Thementag #35: Erwartungen an den Leser / Blogger

Januar 08, 2016




Es hat schon beinahe die Kraft eines Mythos. Man kennt es und man denkt es meist selbst; Wenn jemand viel liest, dann ist er automatisch unfassbar intelligent, wortgewandt und weiß auf alles eine Antwort (Leute mit Brille sind dies ja sowieso). Denn Literatur ist bekanntlich dazu da, um sich weiterzubilden. Aber sollte Literatur nicht auch vorallem den Leser unterhalten? Ihn für ein paar Stunden erlauben vom stressigen Alltag abzuschalten? Als literarisch begeisterter Mensch wird man häufig danach gefragt, welche Bücher man empfehlen könnte. Dabei denkt man immer daran, ein Buch zu empfehlen, welches nicht nur unterhält, sondern auch bildet. Und das, obwohl der Gesprächspartner vielleicht eben nur ein "einfaches" Buch zum entspannen sucht. Als Blogger geht dieser Denkvorgang noch einen Schritt weiter. Man fühlt sich, als würde von einem verlangt, dass man nur die höchsten literarischen Werke liest, Bücher die vielleicht aus tausend Seiten bestehen und Rezensionen verfasst, die am besten niemand versteht, weil sie dadurch eloquenter und "fachmännisch" wirken. Wird man sonst etwa nicht als "tauglicher" Buchblogger angesehen? Sicherlich gibt es Bücher, die es verdienen etwas näher beleuchtet zu werden. Ich persönlich finde es auch wichtig, als Blogger gewisse Aspekte eines Buches zu erwähnen, die man als "ab und zu"- Leser vielleicht nicht aufschnappt. Dennoch denke ich, sollte doch jedem selbst überlassen sein, ob man sich in der Lage sehen möchte, das Werk komplett von Anfang bis Ende analysieren zu können und dies immer nach Außen zu transportieren. Jeder hat schließlich seinen eigenen Weg seine Gedanken zu einem Werk zu vermitteln.

Verständlich, dass auch das Gegenteil berücksichtigt werden sollte. Eine Rezension oder eine Buchempfehlung auszusprechen, die nur darauf beruht zu sagen: "Das Buch war gut, weil ein Hund darin vorkam" ist natürlich auch nicht die Lösung. Und ebenso gibt es nunmal auch Leser, die ihre Eindrücke lieber in einer gewählten Ausdrucksweise nahelegen können. Dies sollte aber meiner Meinung nicht ausschließlich als Grundsatz für jeden stehen, der gerne liest und Rezensionen schreibt (Ja, es gibt auch "Schundliteratur", die wohl sowieso ganz aus diesem Post rausfällt, da sie, seien wir mal ehrlich, nicht dazu geeignet ist, sie auf eine angemessene Weise zu präsentieren, auch wenn es nunmal auch Literatur ist). Wie es wohl mit allen Dingen ist, sollte wohl ein ausgewogenes Verhältnis zwischen einfachem Leseeindruck und ausgeprägter Ausdrucksweise die passende Alternative sein. Ich denke aber, man sollte vorallem nicht den Spaß am lesen (Weltliteratur oder Unterhaltungsroman) verlieren. Die Literatur genießt man immerhin am meisten, wenn sie einen berührt und etwas in einem auslöst und nicht, weil sie dazu geeignet ist anderen Menschen auf die Nase zu binden, wie literarisch gebildet man dann wirkt. Denn für den einen wertvoll ist es für den anderen vielleicht unnütz. Entscheidend ist, dass man sich in seinem eigenen Tempo weiterentwickelt und zu gegebener Zeit eine eigene (vielleicht auch literarisch anspruchsvolle) Ausdrucksweise findet. Man sollte aber von nemandem verlangen, zu reden und zu schreiben wie hochgelobte Schriftsteller, nur weil man sich für Literatur interessiert.

Gibt es bei euch auch Situationen, in denen ihr denkt, dass an euch gewisse Erwartungen gesetzt werden, weil ihr viel lest und Rezensionen schreibt? Oder ist euch diese Sichtweise eher neu?







Kommentare:

  1. Hey :)

    Also bis jetzt bin ich ehrlich gesagt noch nicht in solche Situationen geraten. Eher habe ich mir im Laufe der Bloggerzeit selbst die Frage gestellt, ob meine Rezensionen gut genug sind oder ob ich sie nicht verbessern sollte und wie ich das am besten hinbekomme. Hier hilft bei mir wohl nur ständiges Ausprobieren und Lernen.
    Bei Buchempfehlungen ist es bei mir eher andersherum: dadurch, dass ich gerne Goethe oder Thomas Mann oder Dumas lese, muss ich oft ein bisschen überlegen, was ich meinen Freunden oder meiner Familie empfehlen kann, wenn die mich nach einem Buch fragen. Denn die lesen solche Bücher in der Regel nicht (was auch nicht abwertend oder so gemeint ist) und weil ich das weiß, muss ich halt in andere Richtungen überlegen. Ich will ja auch, dass die Leute hinterher zufrieden sind. Und ich denke, das ist bei Empefehlungen das wichtigste: die Person gut genug zu kennen, damit man weiß, was für diese Person empfehlenswert wäre und bezogen auf den Blog, eine Rezension so zu schreiben, dass jeder einschätzen kann, ob es ihm gefallen würde oder nicht. :)

