich sehr sympathisch und irgendwie auch aufmunternd. Rowan Colemans Werke kann ich einfach nie "schlecht" finden, weil sie immer eine außergewöhnliche Geschichte erzählt und weiß, wie man den Leser sentimental werden lässt. 

"´Manchmal denke ich, dass in Gegenständen, in alten Sachen, die mal anderen Leuten gehört haben, ein klein wenig vom Leben dieser Leute drinsteckt.´" S. 239


Eine Geschichte, die einen hoffen lässt, dass für jeden ein "Happy End" bereitsteht. Schöne Auslegung von der Verknüpfung eines Märchens und der harten Realität. Gepaart mit sehr lustigen Momenten, gab es Charaktere, die ich sehr mochte. Andere wiederum waren für mich nur ein "Lückenfüller". Obwohl sich alles ganz gut ergänzt, hat mir an manchen Stellen aber das gewisse Etwas gefehlt, denn das Ende steht etwas abgeschnitten von den ersten Kapiteln. Das Buch sorgt aber für rührende Momente und zeigt, dass jeder den Mut finden sollte, für sein Glück zu kämpfen.



Vielen lieben Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Alles ist relativ und anything goes von John Higgs

April 06, 2016





(Original: "Stranger Than We Can Imagine. Making Sense of the Twentieth Century / 2015) Insel Verlag: Bibliografie  auf der Verlagsseite (Insel Verlag) » , 379 Seiten,  gebunden,  Einzelband,   ★★★★☆  4 Sterne
"Bei der Uraufführung von Igor Strawinskys Le Sacre du printemps am 29. Mai 1913 in Paris kommt es zum Eklat. Schon während der Eröffnungsmusik bricht ein Teil des Publikums in höhnisches Gelächter aus. Als die Tänzer auf den Boden zu stampfen beginnen, schlägt der Unmut der Zuschauer in Entrüstung um. Zu radikal ist der Bruch mit der Tradition. Ohne dass sie es gemerkt hätten, hatte sich alles geändert, als der Zeiger des Weltalters von 19 auf 20 sprang.
Auf fast allen Gebieten wurden im 20. Jahrhundert Entdeckungen gemacht oder Ideen entwickelt, die unser Bild vom Universum und von uns selbst auf den Kopf gestellt haben. Alles schien neu, nichts unmöglich: Maschinen, die denken, Hunde im Weltall und Menschen auf dem Mond. Alte Gewissheiten büßten ihre Geltung ein, hergebrachte Autoritäten verloren ihre Macht. Die Welt wollte kein Zentrum mehr kennen."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Stellen sie sich das 20. Jahrhundert als eine vor ihren Augen ausgebreitete Landschaft vor. Stellen sie sich vor, die Ereignisse der zugehörigen Geschichte wären Flüsse, Wälder und Täler. Unser Problem liegt nicht darin, dass diese Zeit und verborgen wäre, sondern dass wir zu viel über sie wissen. Wir alle wissen, dass diese Landschaft die Gebirge von Pearl Harbor, der Titanic und der südafrikanischen Apartheid enthält.[…] Das Gelände ist genauestens […] aufgezeichnet worden. Das kann überwältigend wirken.“
S. 16

Zugegeben, besonders viel habe ich vom 20. Jahrhundert nicht mehr mitbekommen. Wenn man 1991 geboren wird, dann bleiben einem neun Jahre, um Teil dieses Jahrzehnts zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass man diese relativ kurze Zeit, als Kleinkind, kaum reflektieren kann. Daher habe ich dieses Buch mit größter Freude gelesen. Ein ganzes Jahrhundert in ein Buch zu komprimieren, welches knapp vierhundert Seiten beinhaltet, wobei vierzig mit Quellenangaben und Nachweisen, wie einem Inhaltsverzeichnis versehen sind, das ist nicht ganz einfach. Natürlich, es gibt auch Geschichtsbücher, die weitaus eine größere Zeitspanne vereinen, jedoch sicherlich nicht so  unterhaltsam, wie es John Higgs gelingt. Er spricht den Leser direkt an und bezieht ihn in alle Theorien und Ereignisse mit ein. Er verknüpft Fakten mit Anekdoten und baut das gesamte Wissen als Gerüst auf. Jedes Kapitel schließt und beginnt mit einem guten Übergang. Es bleibt nichts in den Raum reingeworfen und nicht erklärt. Viele Stellen sind mit neckischen Kommentaren versehen, veranschaulichen aber immer das eigentliche Geschehen oder die Theorie, die der Autor vermitteln möchte. Dabei weiß er aber immer genau, wann man wieder ernst werden muss, nämlich an den Stellen, die mit gewissem Grauen assoziiert werden. Gewisse Witze oder Andeutungen auf bestimmte Persönlichkeiten sind demnach nie geschmacklos.

