Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher von Pehnt, Holder, Staiger

Januar 28, 2017







(Original: "-" / 2013) Piper Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: - , 224 Seiten, gebunden, Einzelband, ★★★★★ 5 Sterne

"Warum die bedeutendsten Bücher in Wahrheit nie erschienen sind.
Wer weiß, vielleicht wäre der Roman »Feuerwanzen« das bedeutendste Buch unserer Zeit geworden. Leider ist er nie geschrieben worden. Vielleicht vergilben ja die besten Geschichten in den Schubladen der Schriftsteller. Keiner kann es sagen. Sicher ist nur, dass längst nicht alles, was sich ein Dichter ausdenkt, auch das Licht der Welt erblickt. Wer dafür verantwortlich zu machen ist, auf welch kuriose Abwege literarische Werke geraten können, davon erzählen leidgeprüfte Autorinnen und Autoren in dieser einzigartigen »Bibliothek der ungeschriebenen Bücher«. In pointierten, knappen Beiträgen lesen wir darin von der rätselhaften Magie ungenutzter Titelformulierungen sowie der schamlosen Wiederverwertung verworfener Romanstoffe."


MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Titel öffnen Türen für noch nicht betretene Räume, aber nur einen Spaltbreit; sie sind das wortgewordene ´noch nicht, aber gleich´.“  S.9

Obwohl ich lange um das Buch herumgeschlichen bin, ist mir davor nie aufgefallen, dass nur deutsche Autoren darin enthalten sind. Ich bin irgendwie fälschlicherweise davon ausgegangen, dass sich internationale Schriftsteller darüber „auslassen“, welche Werke sie nicht geschrieben haben und welchen Grund dies hatte. Oder sogar, dass Bücher genannt werden, die durch zufällige Manuskriptfunde aufgespürt wurden. Tatsächlich finden sich in diesem Buch also viele ausschließlich deutsche unveröffentlichte Bücher wieder. Und nach einiger Zeit verstand ich auch warum. Es geht nicht nur um unveröffentlichte Bücher, die aus irgendeinem Grund, vielleicht aus der Laune heraus, nicht verlegt wurden, sondern alles bezieht sich tatsächlich auf den Titel der Bücher. Daraus folgt natürlich, dass man erkennt, dass englische Titel in der Übersetzung schwer in den nötigen Kontext gesetzt werden hätten können. Aber nun gut, wir wissen jetzt: das Buch beinhaltet Kommentare deutschsprachiger Autoren, zum Thema nicht erschienener Bücher in Bezug auf die mutmaßlich unpassenden Titel. Insgesamt fünfundsiebzig sind es an der Zahl, recht erstaunlich für ein relativ dünnes Buch. Dennoch bietet es unfassbar viele, interessante Aspekte, in denen man sich nach und nach immer weiter verliert. Anfangs stand ich noch etwas skeptisch vor einigen Kapitel und habe mich gefragt, in wie weit das als Aussage dient. Denn einige „Erklärungen“ der Autoren, warum ein Titel nicht verwendet wurde oder wo er vielleicht doch zu finden sein könnte (in einem anderen Werk, als Nebensatz etc.), besteht nur aus einem Textauszug. Das schien mir anfangs etwas wenig, mit der Zeit aber passt es ganz gut in das Gesamtkonzept, da jeder Autor seinen eigenen Stil hat, den „Verlust“ eines Titels auszudrücken. 

"Im Verlag jedoch sagten sie, der Titel sei schlecht, die Buchhändler wüssten nicht, wie man den Titel schreibe, sie würden das Buch nicht im Computer finden. Folge: schleppender Absatz. So wurde es mir mitgeteilt.  S.49 – Arno Geiger über „Angostura“

Ergänzt werden die Aussagen durch erfundene, also extra für das Buch entworfene Buchcover, welche das Ganze noch einmal in einer viel „interaktiven“ Weise darstellen. Als Leser liest man den Titel worauf sich das Kapitel bezieht, liest den dazugehörigen Text und schwelgt dann in der Darstellung des Covers. Gleichzeitig tauchen Fragen auf wie: „Könnte das Buch nicht genau so erschienen sein?“ Denn tatsächlich fand ich viele Ideen wunderbar und durchaus umsetzbar. Am liebsten hätte ich viele Titel sofort erworben. Das Buch wird also zur wahren Fundgrube; was die Inspirationen in Bezug auf andere existierende Werke betrifft und was die allgemeine Inspiration auf ganz neue Ideen anbelangt. Ich persönlich fand es vor allem wunderbar unterhaltsam, wenn auch manchmal unfassbar ungerecht und erstaunlich, wie viele Autoren mit den Verlagen um einen Titel kämpfen mussten. Man geht davon aus, dass der Autor selbst mit sich zweifelt und den Titel vielleicht verwirft, dass aber der Verlag so eingreift, dass ein Autor mit dem Endergebnis nur semi-zufrieden ist, macht einen schon etwas melancholisch. Wie sehr hätte man ihnen gewünscht, dass sie ihr Projekt zu umsetzen könnten, wie sie es gewollt hätten. Umgekehrt gibt es aber auch lustige Beispiele, bei denen die Titeländerung ganz sinnvoll gewesen ist. Man merkt aber sehr deutlich, dass dieses Thema für alle Autoren rech sensibel ist und sie sich damit so oft und stark auseinandersetzen, dass sie stetig davon träumen, die Titel aufzubewahren und vielleicht irgendwann in ferner Zukunft noch einmal verwenden zu können. Mitunter eines meiner liebsten Kapitel waren definitiv „Meine Tochter zeigt mir ein Kunststück auf dem Grab meiner Eltern“ von Heinz Janisch und „Mein Abend mit den drei vollkommen identischen Tauben“ von Clemens J. Seitz (zusammen mit einigen mehr…).

"Seit zehn Jahren habe ich eine Haftpflichtversicherung, und noch kein einziges Mal musste ich sie in Anspruch nehmen. Und dennoch bin ich sehr froh, sie abgeschlossen zu haben, denn ich verdanke ihr gleich zwei potenzielle Romantitel.“  S.141 – „Tilman Rammstedt über Hüten fremder Hunde“

Tolles Buch mit fünfundsiebzig deutschsprachigen Autoren, welche sich zum Thema der verworfenen oder aufgehobenen Titel der eigenen Romane äußern. Wunderbar unterhaltsam, nachdenklich und teilweise wirklich einfach nur schön. Die zusätzliche Ergänzung, der speziell für das Buch entworfenen Buchcover, lässt das Buch noch interessanter und vielseitiger wirken. Wunderbare Idee und ebenso wunderbare Umsetzung.





Kommentare:

  1. Das Buch klingt sehr spannend - und durch die Fotos so schön in Szene gesetzt! ich mag es, wie du zwischendrin die Zitate platzierst. <3
    Danke für diese Rezension & viele liebe Grüße
    Lara

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    1. Danke! Ich stöber mal bei dir auf dem Blog, kannte ihn noch gar nicht und dabei hast du so süße Beiträge... :)


      Liebe Grüße
      Karin

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  2. Das ist ja ne richtig coole Buchidee! Heutzutage gibt es soo viele Bücher deren Inhaltsangaben wie schon 10x dagewesen klingen, da sind die Vorschläge in diesem Buch bestimmt innovativer. Und wie cool, dass es noch fiktive Cover dazu gibt. Darin will ich unbedingt mal rumblättern!

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