In Andrews Kopf von E. L. Doctorow

September 05, 2015


(Original: "Andrew´s Brain" / ) von E. L. Doctorow,  Kiepenheuer & Witsch [klick] ,  208 Seiten,  Hardcover,  Einzelband,  ★★★★  5 Sterne
Original-Klappentext: "In seinem neuen Roman nimmt uns E.L. Doctorow, einer der ganz Großen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur, mit auf eine Reise in das Bewusstsein eines Mannes, dessen Leben nicht immer geradlinig verlief und dem die Trennschärfe zwischen Fakten und Fiktion abhandengekommen zu sein scheint. Andrew erzählt die Geschichte seines Lebens, eines Lebens voller dramatischer Umstände und Tragödien. Er erzählt von seinen Töchtern; die erste starb durch seine Schuld, die zweite musste er weggeben. Er erzählt von seinen Ehefrauen; von der ersten ist er getrennt, die zweite starb, weil sie am 11. September 2001 joggen ging. Und er erzählt von seinem Traum als Kognitionswissenschaftler: einem Computer, in dem das Bewusstsein sämtlicher Menschen, die je gelebt haben, reproduziert und gespeichert wäre. Und während Andrew erzählt, müssen wir Leser uns fragen, was genau wir denn eigentlich wissen über Wahrheit und Erinnerung, Gehirn und Verstand, über uns und die anderen. Gibt es so etwas wie Schicksal, oder ist am Ende doch alles selbst verschuldet? Andrew jedenfalls ist sich sicher: »Heutzutage kann ich niemandem trauen, am wenigsten mir selbst.« Stilistisch meisterhaft, mit sprachlicher Finesse, aber auch mit viel Humor und psychologischem Gespür lotet E.L. Doctorow die Grenze zwischen Geschichte und Geschichten aus, spiegelt sie an historischen Ereignissen und zeigt uns, welch tiefgehende Wahrheit im Erzählen zu finden ist."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Ihr alle lebt blindgläubig in der gesellschaftlichen Wirklichkeit - Krieg, Gott, Geld - , die andere vor langer Zeit erfunden haben, sagte ich, und das haltet ihr für das nackte Dasein." S. 197

Wer ist Andrew? Diese Frage stellt man sich fortwährend, wenn Andrew von seinen Erlebnissen erzählt. Ob sie wahr sind oder auch nicht wird offengelassen. Man taucht wirklich in die Gedanken von Andrew ein. Er spricht mit einem Doktor, spricht aber vielleicht doch mit sich selbst. Er erzählt von seinem Leben. Erzählt es aber aus der Ich-Perspektive und als dritte Person. Man wird sich absolut nicht einig mit seinen Informationen. Was sind Hirngespinnste? Was ist tasächlich geschehen? Der Leser wird in einen Strudel gezogen, der nur so vor Fragen strotzt. Gleichzeitig entstehen solch humorvollen Passagen, dass man lacht und denkt: "Ganz klar, er ist verrückt.". Andrews Leben scheint nur so vom Pech verfolgt zu sein. Allerdings wird dieses Pech in Frage gestellt. Kann es solche Zufälle geben, dass ein Mensch immer wieder das "Schlechte" heraufbeschwört? Und vorallem wird deutlich, dass die Person Andrew selbst nicht weiß, wer er ist.
Keineswegs ist dieses Buch aber nur auf die eventuelle Psychose des Protagonisten aus. Das Buch behandelt Themen, die einen schwerwiegenden Einfluss auf die Welt hatten. Politische Themen werden in den Vordergrund gerrückt.

" Wir sind [Gottes] Backup- Kopie, sein Notfallplan. Gott wirkt durch Darwin." S. 10

Obwohl das Buch nur 208 Seiten umfasst, wirft es Fragen und Gedanken auf, die manchmal nicht einmal ein dicker Wälzer hinbekommt. Das Buch spielt mit der eigenen Fähigkeit unterscheiden zu können, was Fakt und Fiktion ist, nur um am Ende eigentlich festzustellen, dass man dieses Buch nicht auf diese Weise kategorisieren kann. Man erfährt eine Geschichte, die so gewesen sein könnte, man lernt einen Menschen kennen, der vielleicht wirklich diese erzählten Erlebnisse gelebt und die erzählten Eigenschaften besessen hat. Es könnte diesen Arzt, mit dem er zu sprechen scheint, geben. Aber es könnte auch alles anders sein. Der Leser versucht sich mit der Zeit darauf zu trimmen, das Gesagte genau zu deuten. Man möchte hinter die Fassade blicken. Man spielt mit sich selbst quasi eine Art Spiel. Diese Technik, in eine Geschichte einzubinden fand ich von E. L. Doctorow wirklich grandios.

"Schreiben ist so etwas wie ein Selbstgespräch, und das halte ich sowieso schon die ganze Zeit mit Ihnen, Doc. Also bleibt sich das gleich." S. 53

Ich empfand es zudem als sehr gelungen, dass Andrew als Kognitionswissenschaftler viele Theorien rund um das Bewusstsein, den Verstand und die Seele aufstellt und gleichzeitig so verloren scheint. Sein Wunsch einen Computer zu entwickeln, der das Bewusstein aller Menschen miteinander verbindet, scheint manchmal in ihn selbst übergegangen zu sein. Denn seine Erlebnisse lesen sich manchmal, wie ein zusammengewürfeltes Leben. Was dem Leser aber nicht entgeht, ist eben auch die gefühlvolle Geschichte, die Andrew erzählt. Die Schicksale, die ihn getroffen haben und ihm alles genommen haben. Das faszinierende an der ganzen Geschichte ist, dass ich als Leser, immer noch versuche alle Dinge irgendwie zusammenzufügen und die Geschichte etwas zu durchschauen.

"[S]o hat er mich charakterisiert. Andrew der Täuscher. Und wie gesagt, das war nicht weit weg von der Wahrheit entfernt." S. 102

Oder ist es am Ende E. L. Doctorow der alle täuscht? Sein beinahe letzter Einschub des Doktors, Doc genannt, [was auch sicherlich interessant ist, auf seinen eigenen Nachnamen bezogen], lässt den Leser noch einmal eine ganz neue Sichtweise annehmen.


Humorvoll, voller Rätsel, Mutmaßungen und der Frage nach Wahrheit oder Illusion. Ein unglaublich gut gelungenes Buch, das den Leser an die eigenen Grenzen der kognitiven Fähigkeiten zu bringen scheint. Thematisiert auch politische und weltorientierte Bereiche. Andrew als, alles andere als zuverlässiger Leser, verbindet alle genannten, wissenschaftlichen Themen gekonnt zu einem Strang.




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