    Viele Grüße :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schon witzig, wie unterschiedlich mal so eine Situation aufnimmt. : ) Ich denke auch, es ist einfacher, wenn man die Person kennt und ihr dann einen Tipp geben kann, allerdings habe ich eben oft das Gefühl, dass viele denken, dass wenn man ein Blogger ist (bzw. Vielleser), dass man DEN Buchtipp schlecht hin hat und sie dann am Ende enttäuscht sind, weil es vielleicht nicht ihren Geschmack getroffen hat. Darum finde ich es manchmal so schwierig...


      Liebe Grüße,
      Karin

      Löschen
  2. Das mir der Ausdrucksweise ist mir noch nicht begegnet. Aber wenn mich jemand nach einer Buchempfehlung fragt, fängt es bei mir im Hirn anzurattern. Vor- und Nachteile der bisher gelesenen Bücher werden abgewogen, und und und ... - definitiv keine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Ich hab immer etwas "Angst" den sporadischen Lesern Bücher zu empfehlen, die ihnen vielleicht nicht gefallen oder nicht "das Beste" des Genres ist. Denn somit verwirkt man eventuell für denjenigen den Weg zu den Büchern und verschenkt somit kostbare und vor allem rare Lesezeit. Jetzt, wenn ich es nochmal lese, macht der letzte Satz kaum Sinn, aber vielleicht verstehst du mich ja trotzdem ;D

    Liebe Grüße Tessa

    AntwortenLöschen
  3. Ich kann ungefähr verstehen, was Du meinst, zumindest was die Selbstkritik angeht. Denn das ist es ja eigentlich. Niemand verlangt offen von einem, sich gewählt auszudrücken, anspruchsvolle Romane zu lesen und eloquent darüber zu schreiben. Aber unterschwellig hat man das Gefühl, man müsse dies tun. Unterschwellig fühlt man sich von anderen manchmal dazu aufgefordert. So geht es mir zumindest. Ich kann das nur auf Spannungsliteratur beziehen, da ich mich in diesem Genre bewege, aber dort ist es letztlich auch so. Auch wenn ja auf allgemeinen Literaturebene Kriminalliteratur oft noch naserümpfend bedacht wird (was in meinen Augen nur daran liegt, dass die Leute den Begriff viel zu eng fassen und gar nicht sehen, was Krimi alles sein kann, aber das ist ein anderes Thema...), ist es innerhalb des Spannungsgenres genau das gleiche, da gibt es die wertvollen und literarisch anspruchsvollen Krimis und die, die eher trivial sind, unterhalten können in meinen Augen beide und ja, Bücher sollen unterhalten. Sie sollen auch fordern und neue Sichtweisen und Gedanken ermöglichen, aber es stellt ja letztlich jeder Leser ganz eigene Anforderungen an ein Buch und was es mit einem machen soll und darf und wofür es gut ist. Na jedenfalls, innerhalb des Krimigenre habe auch ich ganz oft das Gefühl, das Du oben in deinem Artikel beschreibst. Lies lieber mal mehr die Autoren XY, die sind werden als anspruchsvoller/wertvoller/nachhaltiger/tiefgründiger/gewichtiger. Und dann finde ja angemessene Worte für so ein Werk. Aber ich lasse mich von diesem Gefühl nicht irritieren, ich lese die Bücher, die mich interessieren, die mich reizen und auf die ich gerade Böcke habe. Als Blogger bin ich in anderer Missions unterwegs als ein Literaturkritiker, Literaturwissenschaftler, Journalist oder Germanist. Ich will ja die Leidenschaft am Buch, am Lesen nach außen transportieren und auch die Bücher mitnehmen, die von den oben genannten Gruppen eher weniger brücksichtigt werden. Auf welchem Niveau man das macht, ist dann fast schon egal, denn so wie jedes Buch seine Leser hat, hat auch jede Buchbesprechung seine Zielgruppe. Letztlich sitze aber auch vor jeder Rezension und jedem Text und knabber viel zu lange an Formulierungen herum. Vielleicht ist es eine gute Mischung aus beiden, sich nicht von dem, was andere erwarten, verrückt machen zu lassen und trotzdem dem eigenen Anspruch immer ein bisschen Feuer zu geben, damit man weiterkommt.

