Nicht mit mir von Per Petterson

August 16, 2015





























Titel: "Nicht mit mir" | Original: "Jeg nekter" | Autor/in: Per Petterson | Hanser [klick] | Seitenanzahl: 386 | Hardcover | Einzelband | ★★★☆☆ 3 Sterne

Original-Klappentext: "Früher waren Jim und Tommy unzertrennlich. Jim, der Gymnasiast, wuchs bei seiner frommen Mutter ziemlich wohlbehütet auf. Tommy lebte bei einem Pflegevater und arbeitete in der Sägemühle. Nun treffen sie einander nach über dreißig Jahren wieder: Tommy hat es in der Finanzbranche zu Wohlstand gebracht, aber der Job ist ihm zuwider. Jim ist Bibliothekar geworden, seit einem Jahr jedoch ist er krankgeschrieben und angelt am Fluss. In unvergesslichen Szenen schildert Petterson die Freundschaft der beiden Männer, ihre Frauen, ihre Einsamkeit, ihre Wut und ihren Trotz. Wie kein anderer erzählt der vielfach ausgezeichnete Autor aus Norwegen vom ganz Alltäglichen auf ganz ungewöhnliche Weise. "

MEINE MEINUNG | FAZIT

 "Da stand ich auf. Von wegen Frieden, dachte ich, von wegen etwas, was uns aneinanderkettet. Nicht mit mir." S. 224

Rastlos. Dies ist wohl ein Wort, mit dem ich den Roman als erstes beschreiben würde. Dabei geht es nicht nur um die ständige Rastlosigkeit der Figuren, die auf die verschiedensten Orte bezogen ist, sondern auch um die innerliche Rastlogigkeit, die niemanden unberührt zu lassen scheint. Die Protagonisten in Per Pettersons Roman sind alle vorbelastet, haben schreckliches erlebt oder befinden sich in einem psychischen Durcheinander. Diejenigen, die vom Glück gesegnet scheinen, haben dabei später genauso zu kämpfen, die es von Anfang an mussten. Die Geschichte rund um Jim und seinen langjährigen besten Freund Tommy und dessen Geschwister wird mit einer gewissen Monotonie erzählt, erweckt dadurch aber beim Leser genau das Gegenteil. Nämlich Gefühle pur. Zudem sei gesagt, dass meine "gute" Bewertung wohl nicht darauf zurückzuführen ist, dass mir der Schreibstil so gut gefallen hat, sondern was das Geschriebene mit dem Leser anstellt und in ihm auslöst. Ich fand es manchmal schwer, dem Schreibfluss folgen zu können, da einige Unterhaltungen komplett ohne jegliche Anführungszeichen oder Sonstiges dargelegt wurden. Allerdings spürt man, wenn man sich auf die Geschichte einlässt und sie nicht schnell runterliest, was für eine besondere Wirkung das Schicksal der Protagonisten auf einen hat. Besonders am Ende bleiben viele Fragen offen, viele Wege unbeschrieben, die man als Leser furchtbar gerne einfangen würde, von denen man dann doch gerne gelesen hätte. Aber das Buch spielt mit der Offenheit des Verleibs der Personen. Und das, was bei mir am Ende im Gedanken herumgespukt hat, war die Frage, ob es diesen Weg aus der Rastlosigkeit und auch der Auswegslosigkeit für alle geben kann.

"Meine Mutter sagt, dass es nicht gefährlich ist zu springen und durch die Luft zu schweben, du kannst von einem Wolkenkratzer springen, wenn du willst, und es ist nicht gefährlich. Erst wenn du landest, hast du ein Problem." S. 44

Was für mich den Text ausmacht, ist die Tatsache, dass man sich wirklich in die Protagonisten hineinversetzen  muss. Es ist meiner Meinung nach nicht möglich, den Text zu lesen, nichts zu hinterfragen und zu hoffen, dass man alles versteht und die Beweggründe der Personen, sich aus dem Geschriebenen ergeben. Denn wie sagt man so schön: Mann muss auch zwischen den Zeilen lesen können. Da das Buch aber in kleinere Kapitel geteilt und jeweils immer aus der Sicht einer der Personen oder aber auch aus der Sicht eines Erzählers geschrieben ist, kann man sich Schritt für Schritt an die Gefühlswelt des Buches hineinversetzen. Die Atmosphäre ist wirklich sehr "selbstständig" und lebt davon, dass der Leser sie dementsprechend deuten kann. Vieles wird zwar von den Figuren nur so "dahergesagt", hat aber das ein oder andere Mal eine andere Gewichtung. Ironischer oder paradoxer weise, verspürt man kein erdrückendes Gefühl beim lesen. Es gibt zwar wuchtig erzählte Szenen und der Inhalt im Allgemeinen ist eher ernst, dennoch hatte ich nie das Gefühl, dass mich der Text runterzieht. Das verdankt man am Ende vielleicht doch dem, für mich, außergewöhnlichem Schreibstil. Die Charaktere mochte ich dabei eigentlich alle sehr gerne, bis auf den Vater von Tommy. Man verspürt bei jedem das Bedürfniss, ihm helfen zu wollen, ihn unterstützen zu wollen und zu hoffen, dass sie ihr Glück im Leben finden werden.

"Dann würde alles bleiben wie es war. Aber es konnte nicht so bleiben, wie es war. Das ging nicht. Alles musste sich ändern. Sonst wär ich erledigt." S.240
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Was als amüsanter Einstieg in eine zufällige Begegnung alter Freunde beginnt, endet in einem Strudel voller Gefühle, offener Fragen und Schicksale, die einen bewegen. Der Schreibstil hat mir zwar nicht immer gefallen, die Geschichte dahinter umso mehr. Hat etwas melancholisches und verlangt vom Leser viel Einfühlungsvermögen.






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