Panischer Frühling von Gertrud Leutenegger

Juni 02, 2016





(Original: "-"/ 2014) 220 Seiten,  gebunden,  Einzelband,   ★★★(☆)  3 bis 4 Sterne

"Ein Vulkanausbruch auf Island legt den europäischen Luftverkehr lahm, Zehntausende Menschen stranden an den Flughäfen. Während die Bilder der Aschewolke um die Welt gehen, steht über der Themse ein strahlend blauer Frühlingshimmel. Die Stadt wirkt wie abgeschnitten vom Rest der Welt. Auf der London Bridge begegnet die Erzählerin einem jungen Mann mit einem Feuermal im Gesicht. Jonathan verkauft die Obdachlosenzeitung. Er ist von der Südküste hierher geflüchtet, wo das Meer sich nimmt, was ihm nicht zusteht. Die beiden sind einander eigenartig vertraut. Sie teilen Verletzungen – den frühen Verlust des Vaters – und Hoffnungen, und allmählich, mit jedem Treffen ein wenig mehr, gehen die vergessenen Geheimnisse des einen in den anderen über. Dann aber verschwindet Jonathan ebenso plötzlich, wie sie einander begegnet sind, die Flugzeuge kehren zurück. Als der Frühling sich seinem Ende nähert, macht die Erzählerin sich auf die Suche, nach Jonathan, nach sich selbst.
- Ein zutiefst bewegender Roman über die eruptive Kraft der Erinnerung, die Suche nach der verlorenen Zeit. Über das Wiederfinden der eigenen Geschichte in einem anderen Menschen."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"[...] [U]nd auch ich spürte etwas von jener seltsamen Aufgeräumtheit, die Menschen manchmal beim Hören von einer Katastrophe, ist sie nur weit genug entfernt, erfaßt.
S.18

Das Werk thematisiert neben den zwei persönlichen Schicksalen ebenfalls einige geschichtliche Hintergründe, die sicherlich viel Potenzial bieten, in vielerlei Hinsicht. Ich kann mich aber nicht dazu hinreißen lassen zu sagen, dass ich das Buch ausgesprochen gut fand. Das lag aber weder am eigentlichen Thema oder an den verborgenen Metaphern oder Andeutungen, die verwendet werden, sondern eindeutig an den doch sehr schwankenden Formulierungen hinsichtlich der Entwicklung der eigentlichen Geschichte. Man wird zunächst mit der Protagonistin vertraut gemacht. Sie wird allerdings nie namentlich genannt. Für mich war es kein gewichtiges Kriterium, denn ihre eigenen Geschichten und ihre Art sich auszudrücken, haben sie recht gut charakterisiert, sei es nun, dass sie namentlich genannt wird oder auch nicht. Vielleicht stellte dies sogar noch den besonderen Bezug zu ähnlichen Schicksalen her. Wie dem auch sei. Nach und nach konnte oder wollte ich der Protagonistin aus irgendeinem Grund aber nicht mehr stetig folgen. Sie hat sich zunehmend in Beschreibungen gewisser Dinge verloren, die für mich manchmal ganz abrupt begonnen haben. Vielleicht muss man da als Leser einfach sensibler sein und sich etwas näher auf das Gesagte konzentrieren. Jedoch fehlte mir an der ein oder anderen Stelle schlichtweg der Wille. Das empfand ich als sehr schade, da ich mir viele schöne Passagen vermerkt habe, die wirklich etwas Besonderes vermitteln und die dem Leser auch sicherlich eine ganz Eigene Geschichte präsentieren. Die Spielereien mit den Worten und die Verknüpfung der beiden Vergangenheiten wurde, meiner Meinung nach, sicherlich sehr gut gemeistert. Rückblickend kann ich auch wirklich sagen, dass ich es schätze, wie poetisch die Autorin von dem Leben an sich erzählt. Von dem Leben der Vergangenheit, wie auch der Gegenwart. Die Momentaufnahmen der Protagonistin, die ihre Stadt, durch diese ungewohnte Lebenssituation, sprich dem Vulkanausbruch, wahrnimmt, ist sicherlich lesenswert. Leider hat sie sich manchmal zu sehr in Dingen verloren, die den Leser etwas "abschalten" ließen.

"Und ich, ebenso vertieft wie zerstreut am Doppelhaus unserer Erinnerungen bauend, wußte auf einmal nicht mehr, ob ich Jonathan gegenüber die raschelnden Teeblätter, die Kammer mit den verblichenen Fahnen, das Tantenzimmer überhaupt erwähnt hatte. Durch das Vertrautsein miteinander war in meinem Kopf ein labyrinthisches Durcheinander entstanden.S. 143f.

Das oben genannte Zitat veranschaulicht vielleicht noch einmal genauer, was ich mit diesem "verloren sein" ebenfalls, wie die Protagonistin, empfand. Es wurde an einigen Stellen verwirrend, da die Erzählerin selbst nicht weiß, welche Informationen sie bereits an den Gesprächspartner preisgegeben hat. Man kann natürlich damit argumentieren, dass das genau die Absicht ist. Die Geschichten sollen ja irgendwann zu "einem" werden. Aber der Inhalt war mir an manchen Stellen einfach zu "gedrängt" und ineinander verschachtelt. Viele Aspekte des Buches haben mir aber dennoch gefallen. Zum einen, sicherlich die Thematik. Ich habe zuvor auch kein Buch gelesen, welches diese Evakuierung der Kinder im zweiten Weltkrieg thematisiert. Verbunden mit der jetzigen Wahrnehmung der Welt, zum Beispiel in Zeiten, in denen der Luftraum gesperrt wird, ein Vulkan ausbricht, und für ein paar Tage darüber berichtet wird, danach aber alles wieder seinen gewohnten Gang nimmt, ohne auf diesen Ausbruch zurückzublicken, zeigt sicherlich die Merkwürdigkeiten des menschlichen Verhaltens auf. Sicherlich ist der Roman sehr vielseitig. Ich persönlich habe mich auch erst ganz zum Schluss mit dem eigentlichen Inhalt auseinandergesetzt, denn während des Lesens ist man schlicht und einfach, man möge es kaum glauben, mit dem Lesen beschäftigt. Es fallen einem nach der Reflexion deutlich mehr Dinge auf, die gewichtiger sind, als man vielleicht zunächst angenommen hat.

"Meine Großmutter sagte oft, das hätte ich von ihr, das wäre den Iren und den Menschen an den Küsten Cornwalls gemeinsam, daß sie ununterbrochen schweigen oder ununterbrochen erzählen würden, aber Schweigen und Erzählen sei ein und dasselbe, nichts anderes als das Rauschen des Meeres.S. 73f.


Interessante Spielerei der Identität und der persönlichen Geschichte der Protagonisten. Thematisiert Themen, die sich auf die Gebiete Cornwall und East End in England beziehen und zudem auch nicht sehr oft thematisiert werden. Immer mal wieder bekommt man auch, eine fast poetische Beschreibung gewisser Momentaufnahmen der Stadt, geschildert. Skizziert zudem auch wunderbar das tägliche Treiben der Menschen. Entfaltet vielleicht auch erst durch die anschließende Reflexion seine volle Wirkung.





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