    [Sorry, blogspot sagt, ich muss den Kommentar aufteilen, weil er zu lang ist! :D]

    AntwortenLöschen
  4. Wenn mich jemand übrigens ganz direkt nach einer Buchempfehlung fragt, fange ich auch an zu schwitzen. Denn auf dem Blog gebe ich ja eher allgemeine Tipps, versuche, Rezensionen so zu schreiben, dass jeder für sich die Erkenntnis herausziehen kann, die für ihn wichtig bei der Entscheidung zur Buchauswahl ist. Aber wenn mich eine Person direkt nach einem Buchtipps fragt, dann werde ich ganz analytisch, will wissen, was ihr zuletzt gefallen hat, welche Filme sie mag, was sie gar nicht mag und versuche dann möglichst genau abzuwägen, zu welchem Buch ich da raten könnte. Je näher ich die Person kenne, umso schwieriger wird es. Und auch da schaue ich, ob die Person eher etwas anspruchsvolles sucht oder lieber unterhalten werden möchte. Es geht ja auch beides gleichzeitig sehr gut. Aber persönliche Buchempfehlungen sind immer halbe Prüfungsaufgaben, weil man ja unbedingt dafür sorgen will, dass das Buch, das die Person dann liest, richtig viel Feuer entfacht und das Lesen ansich im besten Licht darstehen lässt. Ich bin zwar ein Typ, den es nicht wirklich stört, auch mal schlechte Bücher zu lesen, ich schaue mir auch mal einen schlechten Film an oder bleibe im Theater sitzen, auch wenn die Inszenierung ganz gräuslich ist, aber das ja quasi eher zu "Studienzwecken", damit ich besser einschätzen kann, was funktioniert und was nicht. Die Zeit hat der normale Leser beim Lesen natürlich nicht, da will man schon eine Buchempfehlung geben, die möglichst auch den letzten Krümel vom Hocker fegt.

    Tja, naja, wir müssen wahrscheinlich einfach nur ruhig Blut bewahren und Bücher lesen! ;)


    PS: Ich finde deine Fotos unglaublich großartig! :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Erst einmal vielen lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich finde du hast viele schöne Dinge gesagt, vorallem aber das stach für mich heraus:

      "Als Blogger bin ich in anderer Mission unterwegs als ein Literaturkritiker, Literaturwissenschaftler, Journalist oder Germanist. Ich will ja die Leidenschaft am Buch, am Lesen nach außen transportieren und auch die Bücher mitnehmen, die von den oben genannten Gruppen eher weniger berücksichtigt werden.“

      Ich glaube das verwechseln auch viele. Es gibt ja auch durchaus Literaturblogger, die kein Germanistik studieren, sondern sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen und die Literatur nur als Hobby ansehen. Da ist es natürlich auch schwer zu sagen, dass dieser auch selbst Rezensionen verfassen soll, die literarisch wertvoll sind. Und Buchtipps können ja auch auf vielen Weisen gut transportiert werden. Dabei ist das Gegenüber, wie du auch sagst, ganz wichtig. Denn es gibt großartige Bücher, die man selbst und viele andere vielleicht mögen, aber für die eine Person kann die Rezension noch so gut sein, und das Buch wird trotzdem ein falsches sein.

      Ich denke weiter Bücher zu lesen ist wohl wirklich eine sehr gute Verfahrensweise! : )


      Liebe Grüße,
      Karin

      Löschen
  5. Ich sehe das mit den Bloggern genau andersherum. Ich habe das Gefühl gerade als Blogger darf ich ganz anders und bin nicht an strikte Regeln und hochtrabende Worte gebunden so wie bezahlte Rezensenten in Zeitschriften. Bei Bloggern ist klar, dass (meist) eine Privatperson dahintersteckt, die einem Hobby nachgeht, von daher muss sich auch keine Rezension in irgendeine Form pressen lassen. Und ich glaube auch, dass es viel mehr um Tipps der guten Unterhaltung geht als um anspruchsvolle Belletristik, Ausnahmen gibt's natürlich immer :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielleicht habe ich da auch nur persönlich einen komischen Starteindruck gehabt, aber ich hatte zeitweise wirklich das Gefühl, dass Blogs mittlerweilse eben auch dem Anspruch genügen sollen, "vernünftige" Texte zu schreiben und sich nicht nur auf eine "einfache" Ausdrucksweise beschränken sollen. Dabei finde ich ja eben auch, dass ein Blog dazu da ist, um eben eine gewisse Nähe zu schaffen und keine Texte zu schreiben, die sowieso am Ende niemand versteht, weil sie durchgehend mit Fremdwörtern vollgepackt sind, um eben seriöser zu wirken.


      Liebe Grüße,
      Karin

      Löschen
    2. Kommt wahrscheinlich auch ganz drauf an welche Blogs man so liest ;)

      Löschen