"Dalí besaß nicht den Filter, mit dem die meisten ihr Selbstbewusstsein versehen […]. In Freuds Modell fehlte ihm das Über-Ich, welches das Es gehindert hätte aus ihm hervorzuströmen. […]So meine Henry Miller: ´Dalí ist das größte Arschloch des 20. Jahrhunderts´.“
 S.118f.

Das Buch veranschaulicht dem Leser alle möglichen, aber auch alle wichtigen Themen des Zeitgeschehens des 20. Jahrhunderts. Die Themengebiete erstrecken sich von der Kunst, dem Film, der Musik, hinüber zu den Kriegen, den gesellschaftlichen Kämpfen und Erfolgen, wie auch hinüber zu der Mathematik und Physik und der Psychologie. Es ist nicht zu spezifisch, jedoch spezifisch genug, um die Zusammenhänge zu verstehen und alle Jahrzehnte in einem eigenen Licht sehen zu können. Die mathematischen oder physischen Ansätze sind dem Leser eigentlich bekannt, denn es handelt sich dort um Themen wie die Relativitätstheorie von Einstein. Jedoch gibt es auch Themen, die Zusammenhänge herstellen, wie „Die Unbestimmtheit“, die mir so nicht bekannt gewesen sind. Als vollkommen mathematisch unbegabter Mensch, konnte ich dennoch jedem Schritt folgen und habe verstanden, worauf Higgs abzielt. Es ist erstaunlich, wie viel Spaß ich daran hatte, dieses Buch Stück  für Stück und gleichzeitig auch das 20. Jahrhundert zu erforschen. Die Kapitel sind an sich nicht sehr lang, jedoch mochte ich es, nicht mehr als zwei oder drei auf einmal zu lesen, um zu wissen, dass ich mir die anderen Kapitel noch aufheben konnte. Mir gefielen vor allem die, vom Autor, herangezogenen Beispiele aus der heutigen Zeit, um komplexere Themengebiete zu veranschaulichen. So muss auch die TARDIS aus „Doctor Who“ für Erklärungsversuche herhalten. Zudem schafft es Higgs mit unvergesslichen Vergleichen, den Leser die Erklärungen nicht vergessen zu lassen. Er vergleicht den Zerfall eines Atomkerns mit der möglichen Schlagzeile, dass Putin ein Känguru schlagen würde oder erklärt die Namensgebung der Beatles Mithilfe des vorangegangenen Nihilismus. Was mich aber zusätzlich von dem Werk überzeugt, ist, dass auch die Literatur nicht zu kurz kommt. Sie wird ebenso als wichtiger Gegenstand des 20. Jahrhunderts angesehen. Higgs führt wahnsinnig viele Werke vor, die man am liebsten sofort alle lesen würde. Ja, ich kann durchaus sagen, dass das eine wilde Fahrt durch das 20. Jahrhundert gewesen ist und sie hat mir sehr gefallen, auch wenn nicht alles perfekt verlaufen ist. Die wenigen Jahre, die ich jedoch noch vom 20. Jahrhundert miterlebt habe, habe ich in diesem Werk definitiv wiedererkannt.

"Unter diesen Umständen wird das 20. Jahrhundert eine seltene Erscheinung gewesen sein. Eine Zeit, die einen Blick auf das Schlimmste und auf das Beste im Menschen bot." S. 342


Tolles Werk über die „Ups and Downs“ des 20. Jahrhunderts. Jedes Jahrzehnt, jedes wichtige Ereignis und jegliche Auswirkung habenden Entwicklungen wurden mit ein bezogen. Gute Strukturierung und gelungene Verwendung von Anekdoten. Es ist unterhaltsam und informativ zugleich. Hinterlässt sogar einen Hauch erzieherischer Maßnahmen, in dem er den Menschen die Augen öffnen möchte, für die Zukunft, die uns bevorsteht. John Higgs dürfte mir gerne noch andere Jahrhunderte niederschreiben. Ich würde sie alle sofort lesen!




Vielen lieben Dank an den Insel Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!