Greenwash Inc. von Karl Wolfgang Flender

September 16, 2015





(Original: "-" ) von Karl Wolfgang Flender,  Dumont [klick] enthält drei "Imagefilme" und zeigt eine kurze Lesung des Buches,  392 Seiten,  Hardcover,  Einzelband,  ★★★   4 Sterne
"Sie haben ein Unternehmen mit problematischem Portfolio? Genmais? Produktion in asiatischen Sweatshops? Kein Problem: Mars & Jung kümmert sich darum. Die Agentur bietet eine ganzheitliche Betreuung, von viralen Imagekampagnen über die Beschaffung von Fairtrade-Zertifikaten bis zum Krisenmanagement vor Ort. Falls es irgendwo mal brennt. In einer Textilfabrik zum Beispiel. In der es keine Fluchtwege gibt.
Thomas Hessel ist in dieser Greenwash-Welt zu Hause. Und er verfügt über die perfekten Eigenschaften, um hier Karriere zu machen: Kreativität, Empathie, Aufopferungsbereitschaft – und totale Skrupellosigkeit. Für PR-Storys reist er nach Brasilien, Indien oder Ghana und geht für den Erfolg seiner Projekte über Leichen. Er liefert dabei, was von ihm verlangt wird: die Lügen, die wir alle glauben wollen. Bis er selbst zum Opfer der eigenen Ambitionen wird. Karl Wolfgang Flender erzählt mit schmerzhafter Präzision die Geschichte eines steilen Aufstiegs – und eines rasanten charakterlichen Zerfalls. Ein erbarmungsloses Debüt: hochintelligent, schamlos und zynisch."
 
MEINE MEINUNG | FAZIT

"Allerdings sind es keine charaktergeprägenden Anekdoten, wie sie jeder Traveller beim Reisepass-Posing erzählen würde, sondern sorgfältig durchinszenierte Corporate Stories. Dieser Pass ist meine Trophäenwand, an der ich irgendwann mal die Neulinge entlagführen werde." S. 151

Das Buch in zwei Worten beschreiben? Nun, skrupellose Skurpellosigkeit würde es wohl ganz gut treffen. Karl Wolfgang Flender insziniert seine Figuren und seine Handlung so, dass eine Mischung aus Hinterhalt, Ironie und verborgenen Machenschaften entsteht. Man kann sich eigentlich auf nichts und niemanden verlassen auch nicht auf den Erzähler der Geschichte, Thomas Hessel, welcher durch regelmäßige Tranquilizer-phasen kaum seine eigenen Verhaltensweisen steuern kann.
Mich hat der "Sog" der Geschichte ehrlich gesagt erst etwas später gepackt, denn dann kommt der Augenblick, in dem sich alles zu einem großen Verwicklungsstrang zusammendrängt. Besonders die Figur des Firmenunternehmers Jens Mars wird immer spannender und man wird als Leser dazu aufgefordert hinter die Machenschaften dessen zu blicken, obwohl von ihm selbst nie viel preisgegeben wird.
Die grundsätzliche Idee der "Greenwash Inc." und des Buches fand ich wirklich innovativ und interessant. Natürlich setzt man sich mit dem Thema Nachhalitigkeit, in der heutigen Zeit immer mehr auseinander, sodass ich gespannt war, wie Flender diese eigentlich gut gemeinte Entwicklung auf kritische Weise hinterfragt. Obwohl man als Verbraucher natürlich ahnt, dass vieles nicht so "fair" ist und es so fair zugeht, wie es meistens von den Fabriken, Firmen oder anderen Unternehmen versprochen wird, greift dieses Buch diese Gewerbe noch einmal auf einem höheren Level an. Denn am Ende bleibt einem als Leser nichts, als feststellen zu müssen, dass wohl jeder von jedem hinters Licht geführt wird.

"Ein Aufkleber am Spiegel weist darauf hin, dass man die Handtücher mehrmals benutzen sollte, um die Umwelt zu schonen. Ich nehme alle von den Halterungen und werfe sie auf den Boden. Die Umwelt interessiert das Hotel einen Scheiß, das Einzige, worum es sich sorgt, sind die Wäschereikosten." S. 35

Man bekommt aber nicht nur einen Einblick in das Leben der durchtriebenen Geschäftsleute, die mit den Schicksalen der Leuten spielen, sondern man bekommt eben auch Einblicke in die speziell genannten Orte und Leben, die thematsiert werden, um das Geschäftskonzept zu visualisieren. Dies geschieht in Textilfabriken in Indien oder im Setting des Regenwalds. Es werden tragische Unfälle beschrieben, die mit einkalkuliert werden und es gibt zudem den Protagonisten, der sich wohl selbst ständig in einem tragischen Dasein befindet. Die Gestaltung der Psyche des Charakters fand ich im Großen und Ganzen sehr gelungen, da die Verwirrtheit und die eigentliche Zerrissenheit gut dargestellt wird. In manchen Szenen jedoch, fand ich den Wechsel zwischen berechnend und bereuend etwas zu unnatürlich. Nichtsdestrotrotz muss man fairerweise sagen, dass man irgendwie so oder so mit keinem der vorhandenen Personen sympathisiern kann. Die allgemeine Atmosphäre des Buches spiegelt eine unfassbar kalkulierte Gesellschaft wider, die nicht im Stande ist, durch wirklich gute Taten zu glänzen und die sich gegenseitig überbieten möchte. Der Schreibstil hat mir gefallen, wobei ich mir für die Handlung noch mehr Hintergrundinformationen zur Firma gewünscht hätte. Zwar werden zwischen den großen Kapitel immer mal wieder Werbeslogans der Firma eingesetzt und das Buch zielt ja auch eigentlich darauf ab, dass die Firma nie ganz "transparent" ist, jedoch hätte ich mir das ein oder andere Mal einfach etwas mehr an Details gewünscht, die das System veranschaulicht. Mir gefiel aber im Gegenzug sehr die Einarbeitung der Figur des Praktikanten. Sie hatte etwas gefährliches und vermittelte dem Leser stets das Gefühl, dass eben niemand sicher sein kann, selbst wenn es ein erfahrener "Schwindler" ist.

"Schon Shakespeare wusste, dass die Bösen visionär agieren und die Triebfeder der Geschichte sind, während die Guten lediglich in Kompromissen endende Konferenzen ausrichten." S. 230


Ein Protagonist, der augenscheinlich gegen die ganze Welt und sich selbst kämpfen muss und ein Unternehmen, welches skrupellos die Gutmütigkeit der Verbraucher benutzt. Spannend und gleicht zum Ende hin schon fast einem Psychothriller. Die anschließende Frage bleibt natürlich: "Steht es wirklich so schlimm um unsere Welt?"




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